Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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15.9.2019

Im falschen Film
Mel Gibson lässt fragwürdigen Obsessionen freien Lauf

Filmbesprechung "Die Passion Christi" von Angelika Obert

Die Kunstform unserer Zeit ist wohl gar nicht mehr der Film. Für die Kunstform unserer Zeit gibt es aus guten Gründen nur einen englischen Namen: Promotion. Denn sie steht vor allem in Amerika in hoher Blüte. Ist es etwa nicht genial, wenn es gelingt, aus erbärmlichem Mist ein kulturelles Ereignis von globaler Bedeutung machen?

Hut ab vor den Leuten, die für die Promotion von Mel Gibsons Film "Passion of Christ" zuständig waren! Schon zu Beginn der Dreharbeiten haben sie uns beigebracht, dass hier etwas ganz Großes auf uns zukäme, mit dem wir uns unbedingt beschäftigen müssten. Einzigartige Authentizität wurde uns angekündigt: Jesus spricht aramäisch! Aber wir wurden auch beunruhigt: Das Drehbuch sei antisemitisch. Für schlichtere Gemüter gab es Nachrichten von Heilungswundern am Filmset. Schließlich erreichte uns mit Filmstart die Kunde von erschütternden Bekehrungserlebnissen in den Staaten, aber auch von peinvoll realistischer Gewaltdarstellung, die in Australien die Leute aus den Kinos trieb. Grund genug für lange Grundsatzartikel in den Feuilletons, die im "Tagesspiegel" in der besorgten Frage mündeten, ob Mel Gibsons Passionsfilm etwa die "Rückkehr Gottes" anzeige.

Kitschige Kinderbibel

Auch wir Kirchenleute waren angestochen. Wohl wissend, dass wir uns einen detailverliebten Kreuzigungsfilm würden anschauen müssen, machten wir uns vor der Vorstellung Mut: Ob es nicht auch gut sei, aus der "wattierten" Karfreitagsstimmung mal herausgerissen zu werden und sich dem Grauen der Passion Christi wirklich zu stellen? Ob nicht auch die Maler im Mittelalter, im Barock sehr drastisch...? Oh, das war ein sehr angeregtes theologisches Gespräch – vor dem Film.

Doch als sich der Vorhang öffnete und wir dem Geschehen auf der Leinwand ausgeliefert wurden, wich das Denken einer zähen Qual. Schon der Beginn, der Jesus schlotternd unterm Vollmond zeigte, verriet: Über das Niveau einer besonders kitschigen Kinderbibel will der Film nicht hinaus. Sollen wir lächeln? Uns langweilen? Nein, schämen müssen wir uns, denn alsbald werden wir merken, dass diese Kinderbibel-Kitschaufnahmen nur die Pappe sind, die eine nicht enden wollende Folterorgie zusammenhalten. Es ist – auch mit Journalistenpflicht – nicht anständig, sich so was anzuschauen.

Unbegreiflich: Wie kann ein Filmmann, der sich als Christ versteht, die Dramatik der biblischen Passionsgeschichte so völlig verfehlen? Wie kann es ihm entgehen, welche Aspekte menschlichen Versagens und menschlicher Angst da beleuchtet werden? Was hat ihn getrieben, sich so ganz und gar auf die Marter, das Zufügen von Schmerz, die Zerstörung eines menschlichen Körpers zu konzentrieren? Und warum entfaltet er dabei eine so "unauthentische", weit über die Evangelienberichte hinausgehende Fantasie?

Dröhnen, Knallen, Brüllen

Aramäisch wird gemurmelt, weil die Gewalt keiner Sprache bedarf. Ans Ohr dringt allerdings zwei Stunden lang ein beständiges Dröhnen, Knallen, Brüllen, ein Unheilssound, der den Puls einklemmt und das Herz in Erregung versetzt. Die Bilder nähern sich immer mal den berühmten Kreuzigungsdarstellungen der alten Meister an – wir sollen wähnen, uns im Bereich christlicher Kunst zu befinden. Aber auch da muss Gibson noch ein Vielfaches an Blut und Wunden draufsetzen.
Hat er vielleicht die Idee, dass uns im Sohn Gottes der "Superman" des Leidens begegnet, der mehr gefoltert wurde als je ein anderer Mensch und dessen Ausdauer im Erleiden wir gar nicht genug bestaunen können? Nicht einmal scheinfromm wäre das: Ein schäbiges Benutzen der Passionsgeschichte, um der Lust am Quälen freien Lauf zu lassen.

Und wie sollen wir das deuten: All diesen Bildern vom Schlagen, Stechen, Nageln werden Bilder vom Zuschauen gegengeschnitten, unendlich viel Filmzeit wird dem Zuschauen gewidmet: Die jüdische Priesterschaft schaut zu, gefasst und in Reih und Glied, die römischen Offiziere schauen zu, lockerer gruppiert – das Schlimmste aber ist: Es schaut auch eine Dreierbande zu, die wir aus dem Evangelium kennen als "Maria, Magdalena und den Jünger, den Jesus liebte". Mit runden Augen huschen die drei von Marterplatz zu Marterplatz, wischen auch mal das Blut auf. Gibt das den ultimativen Kick, wenn Frauen beim Foltern zugucken?

Mel Gibson ist nicht Michelangelo

Wollte ich den Film ernst nehmen, müsste ich erschauern: Wie tief ist das Christentum gesunken, wenn es sich so präsentiert? Ich müsste davon laufen – weit weg in ein tibetisches Kloster, um mit eifrigem Mantram-Singen die Atmosphäre zu reinigen von den blutigen Fantasien der Christen.
Aber bleiben wir gelassen. Mel Gibson ist nicht der Michelangelo des 21. Jahrhunderts. Er hat bloß einen sehr schlechten Film gemacht, in dem er seinem religiösen Größenwahn und seinen fragwürdigen Obsessionen freien Lauf ließ. Leute mit religiösem Größenwahn und fragwürdigen Obsessionen hat es auch früher schon gegeben – nicht selten haben sie es zu Geld und Ruhm gebracht. Heute machen sie – dank Dolby-Sound und Promotion-Truppe – auch noch fürchterlich viel Krach. Mit dem Gott, den die Bibel bezeugt, hat das gar nichts zu tun.

Aus der evangelischen Wochenzeitung "Die Kirche" vom 14.3. 2004.
Angelika Obert ist Rundfunkbeauftragte der EKBO (Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.)

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