ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.5.2019

Mein Studienurlaub im Herbst 2003

von Pfarrer E-Mail

Im Frühjahr 2003 beantragte ich einen dreimonatigen Studienurlaub.
Nachdem meine Pfarrkollegen und der Gemeindekirchenrat ihr Einverständnis gegeben hatten und auch der Kirchenkreis seine Zustimmung erklärte, erhielt ich im Sommer die Genehmigung des Konsistoriums, der Kirchenbehörde unserer Landeskirche:
Ich durfte vom 15. September bis zum 14. Dezember Urlaub nehmen vom Pfarrdienst in Petrus-Giesensdorf und mich meinem Studienthema widmen.

Mein geplantes Vorhaben


Südwestfriedhof Stahnsdorf

Hauptanliegen meines Studiensemesters war es, systematisch historische Gräber auf Berliner Friedhöfen zu erkunden und den künstlerischen Ausdruck von Trauer in Gestalt von Grabplastiken photographisch zu dokumentieren. Daneben interessierten mich individuelle Gestaltungsmöglichkeiten und Ausdrucksformen öffentlicher Trauer heute.

Meine Hauptfrage lautete: Was zeigen Grabskultpuren als materieller Ausdruck ideeller Trauer und zeitgenössischen Todesverständnisses?

Diese Frage sollte mich bei meiner Erkundung und photographische Dokumentation auf Friedhöfen leiten. Zusätzlich wollte ich auch veröffentlichte Arbeiten aufgreifen. Mir erschien es erstrebenswert, meinen Horizont gezielt auch über meine Heimatstadt Berlin hinaus zu erweitern und einige andere Städte zu besuchen. Facetten aktueller Bestattungskultur sollten demgegenüber nur punktuell betrachtet werden, quasi als Fundstücke am Wegrand.

Mein Studienurlaub

In der ersten Hälfte meines Studienurlaubs konzentrierte ich mich auf die Erkundung historischer Friedhöfe in Berlin. Ich wusste wohl, dass ich das Licht der späten Sommerzeit für die photographische Dokumentation – Belichtung von Diapositiv-Filmen – gut ausnutzen sollte.


Südwestfriedhof Stahnsdorf

Der Mehrzahl der unten aufgeführten Friedhöfe stattete ich einen einmaligen Besuch ab. Den Südwestfriedhof in Stahnsdorf, den Parkfriedhof Lichterfelde und die Friedhöfe in Berlin-Mitte habe ich mehrfach aufgesucht, jeweils einmal auch in Begleitung von Dietrich Grothe-Jung, der als Mitarbeiter bei GRÜN BERLIN Anfang der 90er Jahre als Stadtplaner in der Hauptstadtplanung mit der Rekonstruktion des Invalidenfriedhofs und seinem Wohnumfeld befasst war.

Nebenbei verwendete ich Zeit auf die Lektüre vorliegender Arbeiten und Untersuchungen. Abermals las ich das Buch des französischen Wissenschaftlers Philippe Ariès in deutscher Übersetzung "Bilder zur Geschichte des Todes", das 1984 bei Hanser erschien. Mit großem Erkenntnisgewinn habe ich die Dissertation des Hamburger Sozial- und Kulturhistorikers Norbert Fischer gelesen: "Vom Gottesacker zum Krematorium – Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert". GEO Heft 12 vom Dezember 2003 brachte als Titelgeschichte "Abschied und Neubeginn – Wie wir mit dem Tod umgehen – Wege zu einer neuen Trauerkultur". Immer wieder tauchten in den Medien Berichte zu den faszinierend-abstoßenden Plastinaten des Heidelberger Pathologieprofessors Gunter von Hagens auf.

