Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben
Das Glaubensbekenntnis – Teil 9

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"Des Fleisches"? Heißt das nicht "der Toten"? Jein. Im Lateinischen Text steht ganz eindeutig "des Fleisches", ohne jeden Zweifel und Zweideutigkeit. In der letzten Ausgabe des Gesangbuches steht "der Toten". Auch das ist nicht neu. Diese Fassung lässt sich mindestens bis auf Luther zurückverfolgen, aber wer das Glaubensbekenntnis in seiner Geschichte in der evangelischen Kirche betrachtet, findet bald, dass "die Toten" nicht etwa eine aus Pietät gegenüber dem großen Reformator starr beibehaltene Formel ist. Das Glaubensbekenntnis wird durch die Jahrhunderte in beiden Formen gesprochen, zitiert und ausgelegt. Was bewog also wohl die Schöpfer des Glaubensbekenntnisses und alle, die ihnen folgen, den Wortlaut "des Fleisches" für so wichtig zu halten? Und warum war für Luther und andere "des Fleisches" nur ein Synonym für "die Toten"?

Das Fleisch ist ganz augenfällig ein Sinnbild des Toten, dessen, was seiner Natur nach zum Scheitern und zum Untergang bestimmt ist. Da außerdem die Auferstehung eine Auferstehung von den Toten ist, kann logischerweise auch nur auferstehen, was zuvor tot war. Daher macht die Konkretisierung "Auferstehung der Toten" durchaus Sinn. Dazu kam dann aber wahrscheinlich auch, dass man über die Jahrhunderte vergessen hatte, warum die Wortwahl "des Fleisches" einmal so wichtig gewesen war.

Zu der Zeit, als das Glaubensbekenntnis entstand, war die ausdrückliche Fassung "Auferstehung des Fleisches" von so großer Bedeutung, weil es damals Denkrichtungen gab, die den Menschen aufspalten wollten: In eine ewige, himmlische, reine, unsterbliche Seele und die vergängliche, irdische, dem Untergang geweihte Materie. Das Fleisch eben.

So einen Blödsinn würde heute natürlich niemand mehr denken. Oder etwa doch?
Wenn ich mich so umsehe und höre, glaube ich eher, dass genau das der Blödsinn ist, den die meisten, ja fast alle Menschen heute denken, wenn sie an Christentum, Kirche, ja Religion überhaupt denken. Religion, das ist etwas für die Seele. Aber das ist nicht die Sichtweise der Bibel. Da geht es um den ganzen Menschen: Körper und Geist, Leib und Seele.

Man kann noch einen Schritt weitergehen: "Auferstehung des Fleisches" ist der Garant für die Wahrhaftigkeit der Auferstehung. Denn was wäre eine Auferstehung, wenn sie im Fleische nicht stattfände? Sie wäre ein nettes Konstrukt, ein Hirngespinst. Viel zu sehr haben wir sie inzwischen dazu gemacht, indem wir sie abgedrängt haben in ein metaphysisches Reich jenseits des physischen Todes.

Warum haben wir uns denn eigentlich so daran gewöhnt, lieber "der Toten" als "des Fleisches" zu sagen? Vermutlich, weil es uns erlaubt, an diesem bequemen Irrglauben, an dieser Zerreißung in irdisch und himmlisch, in Diesseits und Jenseits festzuhalten. Er ist ja so viel einfacher und weniger belastend für unseren Verstand. Wir müssen uns nicht fragen, was "Totsein" bedeutet oder wie das Fleisch, das für uns so offensichtlich vergänglich ist, denn aus dem Tod auferstehen soll, wenn wir alles einfach als mystisch-mysteriöses Geschehen nach dem physischen Tod interpretieren. Die Toten, die auferstehen, sind dann einfach die Gestorbenen, und die leben irgendwie dann doch weiter. Wie das gehen soll, verstehen wir meistens auch nicht so genau, aber das ist ja nun nicht mehr unsere Sache, sondern liegt bei Gott, und der kann ja bekanntlich alles, also wird er das auch irgendwie hinbekommen. Und wenn man sich dann daran gewöhnt hat, das alles als mystisches Geschehen nach dem physischen Tod zu sehen, dann ist die Formulierung "Auferstehung des Fleisches" natürlich anstößig. Wie soll das den gehen? Wie das Fleisch verrottet, sehen wir doch mit eigenen Augen! So kindisch-naiv sind wir ja nun auch nicht, dass wir etwa glauben würden, dass dieses Fleisch nach dem Tode....

Tja, genau da liegt der Hase im Pfeffer! Wir folgen blind unser biologistischen Definition von Leben und Tod. "Leben" ist die Zeit vor der Nulllinie der Herz- oder Hirnaktivität, "Tod" ist die Zeit danach. Wenn das die Definition ist, an die wir glauben, sollten wir nicht in die Kirche, sondern zu den Ärzten rennen, nicht für soziale Arbeit spenden sondern für die medizinische Forschung, in der Hoffnung irgendwann doch ein Allheilmittel gegen den Tod zu finden. Vielleicht unterlassen wir es ja nur, weil wir zu pessimistisch sind oder zu fatalistisch und die Machbarkeit eines solchen Unterfangens von vornherein ausschließen. Ich denke allerdings, dass die meisten von uns sehr genau wissen, dass es unsere Rede von der Auferstehung nicht ändern würde und nicht sinnlos machen würde, wenn plötzlich der medizinische Durchbruch da wäre und der Mensch sich nicht mehr damit abfinden müsste, früher oder später sterben zu müssen, so dass er auch nicht mehr bereitwillig auf jeden noch so billigen Trost durch die Religion hereinfallen würde.

Wenn wir also statt an den medizinische Fortschritt immer noch an Gott glauben, unsere Zeit und unser Geld immer noch lieber in Menschen als in die Forschung investieren, dann machen wir damit durch unser Handeln deutlich, dass die Hoffnung auf ewiges Leben keine Hoffnung auf längeres, ja vielleicht sogar endloses Leben ist, sondern eine Hoffnung auf ein besseres Leben. Und dies nicht erst nach unserem Tode, sondern hier und jetzt. Und wenn wir dies als selbstverständliche Prämisse unseres alltäglichen Handelns befolgen, warum sollten wir das plötzlich vergessen, wenn es um Glaubenssätze geht?

"Ewig" ist kein Begriff der Quantität, sondern der Qualität. Die Linie zwischen hier und dort, zeitlich und ewig verläuft nicht an der Nulllinie. Sie läuft mitten durch uns und unser Leben hindurch, aber sie zerreißt uns nicht, sondern sie macht uns heil.

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