Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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15.9.2019

Das Buch der Bücher – Die Bibel und ihre Geschichte
Letzter Teil: "Eine Bibel für alle!" – Die Bibel seit dem Pietismus

von Torsten Lüdtke

Die Sonne geht über den Dächern und Türmen Halles unter; auf der Saale spiegeln sich die Lichter der geschmückten und mit Studenten besetzten Fischerboote. Fröhlicher Gesang und lautes Lachen bricht sich an den schwarzen, verfallenen Mauern der Moritzburg, die jetzt am Ufer sichtbar wird. Manch einer, der heute ausgelassen feiert, wird morgen auf harten Bänken in den verwinkelten, gewölbten Räumen des ehemaligen Paulinerklosters sitzen und den Worten des Mannes lauschen, der auf seinen schlohweißen Haaren stets ein Samtkäppchen trägt und der wie Thomasius zu den Berühmtheiten der Friedericiana in Halle gehört. Doch rufen die pietistischen Ansichten Franckes und sein altväterliches Aussehen den Spott der à la mode gekleideten Studenten mit Allonge-Perücke und seidenem Rock, den Degen an der Seite, hervor ...

An der Wende zum 18. Jahrhundert stellte Halle an der Saale eines der Zentren des deutschen Pietismus dar. Nach 1698 wirkten hier mit dem Professor für orientalische Sprachen der Universität Halle und Gründer des vor den Toren Halles gelegenen Pädagogiums Glaucha (heute Franckeschen Stiftungen), August Herrmann Francke (1663-1727) und Carl Hildebrand Freiherr von Canstein (1667-1719) zwei Schlüsselfiguren des deutschen Pietismus, der von den Schriften und Anweisungen Philipp Jakob Speners (1635-1705) ausgehend, um eine Erneuerung und Verinnerlichung des christlichen Glaubens bemüht war und der alle Bereiche des Lebens einbeziehen wollte. Die Erziehung im christlichen Glauben und die Ausbreitung der christlichen Botschaft durch Mission sowie die Verbreitung der Heiligen Schrift gehörte zu den Hauptanliegen der Pietisten.

Die bereits in der Reformation gestellte Forderung, in einem jeden Hause solle eine Bibel sein, wird 1713 durch die drei Jahre zuvor von August Hermann Francke und dem Freiherrn von Canstein in Halle gegründete Cansteinsche Bibelgesellschaft verwirklicht, in der in diesem Jahr die erste preiswerte Vollbibel erscheint. Ein kleines Format, eine kleine Schrifttype und ein einfaches Papier machten den geringen Preis der Bibel möglich.

Die Cansteinsche Bibelgesellschaft, die nach Cansteins Tod den Franckeschen Stiftungen angegliedert wird, bildet das Vorbild aller weiteren, im 19. Jahrhundert – nicht nur in Deutschland – entstehenden Bibelgesellschaften, von denen einige der Gesellschaften, wie die Privilegierte Württembergische Bibelgesellschaft oder die 1804 gegründete, weltweit tätige Britische Bibelgesellschaft (British and Foreign Bible Society) noch heute bestehen. (Die Britische Bibelgesellschaft nimmt dabei eine besondere Stellung ein, gibt sie doch die Bibel oder Teile davon in rund 800 verschiedenen Sprachen heraus !)

In Büdingen erscheint 1739 anonym die zweiteilige Übersetzung des Neuen Testamentes, die kein Geringer als der Schüler Franckes und Gründer der Brüdergemeinde von Herrnhut, Nicolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) verfasst hat, die aber aufgrund der sehr nüchternen, unpoetischen Sprache keine weite Verbreitung erfährt, obwohl Zinzendorf in der Brüdergemeinde – ähnlich wie die Pietisten – zur Verinnerlichung des Glauben beizutragen den christlichen Glauben bis hin zu den Indianern Nordamerikas oder den Eskimos in Grönland auszubreiten suchte.

Neben einfachen, für den täglichen Gebrauch bestimmten Bibeln finden sich bis in die neueste Zeit hinein jedoch auch Bibelausgaben, die sich durch eine besondere künstlerische Ausstattung auszeichnen. Im 17. und 18. Jahrhundert gibt es zahlreiche, mit Kupferstichen geschmückte Bibelausgaben, von denen die Merianbibel – benannt nach dem Schöpfer der Kupferstich-Illustrationen, Matthaeus Merian d. Ä. (1593-1650) – die wohl bedeutensde darstellt. Diese Bibeln sind jedoch keine Luxusausgaben, sondern teure Leseausgaben, die die Texte illustrieren sollten und damit veranschaulichen. Im 19. Jahrhundert ändert sich dieses jedoch; Bücher waren nun nicht mehr Luxus, doch konnten sie es durch Illustrationen berühmter Künstler oder aufwendig gestaltete Einbände werden: So wurden die mit Holzschnitten von Gustave Doré (1832-1883) oder Stahlstichen von Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) bebilderten Bibeln Kunstwerken gleichgesetzt, die oft auch aufwendig gebunden wurden und teuer blieben.

