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18.7.2019

Nur Schall und Rauch?
Gedenken im Zeitalter der anonymen Bestattung

von E-Mail

Wenn es um Phänomene wie den zunehmenden Wunsch nach anonymer Bestattung geht, ist schnell vom Verfall der christlichen Bestattungskultur die Rede. Aber machen wir uns nichts vor: Voreilige Klagen über den Verfall der Bestattungskultur, die Ausgrenzung des Todes oder die zunehmende Säkularisierung, die man in diesem Zusammenhang immer mal wieder hört, treffen es nicht wirklich. Schon ein oberflächlicher Blick über Zeiten und Räume macht deutlich, dass es weder eine einheitliche deutsche, noch eine einheitlich christliche Bestattungskultur gibt. Es liegen Welten zwischen oberbayrischen und friesischen Dörfern, zwischen dem 9., 19. und 21. Jahrhundert, dem Dorf und der Großstadt. Da wird der Leichnam verbrannt oder vergraben oder es werden sogar die Knochen in Beinhäusern gesammelt. Manche Friedhofsordnungen regeln bis ins Detail, ob Gräber mit Steinen eingefasst werden müssen, dürfen oder keinesfalls dürfen. Ein einfacher Gang über die historischen Friedhöfe Berlins zeigt die ganze Bandbreite vom prunkvollen Familiengrab mit architektonisch-künstlerischem Wert bis zum Reihenmietgrab mit normierter Deckplatte.

Schon überrascht es weniger, wenn wir feststellen, dass es, was die technische Seite anbelangt, keine Bestattungsform gibt – etwa in der Frage "Einäscherung oder Körperbestattung?" – die aus kirchlicher Sicht abzulehnen wäre. Ein 11. Gebot "Du sollst keine Stiefmütterchen auf ein Grab pflanzen!" gibt es nicht. Allerdings kann es Bestattungsformen geben, die zu wichtigen Inhalten des christlichen Glaubens im Widerspruch stehen. Dazu ist die anonyme Bestattung insofern zu zählen, als sie eben anonym, namenlos ist.

Wo auch immer wir die Bibel aufschlagen, im Neuen wie im Alten Testament, finden wir die Ansicht, dass im Namen Wesen und Identität, ja sogar Macht liegt. Dies gilt natürlich in besonderem Maße für den Namen Gottes, der als so heilig und machtvoll betrachtet wird, dass man ihn nicht leichtfertig benutzen und schon gar nicht mißbrauchen soll. Wie sehr dabei der Name für die Person selbst eintritt, erkennen wir an biblischen Wendungen wie "An jedem Ort, wo ich meines Namens gedenken lasse, da will ich zu dir kommen und dich segnen (2 Mo 22, 24), "...in der Stadt Jerusalem, die ich mir erwählt habe, um meinen Namen dort wohnen zu lassen." (1 Kö 11,36), "Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!" (Ps 103, 1), "Die sollen loben den Namen des Herrn; denn sein Name allein ist hoch." (Ps 148, 13), "Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben." (Joh 1, 12). Wenn an den Namen geglaubt wird, der Name gelobt wird, des Namens gedacht wird, der Name in Jerusalem wohnt, dann ist klar, dass der Name Gottes nicht weniger als und nicht abgetrennt von Gott selbst ist.

Aber auch in die andere Richtung, von Gott aus, geht es um den Namen: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!" (Jes 43, 1) Auch da schwingt wieder die Macht mit, die im Namen liegt, aber es geht vor allem um den individuellen, ganz persönlichen Charakter der Beziehung. Nicht irgendwer ist gemeint, sondern ein anredbares "Du", das sich mit seinem eigenen, individuellen Namen identifiziert. Es geht nicht um einen Gott in seinem Verhältnis zum Menschen schlechthin, sondern um konkrete Beziehungen zwischen einem bestimmten Menschen oder einem bestimmtem Volk und nicht einem, sondern seinem Gott.

Diese Beziehung wird auch durch den Tod nicht aufgehoben. Der Verstorbene geht nicht ein in irgendeineine überpersönliche Größe, wird nicht eins mit irgendetwas, sei es das Nirwana oder Gott, sondern es wird daran festgehalten, das er mit seinem eigenen, persönlichen So sein aufgehoben ist in unserem Gedenken und in Gott, über das Sterben hinaus. Auch imTod soll der Mensch seinen Namen, sein Gesicht, seine Würde behalten.

