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26.3.2019

Die Vergebung der Sünden
Das Glaubensbekenntnis – Teil 8

von E-Mail

Das Christentum betrachtet den Menschen primär als gerechtfertigten Sünder, und genau daraus wird ihm heute gerne ein Vorwurf gemacht. Dem einen steckt zu viel billige Gnade in dem "gerechtfertigt" und sieht darin einen Persilschein für Ausbeutung und Verantwortungslosigkeit. Wenn Gott uns alles vergibt, dann immer munter drauf los!

Der andere sorgt sich über die Verheerungen, die es anrichten kann, wenn man immer nur gegen die Sünde wettert und den Menschen zwingt sich als solchen und somit vorwiegend als schlecht zu betrachten.

Beide Gefahren sind gegeben, aber sind sie nicht gerade ein Resultat davon, dass der Mensch bei zu einseitiger Betrachtung entweder nur noch als gerecht(fertigt) oder nur noch als Sünder gesehen wird, während doch das besondere gerade darin liegt, dass er beides zugleich ist? Es ist natürlich einfacher, einen der beiden widersprüchlich erscheinenden Pole auszublenden als die Spannung zwischen ihnen zu ertragen. Aber wie bei einem Bogen liegt gerade in der Spannung die eigentliche Kraft. Sehen wir uns beide Seiten der Medaille einmal an!

Wenden wir uns zunächst dem Ärgerniss namens "Sünde" zu. Indem der Mensch als Sünder betrachtet wird, wird er als fehlbar betrachtet, und darin liegt etwas, was für viele schwer zu ertragen ist und nur schlecht in den Trend der Zeit passt. Wir wären doch alle so gern unfehlbar. Am besten auch noch gut und allmächtig. Es ist eine unerhörte Kränkung für unser Ego, von diesem Wunschbild Abschied zu nehmen, vor allem, wenn uns auch oft noch eingeredet wird, dass wir nur ganz, ganz heftig wünschen müssen, damit Dinge wahr werden. Denk positiv und dein Leben wird gelingen! Es ist eine so angenehme Illusion, dass man nur richtig denken, richtig glauben oder richtig handeln muss, damit alles gut wird. Problematisch wird es vor allem dann, wenn man es mit dem Gradmesser verbindet, der – ausgesprochen oder unausgesprochen – zumeist hinter solchen Denksystemen steht. Hier gilt nämlich im allgemeinen der sichtbare Erfolg als einziger Maßstab. Der Erfolg kann dabei verschiedene Gesichter annehmen, aber die meisten Erfolgserwartungen und -versprechungen kann man summieren als Erwartung, als angesehenes Mitglied der Gesellschaft bei voller Gesundheit im Kreis einer liebevollen Familie ein materiell abgesichertes und glückliches Leben zu führen.

Wer sich stattdessen auf der Seite der Gescheiterten, Kranken, Einsamen, Außenseiter, Unglücklichen wiederfindet – und wer tut das nicht irgendwann in seinem Leben? -, muss sich dann auch noch sagen lassen, dass er ja eigentlich selbst schuld ist. Wenn demgegenüber der Mensch erstmal grundsätzlich als Sünder betrachtet wird, dann macht dies deutlich, dass der Mensch sein Sündigwerden genau so wenig verhindern kann, wie er es verhindern kann, alt zu werden, krank zu werden, zu scheitern. Genauso selbstverständlich, wie jeder Mensch sich trotzdem normalerweise bemühen wird, gesund, leistungsfähig und glücklich zu sein, so selbstverständlich kann auch angenommen werden, dass er die Sünde vermeiden würde, wenn er es könnte. Aber er kann eben nicht, und mit der Abschaffung der anstößigen Begriffe "Sünde" und "Sünder" kann man allenfalls nutzlose Augenwischerei betreiben. Dem Menschen zu sagen, dass er ein Sünder ist, bedeutet, ihm die Erkenntnis zuzumuten, dass das Scheitern auch immer Teil seines Lebens sein wird. Das spricht ihn nicht von jeder Verantwortung frei. Niemand kann mehr für den eigenen Erfolg, das eigene Glück und die eigene Rechtschaffenheit tun als man selbst. Der Mensch soll sich nach Kräften anstrengen, sich selbst und anderen zu helfen. Aber zugleich wird unmißverständlich deutlich gemacht, dass es für jeden Menschen Grenzen des Machbaren gibt.