Während des Monats November nahm ich mir zwei einwöchige Exkursionen vor.
Die eine Woche hielt ich mich in der Hansestadt Lübeck auf. Ich besuchte drei historische Friedhöfe und die Ausstellung "Leben mit dem Tod", die als 3. Ausstellung zur heutigen Trauerkultur in der Petri-Kirche interdisziplinär gestaltet wurde. Dabei lernte ich den Bestatter Stefan Dabringhaus kennen, der in Stockelsdorf vor den Toren Lübecks ein Thanatorium betreibt.
Auf seine Einladung verbrachte ich einen Tag in dieser außergewöhnlichen Einrichtung, in der Angehörige bis zur Bestattung Tag und Nacht bei ihren aufgebahrten Verstorbenen verbringen können und so intensiv Abschied nehmen. Mit der in Stockelsdorf ansässigen Sozialarbeiterin Karin Mundhenk-Dohse führte ich ein Gespräch über Trauer und Bestattung in Lübeck und Umgebung. Sie führte mich am nächsten Tag zum Urnengrab ihrer Schwiegermutter – nicht auf einem städtischen oder kirchlichen Friedhof, sondern am Rande eines Ackers der Bäuerin in der Nähe einer Bank, auf der sie zu Lebzeiten gerne ausgeruht und den Blick genossen hat.

Die zweite Exkursion unternahm ich in Hessen. In der dokumenta-Stadt Kassel reizte mich primär Deutschlands einziges Museum für Sepulkralkultur, in dem ich zwei Tage bei den Exponaten und in der Bibliothek verbrachte.
Ein weiteres Ziel sollte auch der historische Kasseler Hauptfriedhof sein, den ich allerdings in novemberlichem Nebel und Regen vorfand. Erst am Morgen meiner geplanten Weiterreise riss der Himmel auf und gewährte mir für ein paar Stunden ausreichendes Licht zum Photographieren, so dass ich auch noch die Künstler-Nekropole im Habichtswald bei Harleshausen – gegründet vom Kasseler Künstler Prof. Harry Kramer – suchen und schließlich besuchen konnte.


Hauptfriedhof Frankfurt am Main

Von Kassel aus entschloss ich mich zu einem Abstecher nach Frankfurt am Main zur Erkundung des Hauptfriedhofs Dornbusch und des nahegelegenen großen jüdischen Friedhofs.

Gerne hätte ich auch noch die Friedhöfe in München und den Friedhof Hamburg-Ohlsdorf besucht, allein ein plötzlicher Wintereinbruch ließ mich dieses Vorhaben auf günstigere Zeiten verschieben: Die Gewissheit eisiger Kälte und die Ungewissheit brauchbarer Photographien rieten mir dazu.
Sollte ich erwähnen, dass während meines Studiensemesters Mailand, Genua und vor allem Rom zu Wunschzielen für spätere Erkundungen wurden?

Zum Ende meines Studienurlaubs hatte ich mir das thematische Ordnen meiner Photographien und Erkenntnisse zur Vorbereitung späterer Diavorträge vorgenommen und Kontaktgespräche mit einem Beerdigungsinstitut und zwei Steinmetzbetrieben vereinbart.

Meine photographischen Exkursionen

Friedhöfe im Südwesten Berlins

Friedhöfe vor dem Halleschen Tor Berlin-Kreuzberg

Friedhöfe am Südstern/Bergmannstraße Berlin-Kreuzberg

Friedhöfe Berlin-Schöneberg

Friedhöfe vor dem Neuen Tor Berlin-Mitte


Invalidenfriedhof Berlin Mitte

Friedhöfe im Westen Berlins

Friedhöfe in Potsdam

Friedhöfe in der Hansestadt Lübeck

Friedhöfe in Kassel

Friedhöfe in Frankfurt am Main

Ergebnisse und Erkenntnisse meines Studienurlaubs

Bereits in der letzten Phase der drei Monate begann ich mit der Sortierung meiner Photographien nach fünf Themen entsprechend den von mir geplanten Dia-Vorträgen:

  1. Weibliche Trauerstatuen – 50 Dias Vortragsdauer ca. 45 Minuten
  2. Männliche Trauerstatuen – 50 Dias Vortragsdauer ca. 45 Minuten
  3. Engelstatuen – 40 Dias Vortragsdauer ca. 35 Minuten
  4. Besondere Grabstätten prominenter Personen – bisher 40 Dias, noch ohne Vortragstext
  5. Besondere Grabstätten von Künstlern – bisher 20 Dias, noch ohne Vortragstext

Außerdem werde ich mich beim Kunstbeirat der Petruskirche um eine Ausstellung meiner Photographien im Herbst bewerben. Im Rahmen dieser Ausstellung möchte ich auch einen oder mehrere meiner thematischen Diavorträge in der Petruskirche anbieten.

Lutz Poetter

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