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20.1.2019

"Ich lebe, um Gott zu erfahren"
Zum 100. Geburtstag von Jochen Klepper am 22. März 2003

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"Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott ein Tropfen in der Glut, ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft."

Am 24. Mai 1933 notiert Jochen Klepper diese Zeilen in sein Tagebuch. Er befürchtet, dass er demnächst aus dem Berliner Rundfunk entlassen wird - und zwar wegen seiner Ehe mit einer jüdischen Frau. Trotzdem will er seinen besonderen Weg mit Gott weitergehen. Einen Tag später schreibt er: "Ich lebe, um Gott zu erfahren."

Ein Leben in Grenzbereichen

Der in Beuthen an der Oder geborene Schriftsteller bringt in weiteren Zeilen zum Ausdruck, dass er von Anfang an ein Leben in Grenzbereichen führte: "Alle Grenzen meiner Tage biege, Gott, in deinen Kreis, dass ich nur noch Worte sage, die ich von dir kommen weiß!"

Zu den Grenzkonflikten zählen zunächst seine schweren Asthmaanfälle im Kindesalter und die Situation im Elternhaus: Beständig schlagen zwei Seelen in seiner Brust. Die eine ist die theologisch-pastorale: Sein Vater ist Pfarrer. Die andere ist die künstlerisch-extravagante: Diesen Zug hat er von seiner Mutter erhalten. Klepper löst die innerliche Auseinandersetzung, indem er 1928 sein Theologiestudium abbricht und fortan als freier Journalist und Schriftsteller arbeitet.

Zu den entscheidenden Grenzerfahrungen aber kommt es seit 1931 durch die Eheschließung mit der Jüdin Hanni Stein. Der nationalsozialistische Staat grenzt ihn wegen angeblicher "Rassenschande" zusehends aus. Lange hält er dem inneren und äußeren Druck stand. Eine besondere Kraftquelle ist ihm das Wort Gottes, in dem er Halt und Trost für sein eigenes Leben findet. Und diese Kraftquelle erschließt er auch für viele seiner Zeitgenossen. Der stärkste Ausdruck dafür sind seine Kirchenlieder. Im Evangelischen Gesangbuch (EG) sind zwölf Lieder von ihm enthalten.

Darunter befinden sich das Morgenlied "Er weckt mich alle Morgen" und das Adventslied "Die Nacht ist vorgedrungen". Berühmt wird Klepper schon zu Lebzeiten durch den Roman "Der Vater" (1937), der das Leben des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. nachzeichnet. Erst lange nach seinem Tod erscheinen 1956 Auszüge aus seinen Tagebüchern mit dem Titel "Unter dem Schatten deiner Flügel". In ihnen beschreibt er eindrucksvoll und minutiös die inneren und äußeren Kämpfe der letzten 10 Jahre seines Lebens.

Im Mai 1939 gelingt es Jochen Klepper, die ältere der beiden Stieftöchter nach England zu bringen. Seiner Frau Hanni und der jüngeren Tochter droht jedoch die Deportation in ein Konzentrationslager.

Und so war die Angst um seine Familie eine zunehmende Überforderung. Einige Tage vor seinem Tod schrieb er in sein Tagebuch: "Gott weiß, dass ich alles von ihm annehmen will an Prüfung und Gericht, wenn ich nur Hanni und das Kind notdürftig geborgen weiß."

Am 10. Dezember 1942 erhält Jochen Klepper vom Hitler-Stellvertreter Adolf Eichmann den Bescheid, dass seinen jüdischen Verwandten die Ausreise nicht gestattet werden kann.

Noch am gleichen Tag entschließt sich die Familie, gemeinsam aus dem Leben zu gehen. In der Nacht zum 11. Dezember 1942 stirbt Jochen Klepper mit seiner Frau und seiner jüngeren Tochter durch eine Gasvergiftung.


Letzter Eintrag ins Tagebuch.

In frommen Kreisen war der Liederdichter Jochen Klepper lange Zeit umstritten. Seine Flucht in den Freitod passte nicht zum Bild eines Christen, der mit Hilfe seines Glaubens allen Widerständen trotzt und lieber das Martyrium wählt als den Selbstmord. Den Gedichten von Jochen Klepper und den aus ihnen hervorgegangen Kirchenliedern spürt man auch heute noch ab, vor welch dunklem Lebenshintergrund sie entstanden sind. Aber auch das ist unübersehbar: sie wurden von einem Menschen geschrieben, der äußerlich zwar gescheitert sein mag, der aber bis zum Schluss an dem Gott festgehalten hat, an den er glaubte.

So schreibt Jochen Klepper noch am Abend vor seinem Selbstmord in sein Tagebuch: "Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben".