ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juli/August 2003

20.5.2019

Nachruf auf Helga Ramm

von Lutz Poetter

Am 3. Dezember 1924 kommt Helga Franke zur Welt, hineingeboren in eine alte Lichterfelder Familie, die ihre Geschichte über 200 Jahre lückenlos zurückverfolgen kann.
Ihre Kindheit erlebt Helga behütet in einem Villenhaushalt in der Baseler Straße. Sie besucht die Goetheschule in der heutigen Drakestraße, danach die Dahlehmer Gertrauden-Mädchenschule, deren hauswirtschaftliche Fächer sie wenig mochte. 1943 macht Helga Abitur. Sie möchte Ärztin werden, am liebsten auf dem Land: Helfen, heilen, praktisch für andere da sein. Vom Arbeitsdienst einstweilen zurückgestellt, beginnt sie ihr Medizinstudium in Heidelberg. Doch nach einem Studiensemester ereilt sie die harte Kriegswirklichkeit und beendet ihren Berufstraum: Als Schwesternhelferin des Roten Kreuzes wird sie dienstverpflichtet und kommt ins Lazarett Klein-Bülten.

Unter den Lazarettinsassen befindet sich der schwerverletzte Soldat Ramm. Sie assistiert bei einer seiner Operationen. Schwer beschädigt an Leib und Seele überlebt er knapp – und hat in der Lazarettschwester Helga seine spätere Ehefrau kennen gelernt.

Helga Anfang Zwanzig – eine junge Frau voller Energie. Sie beweist es auch im Sport. Als Vereinsspielerin für Grünweiß wird sie Berliner Tennismeisterin im Einzel. Ihre zähe Kampfkraft wird sie anderweitig brauchen: 1947 heiratet sie – und erkrankt kurz darauf an Lungentuberkulose. Ausgebrochen als Folge der Nachkriegsmangelernährung verurteilt sie diese schwere Krankheit zu monatelangem, quälenden Nichtstun: Helga muss im Liegestuhl liegen und sich ständig schonen. Diese verordnete Tatenlosigkeit erträgt sie kaum.

1948/49 absolviert sie eine Ausbildung als Chemotechnikerin, ohne diesen Beruf jedoch jemals auszuüben. 1950 bringt Helga ihren Sohn Klaus-Jürgen zur Welt – gegen ärztlichen Rat. 1953 zieht die junge Familie Ramm nach Lichterfelde-Ost in den Salzunger Pfad 28. Diese kleine Straße in der Nähe des Gemeindehauses wird ungeachtet mehrerer Umzüge für die kommenden 50 Jahre Helgas Heimat sein.
Die Jahre 1954 und 1955 sind wiederum von schwerer Krankheit gekennzeichnet: Erneut bricht die TBC auf, Helga muss für neun Monate ins Krankenhaus Havelhöhe. Nach der Entlassung verbringt sie ein weiteres Jahr im erzwungenen Schongang. Im Liegestuhl zur Untätigkeit verurteilt leidet Helga abermals an Langeweile. Wohl auch aus dieser quälenden Erfahrung stammt ihr kräftiger Impuls, möglichst immer und überall sinnvoll tätig zu sein. Die Aufgaben einer Hausfrau und Mutter füllen sie nicht aus.

1955 tritt sie ein in den Mütterkreis der legendären Gemeindehelferin Grete Hengelvoss. Von nun an wird die Petrusgemeinde Helga Ramms eigentlicher Wirkungskreis. Es ist die Amtszeit der Pfarrer Baltzer und Rohde. Die Petruskirche wird nach Beseitigung der Kriegsschäden wiedereröffnet und damit entsteht im Gemeindehaus Platz für neue Aktivitäten. Und daran beteiligt sich Helga Ramm mit der ihr eigenen Energie. Praktische Nächstenliebe, tätige Hilfsbereitschaft – so versteht sie Christentum als preußische Protestantin. Ihr biblisches Credo aus dem 1.Korintherbrief lautet: "Denn das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft." Hohles Pathos, frommes Getue und sentimentale Gefühlsduselei sind ihr zuwider. Helga organisiert gerne konkrete Gemeindearbeit, engagiert sich in Kreisen und Gruppen, betreut einzelne Gemeindeglieder, ohne sich selber wichtig zu nehmen oder gar ihre eigene Person in den Mittelpunkt zu stellen.
Mitte der 60erJahre gründet sie die Altentagesstätte im Gemeindehaus Parallelstraße mit. Gleichzeitig wird sie hauptamtliche Gemeindesekretärin: In der Küsterei im Pfarrhaus Kiesstraße laufen fast alle Fäden der Gemeindearbeit zusammen. Mit den jungen Pfarrern Scherer und Reisert kommt eine neue Theologengeneration in die Gemeinde. Zu Rolf Reisert entwickelt Helga ein besonders gutes Verhältnis, sie unterstützt seine Idee der Offenen Kirche für Lichterfelde und den Umbau der Petruskirche zum Kultur- und Veranstaltungsort. 1976 wird Helga Ramm Witwe. In ihren Beruf als Küsterin arbeitet sie bis zur Rente 1985, dem Jahr der Geburt ihres Enkels Till.

Ehrenamtlich bleibt Helga natürlich weiter für die Petrusgemeinde aktiv, bis in die letzten Wochen ihres Lebens. Bei meinem Amtsantritt als Gemeindepfarrer ist sie Älteste im Gemeindekirchenrat, leitet mehrere Kreise und beteiligt sich an allen Gemeindefesten. Beim Abschied von "Hengel" geht die Leitung der Altentagesstätte auf sie über. Erst auf den zweiten Blick nimmt man Helgas große innere Stärke wahr, auf den ersten wirkt sie nachgiebig, gutmütig bis zur Selbstaufgabe. Ihr entschiedenes Eintreten für ihre Überzeugungen kombiniert sie mit weitherziger Toleranz gegenüber anderen. Sie kann zuhören, verstehen, annehmen. Über eigene Beschwerden klagt Helga niemals, auch als die Schmerzen im Rücken, die quälende Atemnot zunehmen. Wohl nur ihr langjähriger Lebensgefährte Hanne weiß, wie elend ihr manchmal zumute ist. Selbst als Schwerkranke im Universitätsklinikum scherzt sie mit dem Pflegepersonal. Die Herzoperation verläuft erfolgreich, aber Helgas geschwächte Lunge erholt sich nicht mehr. Am 17. April 2003 stirbt Helga Ramm im Spandauer Johannesstift.

Im Trauergottesdienst in der Giesensdorfer Kirche nahmen wir Abschied an ihrem Sarg. Nun ruht sie auf dem Friedhof gleich neben der Kirche.

Danke, Helga, für alles.