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22.3.2019

Das Buch der Bücher – Die Bibel und ihre Geschichte
Teil 5: Martin Luther, das "Septembertestament" und die Bibel von 1534

von Torsten Lüdtke


Die Wartburg

Ein sonniger Morgen liegt über den waldreichen Gipfeln des Thüringer Waldes; in den Wipfeln der Bäume singen die Vögel. Hoch über der Stadt Eisenach, von dessen friedlichen Dächern der Rauch in den blauen Morgenhimmel steigt, liegt trutzig die Wartburg. So, wie die Bürger Eisenachs oft zu den Mauern und Zinnen der Burg aufblicken, ebenso oft schweifen auch die Blicke der Burgbesatzung in das heimelige Tal und auf die grünen Fluren Thüringens hinab.

Unter den Burgleuten lebt seit kurzem ein mittelgroßer Mann, dem Bart und Haare ein ernstes, fast düsteres Aussehen geben und den alle auf der Burg nur den Junker Jörg nennen. Geplagt von inneren Zweifeln über das Gelingen und die Berechtigung seines Werkes schaut er von den Butzenscheiben seines Fenster in der Wartburg-Vogtei hinaus in sonnenbeschienene Landschaft. Nachlässig hat er das nach ritterlicher Art geschlitzte Wams über einen Stuhl gelegt, an dem auch das Schwert steht. Auf dem Tisch dagegen sieht es weit weniger ritterlich aus; liegen hier doch unzählige Bücher über- und durcheinander ...

So – oder so ähnlich – mag es auch im Jahre des Heils 1521 in der Lutherstube der Wartburg ausgesehen haben. Luther – denn kein anderer ist der "Junker Jörg" – hatte nach seinem Auftritt vor Kaiser und Reich in Worms, geächtet und gebannt, durch die Gunst Friedrichs des Weisen (1463 – 1525) Zuflucht auf der Wartburg erhalten. In diesem Asyl, welches er bis zum Frühjahr 1522 bewohnt und das er sein "Patmos" nennt, muss er zunächst seine Mönchskutte mit dem
Rittergewand vertauschen und sich Haar und Bart wachsen lassen, damit er nicht als der vogelfreie, verketzerte Doctor Martinus erkannt werden könne. Der durch seine 95 Thesen und reformatorischen Flugschriften bekannte Mönch konnte sich jedoch nicht an die ihm fremde Lebensweise des Adels gewöhnen; bald vermisst er seine Wittenberger Studierstube und seine Bücher, die Jagd und das Reiten sind ihm verleidet – und so beginnt er das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen.

In nur drei Monaten entsteht die Übersetzung des Neuen Testaments, die im September 1522 in Wittenberg gedruckt erscheint und daher auch "Septembertestament" genannt wird. Mit dem Septembertestament erfüllte Luther eine der Forderungen der Reformation, eine für alle Christen verständliche Ausgabe der Bibel zu schaffen; wobei er besonderen Wert auf eine klare, verständliche, am Alltagsleben orientierte Sprache legte. Dafür wählte Luther die ihm am geläufigste Mundart – das Obersächsische – aus, die als Kanzleisprache durch die starke Stellung des sächsischen Kurfürsten innerhalb des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation auch in vielen anderen Territorien verstanden und gebraucht wurde. Mit unglaublichem Fleiß und Eifer suchte er passende Worte für die Übersetzung; doch gelang es nur manchmal, ganze Passagen des Textes beim ersten Versuch genau zu übersetzen, so dass meist mehrere Versuche nötig waren: Luther fertigte erst eine wortwörtliche Übersetzung in der ursprünglichen Wortfolge an, die er dann, unter Verwendung einer Fülle sinn- und sachverwandter Wörter, Wort für Wort dem landläufigen Sprachgebrauch annäherte.

Für die Übersetzung des Alten Testaments, die Luther, nach Wittenberg zurückgekehrt, begann, waren noch andere Kenntnisse notwendig: Zur Beschreibung der Edelsteine im 24. Kapitel der Offenbarung besuchte Luther die Schatzkammer des Kurfürsten, um sich anhand der kurfürstlichen Insignien deren Namen einzuprägen.

Luthers Suche nach der richtigen Übersetzung und den richtigen Worten zeigt seine Übersetzung des englischen Grußes "Ave Maria, gratia plena" (Lk. I,28), zu der er im "Sendbrief vom Dolmetschen" bemerkt: "Item da der Engel Mariam grüßt: Maria voll Gnaden! wo redt der deutsche Mann so? Er denkt an ein Fass voll Bier oder Beutel voll Geldes, darum hab ich's verdeutscht: Du holdselige. Und hätte ich das beste Deutsch hie sollen nehmen, so müsste ich verdeutschen: Gott grüße dich, du liebe Maria.[...] Wer deutsch kann, der weiß wohl, welch ein herzlich fein Wort das ist: du liebe Maria, der lieb Gott[...]. Und ich weiß nicht, ob man das Wort 'liebe' auch so herzlich und genugsam in lateinischer oder anderen Sprachen reden mög, das also dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinnen, wie es tut in unserer Sprache."

Doch nicht nur in der Sprache ging das Septembertestament neue Wege; auch im Format und im Satzspiegel sind Neuerungen zu erkennen. War bisher ein Buch groß, unhandlich und schwer, so gleicht das "Neue Testament Deutsch" in seinem Format unseren heutigen Lexikonbänden. Die errechnete Auflage von 5000 Stück ist, trotz des hohen Preises von 1½ Gulden – dem Wert eines Pferdes – innerhalb von zwei Monaten verkauft, so dass im Dezember 1522 eine zweite Auflage nötig wird. In den folgenden Jahren erscheinen Teile des Alten Testaments und der Psalter.

Bei Hans Lufft(1495 – 1584) in Wittenberg kam 1534 die vollständige, von Luther übersetzte Bibel unter dem Titel "Biblia, das ist die gantze Heilige Schrift Deudsch" als ein prächtiges, mit Holzschnitten und Initialen aus der Werkstatt Lucas Cranachs geschmücktes Werk heraus. Zahllose Nachdrucke – unter denen sich auch reiche Luxusausgaben auf Pergament mit Illustrationen bekannter Künstler finden – förderten die Verbreitung von Luthers Bibelübersetzung, die auch heute noch nahezu unverändert in ihrer Form besteht. Versuche, zeitgemäßere Übersetzungen zu schaffen haben Luthers Werk mit seinen sprichwörtlich gewordenen Formulierungen nicht verdrängen oder ablösen können.

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