ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juli/August 2003

23.3.2019

Das Buch der Bücher – Die Bibel und ihre Geschichte
Teil 4: Gutenberg und die ersten gedruckten Bibeln

von Torsten Lüdtke

Die schmalen Giebelhäuser liegen in der Abendsonne; golden leuchtet das Bleidach des alten Kaiserdoms, der seit Menschengedenken über die Dächer von Mainz hinausragt und von dessen Türmen man das blaue Band des Rhein verfolgen kann. In den Gassen herrscht eine rege Geschäftigkeit und in den Werkstätten wird fleißig gearbeitet; so auch in einer kleinen, verräucherten Kammer im Erdgeschoss eines großen Bürgerhauses.
Doch wirkt das Innere befremdlich: an Weinpressen erinnernde Holzgerüste stehen hier, große Kästen mit verschieden geformten, kleinen Bleistückchen nehmen ein Großteil des Raumes ein und nicht zuletzt brennt im Hintergrund ein Kohlefeuer, in dem ein Schmelztigel mit glühendem Blei steht. Gesellen laufen geschäftig durch die Werkstätte; während ein anderer den Tigel nimmt, um eine Reihe von Formen auszugießen. Meister Johannes jedoch prüft einen der großen Kästen, indem er eines der Bleistückchen, dass ein großes "A" trägt, in die Hand nimmt...


42-zeilige Gutenberg-Bibel (Leipzig, Deutsches Museum für Buch und Schrift)

Die Erfindung Meister Johannes Gensfleischs – genannt Gutenberg – sollte eine neue Epoche der Buch-herstellung einleiten: Waren bisher alle Bücher aufwendig mit der Hand geschriebene und verzierte Einzelstücke, die je nach Ausstattung auch eine mehrjährige Herstellungszeit erforderten, so konnte durch die Erfindung Gutenbergs, Bücher mit beweglichen Bleibuchstaben in einer Presse zu drucken, der Aufwand, Bücher abschreiben zu müssen und somit die langwierige Herstellungszeit verringert werden. Zog sich der Herstellungszeitraum der prächtig illustrierten, unvollendet geblieben Wenzelsbibel – einer für den König von Böhmen, den Sohn des Kaisers, Wenzel IV. bestimmte, deutschsprachigen Bibelhandschrift – noch über rund sechs Jahre hin, so konnte Gutenberg den Druck seiner 42-zeiligen Bibel mit einer Auflage von etwa 200 Exemplaren innerhalb eines Jahres abschließen.

Die auf Papier und Pergament gedruckten Bibeln – die übrigens den lateinischen Text nach der Vulgata (siehe Teil I) darbieten – waren nach dem Druck noch lange nicht vollendet; dem Käufer, der für seine Exemplar die stolze Summe von 50 Gulden (das Jahreseinkommen eines Leipziger Ratsmitgliedes) aufbringen musste, blieb die Sorge um die Einband sowie die Ausschmückung des Druckes mit farbigen Initialen oder Randleisten. In den 45 erhaltenen Gutenbergbibeln findet sich fast überall diese, an Handschriften erinnernde Ausstattung, die durch ihre individuelle Gestaltung jedes erhaltene Exemplar zu einem einzigartigen Buch – und auch selbstständigen Kunstwerk – macht.


Die Straßburger Bibel Johann Mentelins 1466 (Leipzig, Stadtbibliothek)

Rasendschnell breitet sich die neue Technik in den Ländern und geistigen Zentren des Heiligen Römischen Reichs aus; in Straßburg, Nürnberg, Erfurt und Leipzig entstehen bald erste Druckereien. Rund zehn Jahre nach Gutenberg, dessen Bibel vor allem für reiche Laien und den Gebrauch durch die Geistlichkeit gedacht war, verlegte 1466 in Straßburg der Buchdrucker Johann Mentelin (1447-1478) eine auf mittelhochdeutschen Vorläufern basierenden frühneuhochdeutsche Übersetzung der Vulgata.

Mentelins Bibel unterschied sich jedoch nicht nur in der Sprache, sondern auch Format und Drucktype und so kommt es, dass nicht nur die Seitenzahl auf 405 Blätter reduziert werden konnte, sondern auch der Preis.

Ein Eintrag in das Exemplar der Münchner Staatsbibliothek enthält die für das Spätmittelalter ungewöhnlich genaue Eintragung: "1466 27 Junio war dicz buch gekaft vneingepunden umb 12 gulden"(1466, am 27 Juni wurde dieses Buch um 12 Gulden gekauft). Doch nicht nur durch Preis und Umfang ist Mentelins Bibel von der Gutenbergbibel unterschieden, sondern auch durch das Fehlen einer besonderen künstlerische Ausstattung der Seiten; doch bot der deutsche Text die Grundlage für 13 weitere Drucke sowie die Vorlage für eine in Lübeck gedruckte niederdeutsche Übertragung. Allen diesen frühen Übertragungen ist jedoch eines gemein: sie folgen auch für ihre Zeit altertümlichen Vorlagen und entbehren der sprachlichen Klarheit der Lutherbibel.

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch: