ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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24.3.2019

"Sie haben meinen Herrn weggenommen..."

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Traurig, leer, ausgebrannt, mit Augen, die vor Tränen nicht richtig sehen können, steht sie da am Grab. Ihre Gedanken kreisen um die vergangenen Tage und Wochen. Sie war dem Mann aus Nazareth nachgefolgt. Er hatte ihr neue Hoffnung gegeben, sie geheilt, sie befreit von Ängsten und Zwängen. Und nun lag alles, was sie liebte, in diesem Grab.

Das einzige, was ihr noch blieb: wenigstens am Grab noch einmal in seiner Nähe sein. Wenigstens in aller Ruhe um ihn trauern, den Tränen freien Lauf lassen und den ganzen Schmerz heraus heulen.


Giotto di Bondone: Noli me tangere (Rühr mich nicht an), 1320. Fresko in der Magdalena-Kapelle in der Unterkirche von Assisi. (Links unten: Detail.)

Dieses Gefühl werden viele kennen, die schon einmal von einem geliebten Menschen Abschied nehmen mussten und wenige Tage nach der Beisetzung allein am Grab standen: leer, ausgebrannt und die Augen von Tränen angefüllt. Sie haben erlebt und erlitten, was es heißt: allein an einem Grab stehen. Alles was das Leben bisher ausgemacht hat, ist in Frage gestellt. Der Tod verändert alles, wirft alle bisher geordneten Lebensbezüge durcheinander. Das einzige, was bleibt, sind Tränen und das oft so bedrückende Gefühl, jetzt ganz allein zu sein am Tisch, in der Wohnung, am Abend und am Grab. Manche Worte der Verwandten und Nachbarn, der Freunde und Bekannten mögen noch durchdringen. Aber es gibt Zeiten, wo sie Trauernde kaum erreichen, wie abgeschnitten von allem Leben.
Während die Tränen noch fließen, beugt Maria von Magdala sich in die Grabkammer. Erst jetzt merkt sie, dass der Stein vor dem Grab weg und die Grabkammer hell ist. Zwei Gestalten sitzen dort und fragen sie: "Frau, warum weinst du?"
Und Maria antwortet: "Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben."

Was dann passiert, beschreibt die Schriftstellerin Luise Rinser in ihrer Erzählung "Mirjam" folgendermaßen: "Da sah ich im Olivenhain, in dem das Grab lag, zwischen den Bäumen einen Mann... Als er noch etwas näher kam, hielt ich ihn für einen Arbeiter, einen Gärtner. Doch zu so früher Stunde?
Ich wurde unsicher. Hatte ich Angst? Mein Herz schlug heftig. Der Mann kam noch näher. Maria! Das war seine Stimme. Da erkannte ich ihn. Rabbi!
Ich fiel ihm zu Füßen und lachte und weinte in einem und war außer mir vor Freude.

Aber als ich seine Knie umfassen wollte, wich er zurück. 'Nicht so, Maria, so nicht mehr und noch nicht. Bleib stehen, wo du stehst. Höre: Ich gebe dir einen Auftrag. Hör genau zu!'
'Ich höre, Rabbi. Sprich!'
'Geh du zu den anderen. Sag ihnen, dass du mich gesehen hast. Sag ihnen, ich gehe ihnen voran nach Galiläa. Du wirst mich wieder sehen, Maria.'

Dann war die Stelle, an der er gestanden hatte, leer. Aber in mir brannte es. Ich lief ein paar Schritte. Vielleicht war er zwischen den Bäumen verborgen. Aber da war nichts. Und keine Spur im feuchten Gras. Kein Geräusch von Schritten, die sich entfernten. Rabbi! Rabbi! Nichts mehr."

Maria musste lernen, dass sie nicht einfach in das frühere Leben mit ihm zurückkehren, nicht einfach an Gewohntes, Vertrautes und Liebgewonnenes anknüpfen kann. Alles ist ganz anders geworden. So wenig wie sie den Leichnam Jesu für sich behalten konnte, so wenig kann sie nun den Auferstandenen festhalten und an sich binden.

Auch wir erhalten nicht einfach zurück, was wir verloren haben: Menschen, die wir vermissen, Gelegenheiten, die wir versäumt haben, Hoffnungen, die uns zerbrochen sind. Aber dafür bekommen wir neue Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Ein Leben, in dem wir nicht nur zurückschauen und uns an das Vergangene klammern, um es zurückzuholen.

Maria aus Magdala hat es erfahren: Im tiefsten Dunkel des Leids, dort wo sie noch in ein schwarzes Loch starrt, leuchtet bereits Befreiendes auf.
Dort, wo auch wir in der Gefahr sind, von alten Lebensverhältnissen und unerfüllten Hoffnungen eingeholt zu werden, dort, wo auch wir noch auf Gräber starren, dort will sich Ostern ereignen und auswirken.

Mögen wir viele dieser befreienden Ostererfahrungen machen! Und so wünsche ich Ihnen frohe und gesegnete Ostertage

Ihr Michael Busch, Pfr.