ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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21.5.2019

Die jüngste denkmalgeschützte Kirche
Ein Bericht

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Die Nordeeinsel Sylt war schon immer ein beliebtes Reiseziel für uns Berliner.
Seit der Wiedervereinigung hat diese schöne Insel Konkurenz bekommen, man reist heute sehr gerne an die Ostsee nach Rügen und Usedom, aber immer noch ist Sylt eine gut besuchte Urlaubsinsel.

Wenn aber Regen und Sturm in den ersten Oktobertagen herrschen, dann sind Wattwanderungen, Spaziergänge am Nordseestrand, und erst recht Fahrradtouren äußerst anstrengend. Dann sucht der Urlauber, der trotzdem aktiv sein will, auch nach überdachten Veranstaltungen, Shopping im Kaufhaus, Museumsbesuche oder eben Kirchenbesuche.

Im Erntedank-Gottesdienst in Rantum lud der Pfarrer zu einer Besichtigung seiner zweiten Arbeitstätte, der St. Thomas-Kirche in Hörnum, ein. Also nicht nur bei uns in Petrus-Giesensdorf muss ein Pfarrer an einem Sonntag in zwei Kirchen Gottesdienst halten. Hier auf der Insel hält der Pastor Henke seinen ersten Gottedienst in der St. Thomas-Kirche in Hörnum um 9.30 und muss dann die 10 km nach Rantum düsen, um dort um 11 Uhr in der reetgedeckten St. Peter-Kirche zu predigen. Im Rantumer Gottesdienst lud er uns zur Besichtigung der jüngsten denkmalgeschützten Kirche in Deutschland ein. Das machte mich hellhörig, denn es könnte ja ein interessanter Bericht für unseren Gemeindebrief werden.

Drei Regentage später trafen wir Pastor Henke vor der St. Thomas-Kirche am südlichen Zipfel von Sylt in Hörnum und ließen uns führen.
Der nachfolgende Text stammt von Friedhelm Bechmann vom Förderkreis der Kirchengemeinde Hörnum-Rantum:

Hörnum, der in die Dünen- und Heidelandschaft hineingestreute Ort am langen, über Jahrhunderte unbewohnten Südende der Insel, verdankt sein Entstehen seiner Lage am tiefen Fahrwasser, der altbekannten Hörnumer Reede. Im Jahre 1901 entstand hier eine Anlegestation für die Ankunft und Abfahrt der Hamburger Seebäderschiffe mit direktem Anschluss an die zugleich eröffnete "Sylter Südbahn" nach Westerland.

Über drei Jahrzehnte später änderte militärische Planung das Leben der kleinen Station grundlegend. Mit Hafen, Flugzeughallen und Kasernen entstand die großzügig angelegte Siedlung Hörnum, bewusst ohne Kirche gedacht.
Nachkriegszeit und jüngste Zeit haben mit ihren Umbrüchen das bis dahin einheitliche Ortsbild umgeprägt. Dem jungen Ort blieb keine Zeit für eine behutsamere Entwicklung zu einem modernen Seebad. Lange zählte zu den immer noch ungelösten Bauaufgaben der Bau einer Kirche für die hier ansässig gewordene, überwiegend evangelische Ortsbevölkerung. Zwar konnte bereits 1949 mit norwegischer Hilfe eine ehemalige Schulbaracke als Kirche hergerichtet werden – ein erstes Haus für die Gemeinde, aber eben ein vorläufiges. In der heute in diesem Bau untergebrachten Naturschutzstation erinnert eine Tafel an diese frühere Kirchstätte am westlichen Ortsrand.

Etwa zeitgleich mit dem Ende der Inselbahn und der Eröffnung der neuen, nicht mehr nur einspurigen Landstraße nach Hörnum im Jahre 1970 konnte dann die Kirche ins Dorf ziehen und sich neben dem dort schon befindlichen Pastorat auf der Höhe einer kleinen Düne anbauen.

Am Fuß der Kirchdüne geht der Weg durch das einladende weiße Tor. Unwiderstehlich wird der Blick auf das steil aufragende, weiß geschlämmte Kirchenschiff von St. Thomas gelenkt. Nach dem Entwurf des heimischen Architekten Martin Bernhard Christiansen ist 1969 – 1970 diese Kirche als auch vom Wasser aus weithin sichtbare Landmarke mit ihrem eigenwilligen und unverwechselbaren Baukörper entstanden. Die strengen geometrischen Bauformen lassen die künstlerische Handschrift der nach ihrem vorrangigen Vertreter so genannten "Gulbransson-Schule" erkennen. In einer Zeit, die nach dem Ende des großen Kirchbauprogramms der Nachkriegszeit weithin nun den mehrfunktionalen, sachlichen Raum kirchlicher Gemeindezentren verlangte, da baute die hier unter Einheimischen und Feriengästen ihren Ort suchende Gemeinde ihr Gotteshaus als eine Inselkirche dieser Zeit mit dem deutlichen Anspruch eines Sakralbaues, der Außen- und Innenraum spürbar durchdringt; ein Ort, Ausgang und Eingang zu segnen.

