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29.6.2016

Zum Tod von Dorothee Sölle

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Am 28. April verstarb im Alter von 73 Jahren Dorothee Sölle an einem Herzinfakt.

Bis zuletzt hat sie ihr Leben mit der ihr eigenen Aktivität gelebt, noch am Tag zuvor hatte sie an einem Seminar teilgenommen. Aus den Reaktionen auf ihren Tod lässt sich erkennen, dass die umstrittene Persönlichkeit und nicht minder umstrittene Theologin Dorothee Sölle sich über die Jahre trotz und vielleicht manchmal auch wegen zahlreicher Anfeindungen große Achtung, ja sogar Liebe und Bewunderung im In- und Ausland erworben hat. Mit Sicherheit gehörte sie zu den bedeutendsten Theologen und Theologinnen unserer Zeit. Dabei gelten die Würdigungen nun oft mehr der Aktivistin als der Theologin, was Dorothee Sölle wahrscheinlich nicht einmal unangenehm wäre, betonte sie doch immer wieder, dass leben und handeln wichtiger als reden sei.

Allerdings beschleicht mich Unbehagen, wenn ich über die Persönlichkeit der Zeitgeschichte Dorothee Sölle etwas sagen soll, die kenne ich nämlich kaum. Es waren schon immer ihre Bücher und Texte, die mir nahe waren, während mir die Persönlichkeit des öffentlichen Lebens immer eher fern geblieben ist. Ich hatte nie die Gelegenheit, sie selbst in Fleisch und Blut zu erleben, und so sind es ihre Worte, in denen ich sie immer sehr präsent gefunden habe, während mir das, wofür sie sich öffentlich einsetzte, immer durch die leidenschaftlichen Meinungen ihrer Bewunderer und Gegner wie in einem Zerrspiegel entstellt erschien.

Es ist leicht einzusehen, warum sie so provokant wirkte. Schnell fallen einem die richtigen Etiketten ein, wenn man etwas von oder über sie liest, die man einfach nur noch aufkleben braucht. Etiketten wir "links", "feministisch" oder "Friedensaktivistin". Darüber hinaus war sie in ihren Worten und Taten häufig provokant, weil sie sich nie gescheut hat, Dinge, Institutionen und ganze Gedankengebäude zu hinterfragen und ihr Unbehagen dabei auch deutlich zu formulieren.

Aber gleichzeitig sind diese Stereotypen unendlich unpassend. So war die Provokation eben gerade nicht das, worauf es ihr ankam. Es ging ihr nicht darum, Aufmerksamkeit zu erregen und die Verletzung von Autoritäten und Traditionen aus Prinzip zu betreiben. Sie scheute aber eben auch nicht davor zurück, Empfindlichkeiten zu verletzen, wenn es der Sache diente. Was nun war ihre Sache? Es fällt auf, dass es da gar nicht die Sache gibt. Dorothee Sölle setzte sich ein für den Frieden, für Gerechtigkeit zwischen armen und reichen Menschen und armen und reichen Ländern auf dieser Welt, für Feminismus, für die Ökumene. Aber die treibende Kraft dahinter war die Frage, was es bedeutet, hier und heute Christ zu sein, und das nicht in einem abstrakten, rein theoretischen Rahmen, sondern unter den Bedingungen dieser Zeit und dieser Welt, wie sie ist.

Dabei hat Sölle nie die Theorie für die Praxis und die Praxis für die Theorie geopfert. Wenn sie sich häufig für den Primat des Lebens und Tuns gegenüber dem Reden ausgesprochen hat, dann stehen dem ganz praktisch ihre zahllosen Bücher und Veröffentlichungen entgegen, in denen sie gezeigt hat, dass eine gute Praxis und eine gute Theorie durchaus zusammengehen können. Dabei hat sie die Sprache in ihren Möglichkeiten vielfältig ausgeschöpft. Ihre Texte können es an Reflexionstiefe mit jedem anderen Theologen aufnehmen, zugleich gelingt es ihr aber auch, Dinge einfach und anschaulich zu beschreiben. Schließlich hat sie sogar gedichtet und der Dimension des Sinns die Dimension des Ästhetischen hinzugefügt. Vielleicht ist es diesem Talent und dieser Bandbreite in ihrem Reden und Handeln zu verdanken, dass die Gegenerschaft, die sie oft erfahren hat, langfristig keinen Bestand hatte. Wer sich ernsthaft mit Dorothee Sölle beschäftigt, muss einfach einräumen, dass ihr Werk sich eben nicht in Provokation und Klischee erschöpft, sondern diese allenfalls um der Sache willen bemüht.

Als Beispiel sei ihr "Atheismus" herangezogen. Eines ihrer frühen Hauptwerke trug den Untertitel "Theologie nach dem Tode Gottes". Etwas später erschien der Sammelband "Atheistisch an Gott glauben." Das waren der Reizworte genug. Eine Theologin, die so offensichtlich mit dem Schlagwort vom "Tod Gottes" und sogar dem Atheismus sympathisiert wurde von vielen bekämpft, die sich selten die Mühe machten, genauer hinzusehen. So war Atheismus für Dorothee Sölle nicht Gegenbegriff zu Glaube an Gott, sondern Gegenbegriff zu "Theismus", einer Geisteshaltung und religiösen Grundhaltung, die Gott vor allem als eine gesetzte, feste Größe betrachtet, die dazu dient, die Ordnung der Welt – und die vielen kleinen Ordnungen, die sich die Menschen in ihr ausgedacht haben – an ihrem Platz und in Geltung zu halten.

Für Sölle ist Gott Leben, Bewegung, Liebe, Hoffnung und kein Garant der Ordnung oder eines wie immer gearteten status quo. Nur einen solchen Gott, der Menschen in Bewegung setzt, ihnen Hoffnung macht und für sie zum Garanten wird, nicht für das, was ist, sondern für das, was erst noch werden soll, konnte sie als den Gott der Bibel und den Gott Jesu Christi anerkennen. Dies ist zugleich ein Gott, der ganz nah bei den Menschen ist, der für, mit und durch die Menschen lebt und wirkt, kein abstrakter Weltenherrscher und -lenker. In diesem Sinne sprach sie von einem "glaubensnotwendigen Atheismus". Über den Atheismus - ihren eigenen und den sogenannten – sagte sie selbst: "Die Mehrheit der Deutschen glaubt bekanntlich heute nicht mehr an Gott. Das hat mich bisher nicht allzusehr beunruhigt, weil ich das, woran sie früher glaubten, nicht unbedingt für Gott hielt."

Sicher, solche Worte provozieren. Sie laden aber vor allem ein, sich mit auf die Suche zu machen im Denken, Reden, Handeln und Leben.