Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Eine Weihnachtsgeschichte

Nacherzählt von Torsten Lüdtke

Advent
Rainer Maria Rilke (1874-1926)

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird,
Und lauscht hinaus, den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin, bereit -
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.
 

Friede auf Erden
Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)

Da die Hirten ihre Herde
Ließen und des Engels Worte
Trugen durch die niedre Pforte
Zu der Mutter und dem Kind,
Fuhr das himmlische Gesind
Fort im Sternenraum zu singen,
Fuhr der Himmel fort zu klingen:
"Friede, Friede! Auf der Erde !"

Seit die Engel so geraten,
O wie viele blut'ge Taten
Hat der Streit auf wildem Pferde,
Der geharnischte, vollbracht!
In wie mancherheil'gen Nacht
Sang der Chor der Geister zagend
Dringlich flehend, leis verklagend:
"Friede, Friede . auf der Erde !"

Doch es ist ein ew'ger Glaube,
Daß der Schwache nicht zum Raube
Jeder frechen Mordgebärde
Werde fallen allezeit:
Etwas wie Gerechtigkeit
Webt und wirktin Mord und Grauen,
Und ein Reich will sich erbauen,
Das den Frieden sucht der Erde.

Mählich wird es sich gestalten,
Seines heil'gen Amtes walten,
Waffen schmieden ohne Fährde,
Flammenschwerter für das Recht,
Und ein königlich Geschlecht
Wird erblühn mit starken Söhnen,
Dessen helle Tuben dröhnen:
Friede, Friede auf der Erde.

Es war ein kalter Dezemberabend – das Christfest war nicht mehr fern – dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und bedeckten die Erde mit einem dicken weißen Schleier. Die Strahlen des immer wieder silbern durch die Wolken dringenden Mondlichts gaben dem Wald ein märchenhaftes und weihnachtliches Aussehen. Inmitten des tiefverschneiten Waldes, in einer großen Höhle lebte der Bär. Vor seiner Höhle brannte ein großes, helles Feuer, an dem sich nach und nach alle Tiere des Waldes versammelten, um sich in der klirrenden Kälte zu wärmen.

Der alte, kurzatmige Uhu kam als letzter. Bei den Tieren war er als Gelehrter und Philosoph bekannt und hoch geachtet; kaum hatte er seine Brille mit den dicken Gläsern geputzt und zurechtgerückt, begann er auch schon, weitschweifig zu erzählen. Kaum hatte er seinen Vortrag beendet, hüstelte er verlegen und fragte: "Nun denn, liebe Freunde – ihr wißt ja – bald ist der 24. Dezember; es wird Weihnachten. Doch was – vielleicht könnt ihr es mir verraten – ist nur das Schönste am Weihnachtsfest?"

Reinecke, der Fuchs, nie um eine Antwort verlegen, sprach als erster: "Sicher ist der Gänsebraten das Wichtigste am Fest" – leise und listig setzte er hinzu: " aber was ist auch schon ein Fest ohne Gänsebraten?" Schwerfällig schüttelte der Eisbär, der bei seinem Vetter Braun in der Waldeshöhle zu Besuch war, den Kopf und sagte: "Schnee und Eis, viel Schnee und klirrender Frost sind das, was ich mir für Weihnachten wünsche." Er hatte kaum ausgesprochen, als er sich auch schon wohlig in den Schnee fallen ließ und sich so lange darin wälzte, bis sein Fell über und über damit bedeckt war .

"Ohne Tannenbaum kann ich nicht Weihnachten feiern" sagte leise das Reh, die Augen furchtsam auf den Fuchs gerichtet. "Der Baum sollte aber nicht zu viele Kerzen haben-", fügte die sich klug dünkende Eule hinzu, "denn es muß schön schummerig und gemütlich im Raum sein – die weihnachtliche Stimmung – das ist die Hauptsache."

Hier entstand eine kurze Pause, denn alle meinten, die Eule habe wohl das Richtige getroffen, doch dann drängte sich eitel und geziert der Pfau vor, der wieder einmal im Mittelpunkt stehen mußte. Nach einem kurzen Räuspern begann er gespreizt: "Doch muß ein jeder zum Christfest meine prächtigsten Kleider sehen, und außerdem – ohne ein neues, köstliches Gewand kann es für mich keinen Heiligen Abend geben." Und um seiner Rede mehr Gewicht zu verleihen, zeigte der Pfau sein seidig-glänzendes und vielfarbig schimmerndes Gefieder.

"Ja, ja", krächzte die Elster mit verschlagen funkelnden Augen, " etwas Glänzendes, Schimmerndes – wie ein schönes Schmuckstück, einen funkelnden Ring, eine wertvolle Brosche, oder ein goldenes Armband, jedes Jahr zu Weihnachten muß ich."

Der knurrende Magen des Bären unterbrach die Elster – " Aber Stollen und Gebäck dürfen darüber nicht vergessen werden", brummte Braun, der Bär, gutmütig lächelnd. Alle wußten nur zu gut , daß ihn seine Naschsucht schon in manches Abenteuer gestürzt hatte, aus dem er oft mit arg zerbleuter Haut herausgekommen war. " Wenn es keine Plätzchen gibt", fügte er leiser, aber bestimmt hinzu, "ist für mich auch nicht richtig Weihnachten."

Da ergriff der Dachs, den keiner bisher so recht bemerkt hatte, auf einmal das Wort: "Mach's doch wie ich:" – und hier gähnte der Dachs heiser – "verschlaf' einfach das Fest. Das ist das einzig Wahre." Währenddessen hatte er seine rotgestreifte Nachtmütze zurechtgerückt und war auch wieder in seinem Bau verschwunden.

"Oder ordentlich saufen!" ergänzte der Ochse. "Mal richtig einen über den Durst trinken – und dann richtig ausschlafen ..."

Weiter kam der Ochse in seiner Betrachung nicht, denn der Esel hatte ihm einen gewaltigen Tritt versetzt. "Denkst, Ochse, du denn gar nicht an das Kind?" fragte der Esel. Der Ochse senkte beschämt den Kopf und gab kleinlaut zu: "Ja sicher, das Kind – das Christuskind im Stall – das ist doch die Hauptsache." Und nachdenklich zum Esel gewandt, fragte er: "Doch wissen das eigentlich auch die Menschen?"

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