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ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > April 2003 |
19.5.2012 |
Schwer zu ertragende Ohnmacht und Verzweiflung, Mitleid, Abgestumpftheit, Hilflosigkeit, Fragen, Verstehen wollen, Erklärungen suchen, einschreiten wollen. Der Evangelist Matthäus berichtet über die Kreuzigung mit folgenden Worten:
der sich ganz auf gott verließ der die gnade ist der für liebe stritt Kurt Marti "Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug. Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. Dieser Bericht lässt keinen Ausweg, er lässt keine Flucht zu. Kein "es musste so kommen", "ich muss diesen Weg gehen, weil es Gotteswille war". Nichts, was Entlastung schafft und die Möglichkeit lässt vor dem schrecklichen Geschehen auszuweichen. Eine üble Geschichte, spöttische Spekulationen. Die vorübergehen lästern und spotten: "hilf dir selbst, wenn du Gottes Sohn bist und komm herunter vom Kreuz!" "Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun!" Dummes Gerede, unernste Versuche, sich einen Reim auf den Mann am Kreuz zu machen. Es ist als liege ein Schatten über diesem Text. Nicht Gottes Handeln wird vor Augen geführt, sondern das Verhalten und die Kommentare von Menschen, ihre Niedertracht in Anbetracht des sterbenden Jesus. Das Verletzendste liegt im Spott und Hohn derer, die um das Kreuz herum stehen. Wenig erfahre ich über Christus, der am Kreuz hängt, viel über mich. Viel auch über meine Wünsche wie Gott zu sein hätte! Diese aufblitzenden Gedanken, die ich zu hören bekomme, die stillen Vorwürfe, die kenn' ich doch auch und höre sie allenthalben. Komme ich selbst nicht auch auf den Gedanken, wenn Gott Gott ist, dann möge er dies doch zeigen. Gott, wenn du Gott bist, dann lass es mich doch sehen durch unwiderlegbares Handeln. Zeig es doch, dass heute im Irak kein Kind und keine Frau und kein Mann stirbt, zeig es doch. Wenn Gott Gott ist? – Nein! Der am Kreuz leistet Widerstand. Sein Tod, sein Nicht-reagieren, ist radikale Verweigerung diesem unserem Spiel gegenüber. Scharfe Abgrenzung dem gegenüber, was Menschen inszenieren. Es wirft mich zurück auf meine spöttischen, zynischen Spiele mit Menschen und macht sie sichtbar. Dies ist bitter, weil ich es nicht gern wahrhaben will und anscheinend gut damit lebe, so zu tun als gäbe es diese Seiten nicht. Menschen hängen den Christus ans Kreuz und fragen dann, warum er nicht herabsteigt. Massiver kann menschlicher Zynismus nicht sein. Auf diesen Weg lässt er sich nicht ziehen. Er lässt sich auf dieses Spiel nicht ein. Sein Todesschrei beendet die Geschichte, die andere mit ihm anstellen, und macht sie zu seiner Geschichte. So ändert er die Pointe. Er bestätigt die Regeln seiner Feinde nicht. Er durchbricht ein heilloses Spiel und besiegelt dessen Ende, mit seinem Tod. Wir werden konfrontiert, wie Menschen hier permanent ihre eigene Lesart an den Gekreuzigten herantragen und an ihr scheitern. Sind wir nicht auch Menschen, die da am Kreuz stehen und schauen, was geschieht, die ihre eigene Lesart eintragen in das Leid der Welt? Eigentlich möchte ich ständig dazwischenrufen: Das geht doch nicht! Das darf doch nicht passieren! Aber ich kann nicht eingreifen, kann die Erfahrung von Leid und Unrecht nicht aufhalten. Dieser Bericht führt mich an die Frage, welche Hoffnung bleibt, wenn nichts mehr zu hoffen ist. Und er führt an den Punkt, dass Menschen – und schließen wir uns da nicht aus – alles getan haben, dass es so kommt. Das Kreuz ist Resultat der Lebenspraxis der Menschen – Er ist unser Opfer. Wir können nicht heilen, was dort zerbricht und den Kelch nicht trinken, den er trinken muss. – Und wir sollen ihn auch nicht trinken müssen. Am Abgrund der Geschichte wird nicht gefragt nach Wiedergutmachung. Das auf Golgatha Geschehene bedarf keiner Rücknahme. Golgatha der Ort des Endes für Christus wird zum Ort der Befreiung, weil die Spiele, die Menschen gestalten und inszenieren, radikal abgebrochen werden, der Schatten des Karfreitags ist ein heilsamer Schatten, der uns vor den verheerenden Folgen unseres Tuns schützt, indem er uns einen anderen einen neuen Weg weist. Der Ort, für Christus zum Sterben, wird für uns zum Leben. Karfreitag, der Tag menschlicher Abgründe, die Zusammenschau alles Leidens der Welt und Jesus schreit es heraus, wenn er mit den Worten des 22. Psalms ruft. Die Klage wird unüberhörbar laut. Sie teilen meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand, was zählt sind Gewinn und Haben wollen, Zeitvertreib mit dem Geraubten. Alle die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf. Hilflosigkeit wird bespottet. Todesqualen werden zum Schauspiel. Karfreitag eine Zusammenschau menschlicher Abgründe, aneinandergereiht scheinbar ohne Ende. Das macht müde, traurig und niedergeschlagen, oder auch zornig und herausfordernd gegenüber einem Gott, der scheinbar tatenlos zusieht, wie Menschen sich und andere quälen. Ihre Susanne Peters-Streu Lesen Sie zu diesem Thema auch:
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