ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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18.7.2019

Zum Monatsspruch September

von Lutz Poetter

Liebe Gemeinde,
der Verfasser des Psalms, dem unser Monatspruch entstammt, war Musikmeister in Israel unter der Regentschaft der Könige David und Salomo. Ein Dutzend Lieder aus dem Gesangbuch Israels tragen den Verfassernamen Asaph. Wer war dieser Mann?

Als Spross des Stammes Levi gehörte er zum israelitischen Priestergeschlecht. Sein Beruf verband ihn also mit dem Priesterdienst im Tempel zu Jerusalem, der ja unter der Königsherrschaft Salomos errichtet wurde. Gottesdienst und das rechte Opfer im neuerbauten Tempel bestimmten das Denken und Handeln des Priesters Asaph. So geht es in den Psalmliedern, die seinen Namen tragen, um das Heiligtum auf dem Tempelberg, um dem göttlichen Herrscher und Richter, dem es geweiht ist. Die Asaph-Psalmen spiegeln auch das Entsetzen des Volkes Israel und seiner levitischen Priesterschaft bei der Zerstörung des Tempels wider. Man könnte sagen: Ein Priester sprang damals über seinen Schatten. Ganz und gar dem irdischen Heiligtum verbunden, erkannte der Levit, dass der Gott Israels unabhängig von Tempelbau und Gottesdienst war, ist und bleibt, was er immer sein wollte: Der heilige und ewige Herrscher aller Herren.

In der aktuellen nationalen Katastrophe Israels blieb die gemeinsame Erinnerung an die früheren Heilstaten Gottes einziger Trost und letzter Rettungsanker. Von Feinden und Widersachern umgeben brauchte es nur einen festen Blick zurück, um wieder Mut und Zuversicht zu gewinnen. Die alte Überlieferung wurde so zur Quelle neuen Glaubens.

Hatte nicht Gott selber den Stammvätern Abraham, Isaak und Jakob den Segen für die Nachkommen in alle Zeit zugesprochen? War es nicht Gott selber, der sich erbarmte und das Volk Israel aus dem Sklavendasein der ägyptischen Gefangenschaft erlöst hatte? Und war es nicht derselbe gnädige erbarmende Gott, der durch Moses den langen Weg des Volkes durch die Wüste ebnete und begleitete? Hatte nicht Gott selbst seinen heiligen Willen am Berg Sinai zu erkennen gegeben? Stammte nicht dieses ganze verheißene Land Kanaan allein aus seiner Hand? Und die nun leider vergangene Blütezeit Israels unter David und Salomo – war sie nicht allein der Gnade Gottes zu verdanken? Da nun alles in Trümmern lag – Gott würde schon wieder für sein auserwähltes Volk sorgen und es von seinen Widersachern befreien. Wir denken vielleicht wie viele damals auch: Was nützt es uns in gegenwärtiger Not, dass es früher einmal viel besser war? Damals ist längst vorbei, heute steht uns das Wasser bis zum Hals. Manchem in Israel blieb wohl nur noch der Galgenhumor: Lasst uns heute noch essen und trinken, denn morgen sind wir tot.

Was lernen wir vom zuletzt arbeitslosen Tempelpriester Asaph? Wie er vor 3000 Jahren leben auch wir Nachgeborenen vom Rückblick auf die Verheißung, vom Vertrauen in die den Vorfahren erwiesene Gnade und Treue Gottes. Glaube ist zum größten Teil Festhalten an längst vergangenen Erfahrungen – die nicht einmal die persönlichen eigenen sein müssen. Auch Asaph musste dieser Spur im Nachhinein folgen: Er selbst war nicht dabei, als Gott dem Abraham Nachkommenschaft und Landbesitz verhieß. Er selbst war nicht mit Moses aus Ägypten geflohen und auch nicht mit Josua in der Schlacht von Jericho selber siegreich gewesen. Auch Asaph wusste, was wir zu begreifen haben: Die Geschichte Gottes mit seinem Volk fängt nicht erst bei uns an. Sie setzt sich bestenfalls mit uns fort, wenn wir uns diesem längst vergangenen Heilsgeschehen anvertrauen, es eben auch im Nachhinein für uns geschehen sein lassen. Vom desillusionierten Priester in den Trümmern des Ersten Tempels lernen wir die Wichtigkeit der Überlieferung: Ohne den Rückgriff auf die früheren Heilstaten Gottes verlieren Glaubende Mut und Hoffnung in Zeiten existentieller Bedrohung. Manchmal ist der Glaube hartnäckig rückwärts gewandt, um noch irgendwo einen Hoffnungsschimmer für Gegenwart und Zukunft zu erspähen. Das macht die alten Überlieferungen so kostbar. Es wäre ein Verbrechen, sie den Nachkommen vorzuenthalten. Auch in Glaubensdingen gilt wohl die ziemlich moderne Erkenntnis eines alternden Philosophen: Die Vergangenheit ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Und es könnte sein, dass in harten Zeiten unsere Zukunft davon abhängt.

Lutz Poetter