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22.3.2019

Das Buch der Bücher – Die Bibel und ihre Geschichte
Teil 3: Otfried von Weißenburg und sein Evangelienbuch

von Torsten Lüdtke

Der kühle Wind, der von den Gipfeln der Vogesen herunterkommt, hat über Nacht auch Schnee in die Täler des Unterelsaß gebracht. Aus der strahlend weißen Landschaft heben sich die grauen Mauern des Klosters Weißenburg. Rot geht die Wintersonne über dem Frankenreich auf; ein zarter, rosenfarbener Schein mischt sich mit dem rußigen Kerzenlicht im Scriptorium, dem Schreibsaal des Klosters. Ein junger Mönch, erst vor kurzem von Rhabanus Maurus aus Fulda hierher gesandt, sitzt über sein Schreibpult gebeugt, um ihn herum liegen verschiedene Handschriften, darunter die Vulgata, Augustinus, Tatian und der "Heliand".

Das Pergament auf seinem Schreibpult fühlt sich langsam mit Buchstaben; Worte entstehen und aus den Worten werden lange Verse ...

Der junge Mönch des Klosters Weißenburg ist niemand anderes als Otfried (um 800 - 870), der eine der bedeutendsten Bibeldichtungen in althochdeutscher Sprache verfasste: das Liber evangeliorum oder Evangelienbuch.

In diesem "Liber evangeliorum" erzählt Otfried in Versen die Lebens- und Leidensgeschichte Christi, wie sie die vier Evangelisten – mitunter in Einzelheiten abweichend – berichten, doch vereinigt er die verschiedenen Evangelien zu einer einzigen Dichtung, der sogenannten Evangelienharmonie. Otfrieds Absichten bei der Abfassung zeigen zwei dem Evagelienbuch voranstehende Texte: einerseits wird dadurch das Gedicht dem deutschen Kaiser Ludwig (825-875) gewidmet, andererseits dadurch der Gebrauch der deutschen Sprache (Althochdeutsch, fränkische Mundart) für sein Werk begründet; will Otfried doch mit seinem "christlichen Versepos" predigend die weitesten Kreise der Bevölkerung erreichen, die zum Teil noch den alten heidnischen Göttern anhingen.

Otfried verwendet auch – anders als die, in der Einleitung als schädlich bezeichneten, aus heidnischer Zeit überlieferten Heldenlieder germanischen Ursprungs – keinen Stabreim, sondern orientiert sich am Versmaß und Endreim der christlich-lateinischen Hymnendichtung.

Wenn auch Otfrieds Evangelienbuch keine Bibelübersetzung im strengen Sinne darstellt, so verfolgt sie doch in ihrer Intention einen ähnliche Anspruch: Die biblischen Geschichten sollen, in der Volkssprache erzählt, allen Laien zugänglich und verständlich gemacht werden, darüberhinaus ist jedem erzählendem Kapitel eine geistlich-theologische Auslegung angehängt, die den ‘geheimen’ Sinn der biblischen Erzählung verdeutlichen soll.

In der Nutzanweisung, die Otfried durch diese "Auslegungen" gibt, liegt auch der Unterschied zur gleichartigen, volkssprachlichen Bibeldichtung, dem altsächsischen Heliand oder der in Althochdeutsche übersetzten Dichtung Tatians; Otfried schafft hier aber nicht nur Neues, sondern greift auch oftmals auf Bewährtes, wie z. B. Stellen aus den Kirchenvätern (v.a. Augustinus), zurück. Merkwürdig berührt nur in diesem Zusammenhang das Fehlen fast sämtlicher biblischer Orts- und Landschaftsnamen; selbst für Jerusalem wird der Zusatz "Burg" gewählt.

Otfrieds Werk ist in vier Handschriften überliefert, die auf eine relativ weite Verbreitung in karolingisch-ottonischer Zeit schießen lassen, doch reißt an der Schwelle zum Hochmittelalter die Überlieferung von Otfrieds Bibeldichtung ab; Zwar finden sich in mittelhochdeutscher Zeit einige Übersetznugsversuche, doch beginnt erst mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg ein neues Kapitel für eine Verbreitung volkssprachlicher Bibeln.

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