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22.7.2019

Das Buch der Bücher – Die Bibel und ihre Geschichte
Teil 2: Die Bibel der Goten und ihre Entstehung

von Torsten Lüdtke

Strahlend geht die Frühlingssonne über Ravenna auf; im leichten, kühlen Wind, der von der Adria herüberkommt und über der Stadt und ihren Kirchen hinweggeht, liegt ein schwacher Salzgeruch. Feierlich langsam, ihren greisen König an der Spitze des Zuges, bewegt sich an diesem Ostermorgen eine große Menschenmenge auf das Portal der Basilika San Apollinare Nouvo zu.

Golden glänzen innen die mit reichen Mosaiken geschmückten Wände; langsam und gemessen bewegt sich die feierliche Prozession an den im Schiff der Basilika versammelten Gläubigen vorbei, auf den Altar zu, auf dem eine Bibel in gotischer Sprache und Schrift liegt – ein prächtig mit Silber- und Goldbuchstaben auf purpurnes Pergament geschriebenes Buch ...

Ein prächtiges Buch stellt die heute in der Universitätsbibliothek von Uppsala aufbewahrte, als "Codex argenteus" ("Silberner Codex") bezeichnete Prachthandschrift noch heute dar, wenngleich auch sein ursprünglicher Umfang wie auch seine Entstehung und genaue Herkunft wohl nie sicher geklärt werden können. Es gibt jedoch genügend Hinweise für die Entstehung des mit silbernen Buchstaben auf purpurfarbenes Pergament geschriebenen berühmten Codex: so wird der von Theoderich (453-526) beherrschte, ostgotisch-ober-italienische Raum – vielleicht sogar Ravenna selbst – angenommen.

Zwei Schreiber kopierten dabei an der Wende des 6. Jahrhunderts die rund 150 Jahre vorher vom gotischen Bischof Ulfilas (311-382) übersetzten biblischen Texte; hierfür konnten sie auf ein eigenes, feststehendes gotisches Schriftsystem zurückgreifen. Diesem, vermutlich ebenfalls von Ulfilas erdachten Buchstabensystem liegt das griechische Alphabet zugrunde, nur für einige gotische Laute mussten darüberhinaus Schriftzeichen aus anderen Sprachen, wie dem Lateinischen oder den Runen entlehnt werden.

Auf den 187, noch heute erhaltenen Blättern des "Codex argenteus" finden sich Bruchstücke der Evangelien. Die Seiten sind alle nach dem gleichen Schema aufgebaut: neben dem Text findet sich am Rand eine – der Kapitelzählung moderner Bibeln vergleichbare – Zählung des gotischen Textes, unten bildet eine Arkade von vier Bögen, in der die Parallelstellen der anderen Evangelien angeben sind, den Abschluss der Seiten. Als die Schreiber den Codex vollendeten, war der Schöpfer der gotischen Übersetzung, Ulfilas, lange tot.

Wulfila, so die gotische Form des Namens Ulfilas, stammte selbst aus der gotischen Oberschicht und war als Bischof der Goten das geistliche und weltliche Oberhaupt eines gotischen Stammesteiles, der sich, zum arianischen Christentum bekehrt, im Zuge der Völkerwanderung an der Donau im heutigen Nordbulgarien niedergelassen hatte.

Für den arianischen Gottesdienst, der den Goten als Stammeskirche – über die Niederlage und Verdammung der Lehre des Arius, Christus als von Gott geschaffenes und nicht Gott gleiches Wesen anzusehen – hinaus zugesichert wurde, schuf Ulfilas auch eine Liturgie in gotischer Sprache und einen gotischen Fest – und Heiligenkalender, die auch noch zur Zeit Theoderichs in Gebauch war.
Doch schwindet mit dem Beginn des Frühmitelalters und der anglo-irischen Mission der Einfluss der Volkssprache in der Kirche, die nur noch vereinzelt in geistlicher Literatur zu finden ist.

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