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ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Dezember 2003/Januar 2004 |
19.5.2012 |
Wenn man dann die Bibel aufschlägt und sich die Stelle im Zusammenhang ansieht, enthüllt sich aber jemand anderes als Sprecher. Jesus Christus ist es, der mit diesen Worten seinen Jüngern Mut zu machen versucht, nachdem er in einer apokalyptischen Rede das Weltende heraufbeschworen hat. Wessen Worte sollte man als Wort Gottes betrachten, wenn nicht Jesu Worte? Ist er nicht selbst Wort Gottes, wieder gemäß Johannes: "und das Wort ward Fleisch"? Aber klingen diese Worte – gerade an so einer Stelle – wirklich beruhigend? Glaubt man da nicht fast, so etwas wie Größenwahn herauszuhören? Klingt das nicht ganz nach einem sich für verkannt haltenden Genie, daß die Nachwelt für sich reklamiert, wenn es schon von der Mitwelt mit Füßen getreten wird? Wessen Stimme hören wir hier eigentlich? Getreten, verraten, verkauft, aber mit dem Wissen, wenigstens Recht zu haben. So müssen sie sich oft gefühlt haben, die Mitglieder der ersten christlichen Gemeinden. Es ist ihre Lebenswirklichkeit, die wir in den vorausgehenden Worten hören, Jesus als Prophezeiung in den Mund gelegt: "Ihr aber, sehet euch vor! Denn sie werden euch überantworten den Gerichten, und in den Synagogen werdet ihr geschlagen werden, und vor Fürsten und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen zum Zeugnis." (Markus 13, 9) Wir können sicher sein, daß diese Worte so formuliert wurden als die ersten Christenverfolgungen bereits ihre Opfer gefunden hatten. Wie paßt das zusammen: das ewige, überzeitliche Wort Gottes – und die zeitgebundenen Nöte der Menschen, die auf ihn hoffen und ihre Ängste und Nöte in diesen Text eingeschrieben haben? Damit stellt sich dann die Frage nach dem Verhältnis von Wesen und Form zueinander. Nun gibt es viele schöne Bilder, die die damit verbundenen Schwierigkeiten illustrieren, etwa das Bild der Zwiebel, von der nichts übrig bleibt, wenn man sie zu gründlich schält. Noch deutlicher wird der Unterschied am Bild von der Milch. Haben Sie schon mal versucht, Milch ohne Tüten nach Hause zu tragen? Eigentlich will man nicht die Tüten, sondern nur die Milch. Die bekommt man aber so nicht. Also nimmt man die Tüten mit dazu. Nun ist die Sache bei der Milch ganz klar: Milch ist Milch und Tüte ist Tüte. Bei der Zwiebel ist das schwieriger. Was hilft uns also die Unterscheidung in Wesentlich und Unwesentlich, wenn wir auf das Unwesentliche sowieso nicht verzichten können? Gibt es überhaupt DAS Wesentliche? Dies darf bezweifet werden. Zwei Menschen, die denselben Text gelesen, dasselbe Gespräch gehört haben, werden selten eine ganz übereinstimmende Meinungen dazu haben, was denn nun das Wesentliche war. Wenn wir dabei manchmal vor lauter Zwiebeln und Schalen und Milch und Tüten und Wort Gottes durch den Mund Jesu, ausformuliert von den ersten Christen in Not nicht mehr recht wissen, woran wir eigentlich sind, was wir wegwerfen dürfen und was nicht, dann bekommt die Jahreslosung einen neuen, tröstlichen Sinn. "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen." Das Zeitliche vergeht, aber das Ewige wird nicht vergehen. Warum? Eben weil es trifft. Immer wieder, in jeder neuen Situation, in einer sich immer wandelnden Welt, in immer neuen Einkleidungen. Und wenn genau das immer wieder passiert, dürfen wir darauf hoffen, daß wir eben am Ende nicht nur mit leeren Tüten dastehen, sondern vom Brot des Lebens essen dürfen, aus einer nie versiegenden Quelle. Annette Pohlke
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