ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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25.3.2019

Karfreitag

von Susanne Peters-Streu

Wir halten
Friedensgebete
mittwochs 19 Uhr
in der Dorfkirche Giesensdorf
samstags 10.30 Uhr
in der Petruskirche

Mahnwache!
am Samstag, 5.4.
von 11.00-11.30 Uhr
vor der Petruskirche

Gedanken zur Passionszeit soll ich für diesen Schlüssel aufschreiben, während heute am 20. März 2003 die ersten Bomben auf Bagdad abgefeuert werden. Wir erinnern uns an das Leiden Jesu, an seinen Weg ans Kreuz. Wie oft ist der Bericht über die Kreuzigung Jesu gelesen und gehört worden? Wie oft seitdem und heute noch und immer wieder werden Menschen, werden wir Zuschauer und Teilnehmer beim Töten, bei Folter und Hinrichtung, tiefstem Leid und Elend.
Schwer zu ertragende Ohnmacht und Verzweiflung, Mitleid, Abgestumpftheit, Hilflosigkeit, Fragen, Verstehen wollen, Erklärungen suchen, einschreiten wollen.

Der Evangelist Matthäus berichtet über die Kreuzigung mit folgenden Worten:

der sich ganz auf gott verließ
hängt am holz von gott verlassen

der die gnade ist
schreit im Schmerz der gnadenlos

der für liebe stritt
stirbt von hass durchbohrt

Kurt Marti

"Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug. Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.
Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.
Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe! Aber Jesus schrie abermals laut und verschied."

Dieser Bericht lässt keinen Ausweg, er lässt keine Flucht zu. Kein "es musste so kommen", "ich muss diesen Weg gehen, weil es Gotteswille war". Nichts, was Entlastung schafft und die Möglichkeit lässt vor dem schrecklichen Geschehen auszuweichen.

Eine üble Geschichte, spöttische Spekulationen. Die vorübergehen lästern und spotten: "hilf dir selbst, wenn du Gottes Sohn bist und komm herunter vom Kreuz!" "Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun!"
Zynische Missverständnisse, die ihn rufen hören nach Gott "Eli, Eli, mein Gott, mein Gott" sagen: "Hört er ruft nach Elia, lasst uns sehen, ob der kommt und ihm helfe".

Dummes Gerede, unernste Versuche, sich einen Reim auf den Mann am Kreuz zu machen. Es ist als liege ein Schatten über diesem Text. Nicht Gottes Handeln wird vor Augen geführt, sondern das Verhalten und die Kommentare von Menschen, ihre Niedertracht in Anbetracht des sterbenden Jesus. Das Verletzendste liegt im Spott und Hohn derer, die um das Kreuz herum stehen.

Wenig erfahre ich über Christus, der am Kreuz hängt, viel über mich. Viel auch über meine Wünsche wie Gott zu sein hätte! Diese aufblitzenden Gedanken, die ich zu hören bekomme, die stillen Vorwürfe, die kenn' ich doch auch und höre sie allenthalben.

Komme ich selbst nicht auch auf den Gedanken, wenn Gott Gott ist, dann möge er dies doch zeigen. Gott, wenn du Gott bist, dann lass es mich doch sehen durch unwiderlegbares Handeln. Zeig es doch, dass heute im Irak kein Kind und keine Frau und kein Mann stirbt, zeig es doch.

Wenn Gott Gott ist? – Nein! Der am Kreuz leistet Widerstand. Sein Tod, sein Nicht-reagieren, ist radikale Verweigerung diesem unserem Spiel gegenüber. Scharfe Abgrenzung dem gegenüber, was Menschen inszenieren. Es wirft mich zurück auf meine spöttischen, zynischen Spiele mit Menschen und macht sie sichtbar. Dies ist bitter, weil ich es nicht gern wahrhaben will und anscheinend gut damit lebe, so zu tun als gäbe es diese Seiten nicht.

Menschen hängen den Christus ans Kreuz und fragen dann, warum er nicht herabsteigt. Massiver kann menschlicher Zynismus nicht sein. Auf diesen Weg lässt er sich nicht ziehen. Er lässt sich auf dieses Spiel nicht ein. Sein Todesschrei beendet die Geschichte, die andere mit ihm anstellen, und macht sie zu seiner Geschichte. So ändert er die Pointe. Er bestätigt die Regeln seiner Feinde nicht. Er durchbricht ein heilloses Spiel und besiegelt dessen Ende, mit seinem Tod.

Wir werden konfrontiert, wie Menschen hier permanent ihre eigene Lesart an den Gekreuzigten herantragen und an ihr scheitern. Sind wir nicht auch Menschen, die da am Kreuz stehen und schauen, was geschieht, die ihre eigene Lesart eintragen in das Leid der Welt?

Eigentlich möchte ich ständig dazwischenrufen: Das geht doch nicht! Das darf doch nicht passieren! Aber ich kann nicht eingreifen, kann die Erfahrung von Leid und Unrecht nicht aufhalten. Dieser Bericht führt mich an die Frage, welche Hoffnung bleibt, wenn nichts mehr zu hoffen ist. Und er führt an den Punkt, dass Menschen – und schließen wir uns da nicht aus – alles getan haben, dass es so kommt. Das Kreuz ist Resultat der Lebenspraxis der Menschen – Er ist unser Opfer. Wir können nicht heilen, was dort zerbricht und den Kelch nicht trinken, den er trinken muss. – Und wir sollen ihn auch nicht trinken müssen. Am Abgrund der Geschichte wird nicht gefragt nach Wiedergutmachung. Das auf Golgatha Geschehene bedarf keiner Rücknahme. Golgatha der Ort des Endes für Christus wird zum Ort der Befreiung, weil die Spiele, die Menschen gestalten und inszenieren, radikal abgebrochen werden, der Schatten des Karfreitags ist ein heilsamer Schatten, der uns vor den verheerenden Folgen unseres Tuns schützt, indem er uns einen anderen einen neuen Weg weist. Der Ort, für Christus zum Sterben, wird für uns zum Leben.

Karfreitag, der Tag menschlicher Abgründe, die Zusammenschau alles Leidens der Welt und Jesus schreit es heraus, wenn er mit den Worten des 22. Psalms ruft. Die Klage wird unüberhörbar laut.

Sie teilen meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand, was zählt sind Gewinn und Haben wollen, Zeitvertreib mit dem Geraubten.

Alle die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf. Hilflosigkeit wird bespottet. Todesqualen werden zum Schauspiel.
Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus. Ja, so läuft die Welt. Wem es an den Kragen geht, der hat es anscheinend verdient. Und verhöhnt wird er noch obendrein für das Vertrauen und die Ziele, die einmal sein Leben trugen.
Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen? Der Ruf aus bodenloser Einsamkeit. Wenn Menschen sich schon abwenden und sich zurückziehen, bleibt dann nicht wenigstens Gott?

Karfreitag eine Zusammenschau menschlicher Abgründe, aneinandergereiht scheinbar ohne Ende. Das macht müde, traurig und niedergeschlagen, oder auch zornig und herausfordernd gegenüber einem Gott, der scheinbar tatenlos zusieht, wie Menschen sich und andere quälen.

Ihre Susanne Peters-Streu

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