ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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25.3.2019

Gedanken zur Passion

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Als Schmuckstück tragen es viele ganz gerne, aber als Zeichen des Glaubens erregt es oft Unbehagen und manchmal gar Unmut.

Ein Marterwerkzeug, ein geschundener Mensch als Symbol des Glaubens. Das alljährliche Vertiefen in einen schweren Leidensweg in den Gottesdiensten und Andachten vor Ostern – was daran ist frohe Botschaft?

Diese Frage wird noch verschärft durch die Erfahrung, dass auch Menschen mit lebendigem Glauben nicht vor tödlicher Krankheit und schwerem Leiden bewahrt werden. Das jährlich wiederkehrende Gedenken an die Passion Jesu Christi führt also ins Nachdenken: Wie gehen Menschen in dieser Welt mit Anfechtung und Leiden um? Wohin wir auch blicken: Bilder der Passion, des Leidens. In dieser Welt gibt es immer wieder Kreuzwegstationen. Sie haben vielerlei Gestalt.

In einer Gedenkstätte für Opfer der NS-Zeit hat ein Künstler das eine Kreuz Jesu Christi mit einer Ansammlung von Kreuzen umgeben. So entstand ein kleiner „Wald“ von Kreuzen. Der Künstler wollte in Trauer zum Ausdruck bringen: Nicht nur der Kreuzestod Jesus Christi, sondern auch die Leiden gefolterter und ermordeter Menschen dürfen nicht vergessen werden. Das Kreuz Jesu Christi stand nicht abseits. Es hat mitten in dieser Welt gestanden. Es ist kein besonderes Kreuz. Gestorben ist jedoch an ihm ein besonderer Mensch. Es war Jesus von Nazareth. Er war der Mensch, der im Auftrag Gottes predigte, zur Umkehr aufrief und die Hoffnung auf das Reich Gottes stärkte.

Und an diesem Gott hat Jesus auch in seiner dunklen Todesstunde trotz aller Not festgehalten.

Der Klagepsalm den er am Kreuz spricht, bringt dies zum Ausdruck. Der Evangelist Matthäus berichtet über Jesu Sterben am Kreuz: Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: "Eli, Eli, lama asabthani?", das heißt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (Mt 27,46) Einige von denen, die um das Kreuz herum standen, fingen an zu spotten und sagten: Er hat Gott vertraut; der helfe ihm nun, wenn er Gefallen hat an ihm. Dass Jesus sein Sterben am Kreuz als Gottverlassenheit empfunden hat, verdeutlicht die Bitterkeit seines Sterbens. Jesus war als der Gekreuzigte 'unten' bei den Menschen. Er ist zum Bruder der Entrechteten und Gefolterten geworden.

Jesus hat sich nicht von Gott abgewandt, sondern zu dem geklagt, zu dem er in seinem Leben Vertrauen hatte. Seine Worte sind der Anfang eines Psalms, der dem sterbenden Jesus in seiner Ganzheit gut bekannt war. Der Beter des Klagepsalms 22 hält trotz vieler Bedrängnisse an Gott fest. Aber auch Gott soll ihn nicht loslassen. Darum heißt es in Vers 20 dieses Psalms: "Aber Du, Herr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile mir zu helfen!"

Deutlich wird in der Passionsgeschichte: Das Leiden bleibt Jesus am Kreuz nicht erspart, aber im Leiden ist der bei ihm, den er seinen Vater nennt.

Leiden wahrnehmen lernen, mit anderen Menschen zu leiden, über das Leiden zu klagen und zu protestieren gegen alles, was Menschen Leiden zufügt: Das Kreuz Jesu und die vielen Kreuze dieser Welt vor Augen können wir nicht so tun als würde uns das alles kalt lassen. Nur den lässt das kalt, der alles Menschliche in sich hat sterben lassen, vor allem das Menschlichste: die Fähigkeit aufzuspüren, wo Leiden ist und die Fähigkeit sich vorzustellen, wie einem zumute ist, der sein Kreuz zu tragen hat. Und dieses Menschliche ist zugleich das Göttliche: In Gottes Namen ging Jesus auf Menschen zu, deren Leid er fühlte: Leiden unter Krankheit, Ungerechtigkeit, Armut. Und in Gottes Namen legte er sich mit denen an, die andere leiden ließen oder sie in ihrem Leiden allein ließen.

Die Botschaft des Kreuzes ist ein Mensch, der mit seinem Leben für Liebe und Versöhnung einsteht, für Mitleid und Solidarität, einer, der unsere ganze Gottverlassenheit aushält und so selbst dem Tod einen Strich durch die Rechnung macht.

Ohne das Kreuz bliebe das Evangelium leer. Daran kommt der Glaube nicht vorbei – und deshalb wird auch das Kreuz ein Ärgernis bleiben.

Pfarrer Michael Busch