Um 1900 setzt sich ein neues Kunstverständnis durch: nicht mehr nur ein Stil ist vorherrschend, sondern es existiert eine Vielzahl stilistischer Richtungen. So bestehen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert Historismus, Jugendstil und die Heimatkunstbewegung nebeneinander. Auch auf die Bibel und ihre Ausstattung haben diese Kunstrichtungen gewirkt, wenn auch der am weitesten verbreitete Text die nahezu unveränderte Luther-Übersetzung bleibt. Neben Jugenstil-Bibeln mit Illustrationen, die an japanische Holzschnitte erinnern, gibt es das Neue Testament im historisch-historistischen Gewand des 16. Jahrhunderts mit farbigen Initialen und Arabesken.

Die privilegierte Württembergische Bibelanstalt und die Sächsische Hauptbibelgesellschaft dagegen geben einem Künstler der Heimatkunstbewegung, Rudolf Schäfer (1878- ?), den Auftrag, die ganze Bibel zu illustrieren. 1914 sind die Illustrationen für das Neue Testament vollendet, die sich an den Illustrationen der Luther-Bibel von 1534 und Illustrationen der deutschen Renaissance orientieren.

Bei diesen Ausgaben steht jedoch nicht so sehr der Anspruch ein Kunstwerk zu schaffen im Vordergrund, als vielmehr der Versuch, einen kunstgewerblich veredelten Geschenkartikel für kirchliche Feste, wie Taufe, Konfirmation oder Hochzeit, zu schaffen. Ein Gedanke übrigens, der sich auch heute noch im Buchhandelungen aufdrängt, wenn neben den Einheitausgaben der Luther-Einheitsübersetzung von Hundertwasser oder Chagall gestaltete Bibeln stehen ...

Zusammenfassung

In ihrer rund zweitausendjährigen Geschichte hat die Bibel einen weiten Weg zurückgelegt und bedeutende Wandlungen erfahren: Vom Rollenbuch in aramäischer und griechischer Sprache, zunächst nur einer überschaubaren Gemeinde im kleinasiatischen Küstenland zur Verfügung stehend, wandelt sich die Bibel zum lateinischsprachigen Codex der Spätantike und des Mittelalters, der als Begleiter von Missionaren dem Christentum auf den Trümmern des Römischen Imperium zum Siegeszug verhilft und dann schließlich in der Neuzeit nach Reformation und weltumspannender Mission zum in 800 Sprachen übersetzten Weltbestseller wird.

Von der kleinasiatischen Küste ausgehend breitet sich das Christentum in Spätantike und Frühmittelalter bis in die Grenzbereiche der Römischen Welt entlang der römischen Heerstraßen aus. Die Schrift- und Buchkultur der griechisch-römischen Antike gelangt so bis an die entlegensten Orte der Provinzen, wo Kirchen und Klöster entstehen. Aber auch Klöster in Mittelitalien wie Monte Cassino bilden in den unruhigen Zeiten der Völkerwanderung Zentren geistiger Kultur und Bollwerke des Wissens.

In der Völkerwanderungszeit stellt die Bibelübersetzung des Goten Ulfilas einen der ersten Versuche dar, die Glaubensinhalte der christlichen Religion einer breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Erst im Hochmittelalter kommen wieder Übersetzung auf, die die volkssprachliche Bibeldichtung ablöst. In der Bibeldichtung, wie sie uns in Otfrieds Evangelienbuch entgegentritt, zeigen sich die Anfänge deutscher Dichtung; mit Otfried selbst tritt uns der erste namentlich bekannte Dichter entgegen.

Gutenberg schafft um 1452 mit der Erfindung des Buchdruckes schließlich die Möglichkeit, Bücher schneller und preiswerter herzustellen. Auf dieser Erfindung beruht nicht zuletzt auch der Erfolg der Reformation; durch den Buchdruck können Flugschriften, die das geschriebene Wort gleichsam als 'Waffe' benutzen, massenweise hergestellt und vertrieben werden. Luthers Thesen erreichen so, kurz nach ihrer Abfassung, eine weite Verbreitung, mit Luthers sprachgewaltiger Bibelübersetzung beginnt die Vereinheitlichung der deutschen Sprache, wenn auch die Reformation in politischer und kirchlicher Hinsicht die Spaltung des Heiligen Römischen Reiches zur Folge hat.

Bis in die Gegenwart hat keine Neuübersetzung der Bibel Luthers Text verdrängen können, seine Übersetzung wird auch noch lange nach dem Jahr der Bibel, das für diese Serie den Anlaß gab, in verschiedensten Ausgaben und Ausstattungen, erhältlich sein.

Ende

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