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22.5.2019

Kunst in der Petruskirche
20 Jahre Kulturarbeit in der Petruskirche – Teil 4

von Lutz Poetter

 
Ebrahim Ehrari

Im Frühjahr 1982 war der Umbau der Petruskirche abgeschlossen und die frischgestrichenen Wände des Kirchenschiffs und der Winterkirche waren bereit für die erste reguläre Bilderausstellung des in Teheran geborenen Berliner Malers Ebrahim Ehrari.

Die Stunde der Wahrheit war gekommen in der unausweichlichen Begegnung der Gottesdienstbesucher mit zeitgenössischer Kunst in der Kirche. Es gab bis dahin in unserer Stadt keine Erfahrungen damit. Die Initiatoren der Kulturarbeit in der Petrusgemeinde versprachen sich durch die multifunktionale Nutzung der Petruskirche eine wichtige Bereicherung und einen starken Anziehungspunkt in Lichterfelde. Die Skeptiker befürchteten, dass durch das Zeigen moderner Kunst die letzten treuen Gottesdienstbesucher aus der Kirche vertrieben würden.

Der Zuspruch übertraf jedoch alle Erwartungen. Die ersten Kunstausstellungen wurden ein voller Erfolg. Und auch der Gottesdienstbesuch nahm zu. Die Winterkirche war für die anschwellende Zahl der sonntäglichen Besucher viel zu klein ...

Offenheit und Toleranz


Kunst und Kultur bei "Malerarbeiten"

Nach über 20 Jahren und rund 200 Ausstellungen in der Petruskirche wissen wir: Kunst und Kultur steigern die Offenheit der Kirchengemeinde. Sie eröffnen ein spannendes Betätigungsfeld für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter, für Künstler und Kunstinteressierte. Sie ermöglichen Begegnungen für Menschen, die sonst nicht mit Kultur und Kunst in Berührung kommen. Sie schaffen Kontakte und Gemeinschaft in Lichterfelde. Wichtige Ziele sind dabei: Freiheit leben, Provokationen und Konflikte verarbeiten und Toleranz fördern.

Natürlich erregten die ausgestellten Kunstwerke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler heftigen Anstoß. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber gerade das sollen und dürfen sie auch. Seit Jahrhunderten waren Kunst und Kirche eng verbunden – allerdings nicht gleichberechtigt. Künstler erhielten den Auftrag, die Kirchen prächtig auszuschmücken und die biblische Botschaft in Altarbildern und Heiligendarstellungen zu illustrieren. Kunst in der Kirche war dienende Kunst. Die Ausstellungen in der Petruskirche sind einer modernen Kunst gewidmet, die sich gemeinsam mit der Wissenschaft von kirchlicher und staatlicher Obrigkeit emanzipiert hat.

In unserer pluralistischen Gesellschaft sind Kunst und Kultur Randphänomene. Das macht sie allerdings nicht unwichtig. Schließlich stehen wir als christliche Kirche inzwischen auch am Rand des gesellschaftlichen Interesses und betrachten die Stimme des Glaubens als fundamental wichtig für alles Leben. Auch in der Kunst geht es um Wahrheit und Werte. Wer Kunst schafft, der will etwas vermitteln.

Kunst ist der Notschrei jener, die an sich das Schicksal der Menschheit erleben. Die sich nicht mit ihm abfinden, sondern sich mit ihm auseinandersetzen. Die nicht stumpf den Motor "dunkle Mächte" bedienen, sondern sich ins laufende Rad stürzen, um die Konstruktion zu begreifen. Die nicht die Augen abwenden, um sich vor Emotionen zu behüten, sondern sie aufreißen, um anzugehn, was angegangen werden muß. Die aber oft die Augen schließen, um wahrzunehmen, was die Sinne nicht vermitteln, um innen zu schauen, was nur scheinbar außen vorgeht. Und innen, in ihnen, ist die Bewegung der Welt; nach außen dringt nur der Widerhall: das Kunstwerk.

Arnold Schönberg

Schönes und Anstößiges

Zeitgenössische Kunst trägt das Unverständnis, den Widerspruch und die Ablehnung wie eine Zwangsjacke mit sich. Kunst in der Kirche verschärft das noch. Unausrottbar scheint der Anspruch, dass Kunst zu gefallen habe. Sie muss eben "schön" sein, dekorativ, gefällig. Schönheit variiert zwar im Auge des Betrachters. Aber: Man muss sich so ein Bild eben hinhängen können – zu Hause, ins Wohnzimmer. Stört es den häuslichen Frieden, ist ein Kunstwerk also disharmonisch, anstößig, hässlich, dann kann es gar kein echtes Kunstwerk sein und hat vor unseren Augen nichts zu suchen, erst recht nicht in der Kirche.

In allen Zeiten aber galt und gilt: Künstlerinnen und Künstler erschaffen eine Formensprache, die ihren Zeitgenossen erst einmal ungewohnt und verunsichernd erscheint – quer zu vertrauten Sehgewohnheiten und überlieferten Geschmacksempfindungen. Wohl jeder große Künstler galt erst seiner Nachwelt als solcher – von den Zeitgenossen wurden sie meist als entartete Spinner abgelehnt. Dieses Schicksal teilen die Genies von Michelangelo und Rembrandt bis zu van Gogh und Picasso, die uns Heutigen über jeden Zweifel erhaben sind.

Künstler widmen sich Problemen, die im Alltag gerne verdrängt werden. In authentischen Kunstwerken kommen oft unbequeme Wahrheiten zum Vorschein, von denen wir uns gerne abwenden, gleichgültig ob sie von der Kunst oder von der Kanzel kommen. Ohne Tabu hinterfragen sie Gängiges und Selbstverständliches und tragen so wesentlich zur Wahrheitsfindung und Selbsterkenntnis bei. Zweimal in den 90er Jahren haben wir übrigens Symposien in der Petruskirche veranstaltet, um das Thema Kunst und Kirche ausführlich zu diskutieren.

Kunst in der Praxis

Kunstausstellungen – wie geht das praktisch vor sich? Künstler stellen sich mit ihren Werken beim Kunstbeirat vor, der begutachtet und wählt aus.

Es gibt einmal die klassische Einzelausstellung bildender Künstler. Wie in einer Galerie sind dann die Exponate in der Petruskirche zu sehen. Die Mehrzahl der Ausstellungen seit 1982 war von dieser Art. Seltener hatten wir Gemeinschaftsausstellungen – von mehreren Künstlern, die ihre Arbeiten gemeinsam schufen und präsentierten oder die sich zu einem gemeinsamen Thema einladen ließen. 1996 lautete das Thema einer solchen Sammelausstellung "wort bild buch objekt", 1998 zur 100Jahrfeier der Petruskirche war "Petrus" das Thema. Im vergangenen Jahr feierten wir 20 Jahre Kunstausstellungen und luden Künstlerinnen und Künstler aus diesem Zeitraum zur Sammelausstellung ein.

Eine besondere Herausforderung für die künstlerische Arbeit ist die Kirche als Raum selbst. Die Gestaltung dieses Raumes durch Installationen kann faszinierend glücken wie bei der unvergesslichen Ausstellung des Künstlers Ronald Matthes 1988. Sie kann allerdings auch tragisch scheitern wie die artistische Altarverschüttung eines österreichischen Künstlers 1991, dem entgangen war, dass es sich bei unserer um eine evangelische Kirche handelt.

Die Kunstausstellungen sind bei uns zu einem vertrauten Brauch geworden. Andere Kirchen in der Stadt sind unserem Lichterfelder Beispiel gefolgt und stellen ebenfalls Kunst aus. Ich freue mich auf jede neue Ausstellung und genieße besonders die Atmosphäre am Abend der Eröffnung. Mein Rat als Kulturpfarrer lautet: Unbedingt kommen!

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