ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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21.1.2019

Zum Monatsspruch Februar

von Lutz Poetter

Liebe Gemeinde,
eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist das allabendliche Gute-Nacht-Sagen: Meine Mutter saß an meinem Kinderbett, sprach ein Abendgebet und sang mir Paul Gerhardts Liedvers: "Breit aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude und nimm dein Küchlein ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein!" Dann deckte meine Mutter mich zu und sagte mir "Gute Nacht".

Foto: Lutz Poetter
Tabea – Kinderengel auf dem Lutherkirchhof Lankwitz. Foto: Lutz Poetter

Das Grauen der Nacht

Manchmal wurde die Nacht allerdings richtig böse. Als Kind fürchtete ich mich oftmals vor dem Dunkel der Nacht, in dem namenlose Ängste lauerten – in schrecklichen Träumen, im jähen Aufwachen in nachtschwarzer Fremde, in die sich die helle Geborgenheit meines Kinderzimmers nächtens verwandeln konnte... Ungezählte Male bin ich nachts mit Bettdecke und Kopfkissen ins sichere Bett meiner Eltern umgezogen. Das zarte Kinder-Ich war noch nicht gerüstet gegen die Bedrohungen aus der Finsternis und suchte Schutz bei den Großen, bei Vater und Mutter.

Behütet auf allen Wegen?

Auch wir Eltern haben oft das Gefühl, dass unsere Kinder einen besonderen Schutz brauchen, eine Sicherheit und Geborgenheit, die wir ihnen nicht immer und überall geben können. Die starken Engel Gottes mögen unsere Kinder behüten mit ihrem Schutz. Kein Unglück, keine Krankheit und keine Gefahr mögen unsere Kleinen je berühren. Kein Wunder also, dass unser Monatsspruch gerne und häufig als Taufspruch für kleine Kinder ausgesucht wird. Denn er scheint eben diese Hoffnung auf himmlischen Schutz zu verheißen.

Der unverwundbare König

Aber wem gilt diese Verheißung eigentlich? Psalm 91 ist ursprünglich ein Triumphlied königlicher Unverwundbarkeit: "Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen." Mitten im wildesten Schlachtgetümmel bleibt er unverletzt, Pfeile können ihn nicht treffen, Pest und Seuchen ihm nichts anhaben. "Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten." Wer ist dieser sagenhafte Unverwundbare, der da unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt? In Israel wurde dieser Psalm dem gerechten König auf dem Thron Davids zugeeignet, vielleicht als glorreiches Krönungslied, als alle irdische Erfahrung überbietender Jubelgesang zur Inthronisation. Leider gab es kaum wahre Könige, die sich als weltliche Herrscher dieser höchsten Verheißung würdig erwiesen. Mit der Gottesliebe als Ursprung ihrer Königswürde war es nicht weit her, wenn wir die scharfen Worte der Propheten Israels nachlesen, mit ihrer Unverwundbarkeit ebenso. Jeremia wünschte seinem König, der auf dem Thron Davids saß im Namen Gottes Schwert, Hunger und Pest an den Hals: Durch seinen Ungehorsam war er eklig geworden wie ein Korb verfaulter Feigen. So kam es, dass unser Psalm später vom realen Herrscher Israels auf den erwarteten himmlischen Messias umgedeutet wurde. Und so hat man ihn auch im Neuen Testament verstanden, allerdings mit einer entscheidenden Veränderung. Das himmlische Zeichen triumphaler Unverletzbarkeit galt den frühen Christen angesichts der realen Passion Jesu als teuflische Irreführung.

Der verletzliche Christus

Der Evangelist Matthäus berichtet von der Versuchung Jesu. Der Versucher durfte ihn auf die Probe stellen, und Jesus stellte sich dieser Prüfung. Dies war die zweite Probe: Er wurde vom Teufel in die heilige Stadt Jerusalem geführt und auf die Zinne des Tempels gestellt: "Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engeln über dir befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, auf dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest." Jesus lehnte diesen lapidaren Beweis seiner Gottessohnschaft, seiner Messianität rund heraus ab: "Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen." Jesus verzichtete als Gottessohn auf die himmlische Aura der Unverwundbarkeit. Er ließ sich nicht von den Engeln auf Händen tragen. Er ließ sich vielmehr als gehorsamer Sohn die Leidenschaft Gottes etwas kosten: Sein Weg zu den Menschen wurde seine Passion, die ihm am Ende das Leben kostete. Jesus nahm sein Kreuz auf sich. Und er forderte seine Freunde auf, es ihm gleich zu tun: "Wer mich liebt, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!"

Hinfallen und wieder aufstehen

Jesus verzichtete offenbar auf seine Schutzengel. Christen in seiner Nachfolge sollten deshalb eher mit tatsächlichen Risiken im Leben als mit ihrer vermeintlichen Unverwundbarkeit rechnen. Unsere Kinder kennen das übrigens aus frühester eigener Erfahrung: Sie laufen, sie fallen hin – und stehen wieder auf. Ihnen macht es nicht viel aus, dass sie ihren Fuß an einem Stein stoßen. Das gehört nun mal dazu. Ihre Tränen trocknen, ihre Beulen schwellen wieder ab, ihre Schürfwunden heilen wieder zu. Wer aber immer in Watte gepackt wird, der kommt nie auf die eigenen Füße...

Mit beiden Füßen auf der Erde

Unser Monatsspruch – ein harmloses Schlaflied, unbrauchbar geworden als Lebensmotto und Leitspruch für Menschen in unserer Zeit?
Wir beobachten schon in der Bibel selbst ein gewandeltes Verständnis dieser fantastischen Verheißungen, die weit über menschliche Erfahrung hinaus weisen. Die Praxis bringt uns auf den harten Boden der Tatsachen.
Wie wäre es also mit einer praktischen Durchhalteparole: "Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben!" Dieser Spruch wurde früher auch gerne genommen, er eignet sich aber eigentlich nur für das Martyrium – und diese Praxis ist in unseren Lebenswelten zum Glück ebenfalls selten geworden.

Wie wäre es mit dieser Weisung Jesu an seine Jünger: "Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben."

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Jesus von Nazareth hatte immer festen Boden unter den Füßen. Der Menschensohn schwebte nicht über der Erde. Auch wir sollten das nicht erwarten.

Lutz Poetter