Natürlich darf man die Ablehnung der anonymen Bestattung, die daraus resultiert, auch nicht absolut setzen. Es gab schon immer akzeptierte Bestattungsformen, bei denen eine namentliche Kennzeichnung des Grabes, nicht möglich ist, etwa bei einer Seebestattung oder in Fällen, wo ein Leichnam trotz aller Bemühungen nicht identifiziert werden kann. Vor allem darf man nicht übersehen, dass die zunehmende Nachfrage nach anonymen Bestattungen meistens gar nicht aus einer Mißachtung des Namens oder sogar einer Ablehnung des biblischen Menschenbildes resultiert. Sehr häufig steht die Sorge um die Grabpflege im Mittelpunkt. Sicher gibt es da einen kulturellen Wandel, der dazu führt, dass Grabpflege für mehr Menschen weniger wichtig ist. Dazu kommen aber auch die Auswirkungen von kleineren Familien und größerer Mobilität. Es ist kein Einzelfall, dass sich beim Tode der Großeltern ihre Kinder und Enkel längst über die halbe Bundesrepublik, wenn nicht über die halbe Welt verstreut haben. Und wer könnte wirklich garantieren, nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre seinen Wohnort der Familie, der Arbeitsstelle oder sonstiger Gründe wegen verlegen zu müssen? Und wer pflegt dann das Grab?

Solche Fragen stellen sich Hinterbliebene, aber auch Menschen, die für den eigenen Tod vorsorgen wollen. Eine anonyme Bestattung erscheint dann oft als die bequemste Alternative. Gerade in der Generation der jetzt Alten ist dabei der Wunsch, niemandem zur Last fallen zu wollen, oft eine Verführung. Und auch die Hinterbliebenen meinen es oft nur gut, wenn absehbar ist, dass niemand in der Familie die Grabpflege leisten kann, manchmal aber auch, weil man meint, so dem Willen des Verstorbenen am besten zu entsprechen.

Dabei wird oft vermieden, vor Eintritt des "Ernstfalles" mögliche Alternative zu durchdenken oder wirklich abzuklären, was dem Verstorbenen und den Hinterbliebenen eigentlich wichtig ist. Der Tod ist kein bequemes Thema über das sich leicht reden lässt, vor allem nicht wenn es um den eignen Tod oder den naher Angehöriger geht. Es gehört Mut dazu, es offen anzugehen. Aber es kann auch beruhigen, wenn man den Mut einmal gefunden hat. Man muss sich dann weniger sorgen, ob die lieben Angehörigen auch tatsächlich es so machen werden, wie man es gerne hätte, wenn man sich dann selbst nicht mehr wehren kann. Oder man muss sich nicht für den Rest seines Lebens mit der Frage quälen, ob die Tante, Mutter, Schwester wirklich mit der Lösung einverstanden gewesen wäre, die man für sie verfügt hat.

Der oft beklagte "Verfall der Bestattungssitten" und sich wandelnde Bedürfnisse haben auch ihr Gutes, dass nämlich früher oder später – wenn zumeist auch mit gewisser Zeitverzögerung – auf sie reagiert wird. So gibt es inzwischen bereits Friedhöfe, auf denen eine Bestattung auf einer Rasenfläche, ähnlich wie bei einer anonymen Bestattung, angeboten wird, nur eben nicht anonym. So bleibt ein individueller Ort des Gedenkens, mit vereinfachter Grabpflege, oder auch einfach für alle, die die Ästhetik des Rasens schöner finden als die des abgegrenzten, vielleicht sogar noch eingefassten Grabes.

Wenn wir gesagt haben, dass es bei der Betonung des Namens um Konkretheit contra Beliebigkeit und um Individualität gegenüber Anonymisierung geht, dann folgert daraus für die Frage der Bestattung allgemein, dass wir uns um Bestattungsformen bemühen sollen, die eben auch nicht beliebig sind, sondern im Einklang mit dem stehen, was wir sind und wessen wir bedürfen. Dies ist aber nur möglich in aktiver Auseinandersetzung mit dem Thema, auch wenn wir dazu erst über den dunklen Schatten springen müssen, den wir meistens nicht sehen wollen.

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