Weil diese Grenze des Machbaren existiert, weil der Mensch es nicht verhindern kann Sünder zu sein, bedarf er der Vergebung der Sünden. Das ist besonders nötig, wo Sünde und Schuld zusammentreten. Dabei wird schon aus dem Vergleich der Sünde mit der Krankheit, den bereits die Bibel kennt, leicht deutlich, dass Sünde und Schuld nicht zwingend zusammenhängen. Schuld setzt im allgemeinen Einsicht und Entscheidungsfreiheit voraus, Sünde dagegen nicht. Sünde ist das, wodurch ich mich von Gott und meinen Mitmenschen absondere, wodurch ich mich oder andere schädige, mit Vorsatz oder ohne, bewusst oder unbewusst, unausweichlich oder leichtfertig. Sofern ich es vorsätzlich, bewusst, leichtfertig tue, ist meine Sünde zugleich auch meine Schuld. Darüberhinaus aber gehört es zu den interessanten Eigenschaften des Menschen, Schuldgefühle oft auch dort zu entwickeln, wo er etwas unbewusst oder ohne Absicht getan oder unterlassen hat oder auch sogar dort, wo er gar nichts hätte tun können, um ein Geschehen herbeizuführen oder auch zu verhindern. Gerade dabei kommt der Begriff der Sünde dem menschlichen Befinden um so vieles näher als der Begriff der Schuld. Der Mensch fühlt, dass etwas nicht in Ordnung ist, unabhängig von den Kausalzusammenhängen, die dorthin geführt haben. Und er wünscht sich, dass das, was nicht in Ordnung ist, wieder in Ordnung kommt.

Hier kommt jetzt die Vergebung ins Spiel. Warum eigentlich Vergebung? Wenn ich an meiner Sünde genauso schuldlos sei kann wie an einer Krankheit, warum muss sie mir dann vergeben werden? Meine Krankheit muss mir ja auch nicht vergeben werden. Tatsächlich muss sie das nicht, aber was erhoffen wir uns, wenn wir krank sind? Wir hoffen auf Heilung. Wir hoffen darauf, dass der Schaden, der durch die Krankheit eingetreten ist, rückgängig gemacht werden möge oder das wenigstens unser Leid an der Krankheit gemildert werden möge. Was die Heilung für die Krankehit ist, ist die Vergebung für die Sünden: sie mildert das Leiden durch sie, soweit wie das möglich ist.

Es ist wichtig, im Auge zu behalten, dass auch hier der Erfolg oft kein materieller sein kann. Wie sehr würden wir uns oft wünschen, Dinge ungeschehen machen zu können oder sie wenigstens wieder gut machen zu können! Aber auch da stoßen wir an die Grenze des Machbaren. Wir können Geschehenes nicht ungeschehen machen. Vergebung ist nicht Ungeschehenmachen. Es ist eine Neuanfang trotz dessen was passiert ist.

Wie ist ein solcher Neuanfang, wie ist die Vergebung der Sünden möglich?
Insofern das Glaubensbekenntnis die Vergebung der Sünden als Handeln Gottes am Menschen im Auge hat, ist die Frage nicht einmal allzu schwer zu beantworten. Wenn es darum geht, wie die Vergebung, die wir auch als Menschen einander gewähren sollen, Wirklichkeit werden kann, wird es viel schwerer, aber darum geht es hier nicht. Das Glaubensbekenntnis interessiert sich nicht dafür, wie wir als Menschen anderen Menschen vergeben können. Es will uns dagegen zusagen, dass Gott uns vergeben hat, vergibt und vergeben wird. Es versichert uns, dass Gott, so oft sich der Mensch auch von ihm trennt, sich seinerseits nicht vom Menschen trennen will und dass er nicht zulassen wird, dass irgendetwas sich zwischen ihn und den von ihm geliebten Menschen stellt. Durch sein Handeln, wie es in der Bibel geschildert wird und durch seinen Sohn Jesus Christus hat er uns immer wieder wissen lassen, dass er sich nicht von uns abwenden wird. Es liegt also allein an uns, wenn wir uns wieder einmal abgewendet haben, ihm den Rücken gekehrt haben und vielleicht in die Irre gegangen sind, umzukehren um zu sehen, dass er noch immer auf uns blickt und auf uns gewartet hat.

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