Hart am Wind hält sich der Bug dieses Kirchenschiffs. Hochgezogen steht das große Segel. Steil steigt dahin die Firstlinie auf, doch bevor sie an Höhe gewinnt, kreuzen horizontale, querschiffsartige Giebeldächer.
Diese Linien und vielwinkligen Massen entwickeln sich aus den tief heruntergezogenen Mauern dreier Giebel, die aus sechs Seiten eines unregelmäßigen Achtecks herauswachsen und so den Eingangsbereich der Kirche mit Raumangebot für Gemeinde- und Nebenräume unter der Orgelempore bilden.

Die Grundrissformen des recht kurzen "Langhauses" erweitern sich dann trapezartig, um im Chorraum durch zwei im flachen Winkel aufeinander zulaufende hohe Giebelwände ihren gedachten Schnittpunkt in der Symmetrieachse der Kirche zu finden. Doch eben gerade dazu kommt es nicht. Stattdessen springt die südöstliche Giebelwand weit über die Mitte hinaus, um so im Außenbau beträchtlich an Höhe zu gewinnen und das charakteristische, große Segel zu formen, während durch die nun notwendig im Bereich des südwestlichen Giebels aufgefaltete Wandzone ein spitzer, unerhört schlanker, kirchturmartiger Vorsprung mit einer hohen Fensterwand entsteht. Zugleich schießen die Mauern bis zur Höhe der so erreichten Kirchenspitze hinauf. Die Schallluken verraten, dass hier oben die unvermutete Glockenstube ihren Platz hat. Noch weit über das Wasser ist die Glocke zu hören.

Im Inneren wird unter dem bergenden hohen Kirchendach mit seiner warmen hölzernen Raumdecke auf einer kleiner Grundfläche ein spannungsvolles Raumerlebnis lebendig, das spürbar Höhe und Weite gewinnt.

Wechselnde Lichtbilder erfüllen mit den Farbfenstern Wolf-Dieter Kohlers den Raum. Das Oberlicht über dem Eingang enthält die Komposition vom Sinkender Petrus und der Sturmstillung. Die schmalen schrägen Fensterfries (erzählen die Passionsgeschichte bis hin zur Erscheinung des Auferstandenen vor dem von der Last des Kreuzes besonders erschütterten Jünger Thomas. Das hohe Chorfenster thematisiert in abstrakter Darstellung das Wort Jesu im Johannesevangelium (Kap. 12,32): "Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen." Von außen ist diese Fensterwand dreiteilig angelegt, doch erscheint sie innen lediglich zweiteilig, da der äußere Fensterflügel sich im Bereich des Turmaufganges hinter der Altarwand verbirgt.

Das breite Kirchenschiff mit Bankreihen zu beiden Seiten ist konsequent auf den Altarraum hin ausgerichtet. Die Taufe zur einen und die schöne, maritim anmutende Kanzel zur anderen Seite umrahmen den kräftigen Altarblock. Darüber schwebt das schlicht gefertigte Holzkreuz, immer noch einer künstlerisch anspruchsvollen Darstellung den Platz vorhaltend. Immerhin erfreut sich seit 1997 der streng hochstrebende Chor einer tiefschichtigen Seidenmalerei des Weltenrichters, – ein Geschenk der Danziger Malerin Brygida Mrozek. Von der anrührenden Stille des Altarraumes geht der Blick zum Ausgang zurück und wird überrascht von dem unerhört schlanken Aufbau der Orgel auf der Empore. Dort steht seit 1993 mit zwanzig klingenden Stimmen ein meisterliches Werk der renommierten Orgelbauwerkstatt der Gebr. Hillebrand. Das dreitürmige Gehäuse aus heller Eiche und den glänzenden Pfeifen verleiht dem gottesdienstlichen Raum einen festlichen Grundakkord.

In den Kirchen an der Küste ist es eine alte Tradition, dass Schiffsmodelle, sogenannte "Votivschiffe" von der Decke hängen. Freilich dürfte St. Thomas in Hörnum mit einer so jungen Geschichte auch das jüngste "Kirchenschiff" beherbergen. Nicht nur zur Zierde, sondern zugleich zu einer lebenswichtigen Erinnerung hat dieses Schiff im Kirchenschiff seinen Platz. 1991 hat der Hamburger Kapitän Uwe Hoffmann das von ihm für die Hörnumer Kirche nach den Originalplänen gebaute Modell des Raddampfers "Cobra" St. Thomas geschenkt. Es erzählt die Anfangsgeschichte des Ortes Hörnum, als am 1. Juli des Jahres 1901 die "Cobra" die neue Seebäderpassage von Hamburg über Helgoland an die damals noch siedlungsleere Sylter Südspitze eröffnete.

Am 14. Januar 1997 wurde St. Thomas in Anbetracht seiner künstlerischen und ortsbildprägenden Aussagekraft durch das Schleswig-Holsteinische Landesamt für Denkmalpflege als jüngste Kirche des Landes unter Denkmalschutz gestellt.

Alle Informationen kommen vom Förderkreis bei der Kirchengemeinde Hörnum-Rantum e.V.; Text: Friedhelm Bechmann, Fotos und Zeichnungen: Fred Mager und F.Bechmann; Foto Passionsgeschichte: R.Kolodziej