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18.7.2019

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Es ist wohl kam zu leugnen: die dunkle und trübe Jahreszeit hat begonnen. Es ist eine Zeit, die bei vielen Menschen Melancholie und nicht selten auch depressive Stimmungen auslöst. Es ist eine Zeit, in der wir auf uns selbst zurückgeworfen werden, eine Zeit in der wir über die Dinge des Lebens, über existenzielle Fragen nachdenken.

Mit diesen Gefühlen und Gedanken im Kopf und im Herzen suchen viele Menschen in diesen Tagen den Weg zu den Gräbern ihrer Angehörigen. Ein Gedenktag des Endes ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Vielleicht auch ein Gedenktag an alle anderen Menschen, die uns verlassen haben, ohne gestorben zu sein. Ein Gedenktag für alle gestorbenen Hoffnungen, für die gescheiterten Beziehungen.
Ein Gedenktag eben für das Ende aller Dinge, auch das Ende von uns selbst.

Dennoch verstärkt sich mehr und mehr der Eindruck: Es fällt vielen Menschen, und wahrscheinlich auch uns selbst, immer schwerer, des Endes zu gedenken.

Unsere Gesellschaft hat es verlernt zu trauern. Darum sind Sterben und Tod tabuisiert. Wo die modernen Grundwerte Stärke, Jugend, Kraft und Leistung heißen, da werden Krankheit, Sterben und Tod zu gesellschaftlichen Betriebsunfällen. Zu wissenschaftlichen Risiken, die man unglücklicherweise noch nicht im Griff hat. Was man aber nicht bewältigen kann, das wird bekämpft und verdrängt. Genau diese Reaktionen merken Menschen oft in ihrer Trauer. Und deshalb ist es gut, dass es in den Gottesdiensten am Ewigkeitssonntag einen Ort des Gedenkens gibt.

Totensonntag, Ewigkeitssonntag – das ist aber auch der Sonntag mit den weiten Ausblicken, der Sonntag, der alle Grenzen und Horizonte sprengt, der uns zu Visionen verlockt und nicht stehen bleibt beim Blick zurück.
Zugegeben, unsere Zeit hat kaum Visionen. Das Machbare ist gefragt und nicht das Utopische, das sich nach Ansicht vieler, doch nie verwirklichen lässt.
Vor langer Zeit hat sich der Seher Johannes in bedrängter und fast aussichtsloser Situation zu einer großen Vision hinreißen lassen und den Menschen Mut und Hoffnung zum Durchhalten gemacht. Und so schrieb er, den durch die Römer verfolgten Christen, folgende Sätze.

"Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.... Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, ...und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Alte ist vergangen...Siehe, ich mache alles neu!"

Auf den ersten Blick sind es Bilder in einer ungreifbaren Ferne, unendlich schön, aber auch sehr unwirklich. Bilder, die sich mit den Todes – und Abschiedserfahrungen vieler im zurückliegenden Kirchenjahr nicht unbedingt zur Deckung bringen lassen.

Neuer Himmel, neue Erde – ist das nur ein Nachttraum der verschwimmt und vergeht, wenn das Licht des Tages wieder scheint? Sind diese Worte nicht nur ein billiger Trost und ein Verweis auf ein besseres Irgendwann?
Der Seher Johannes versteht unter der neuen Schöpfung, unter einem neuen Himmel und einer neuen Erde nichts Statisches und Abgeschlossenes, sondern etwas sehr Dynamisches und Offenes. Der neue Himmel, das neue Jerusalem bewegt sich auf uns zu. Gott selbst ist es, der mit seiner Stadt herunter zu uns kommt, zu seinem irritierten, zweifelnden, trostbedürftigen Volk, um uns menschlich zu machen und geschwisterlich.

Gottes Stadt ist auf dem Weg hinab in die Städte der Menschen.
Dem Seher Johannes geht es nicht darum, mit seiner Vision die Weltflucht anzutreten. Er betrachtet das, was er im Hier und Jetzt als Mühsal erfährt, durch eine Brille, die weiter sieht.

Unser Leben wird ärmer, wenn wir nur mit diesseitigen Augen schauen und uns verabschieden von solchen Zukunftsvisionen und Hoffnungen.
Zu dieser Hoffnung, wie Johannes sie beschreibt, sind wir eingeladen und sie sollte uns dazu dienen, die beschränkte Zeit, die wir miteinander haben, wahrzunehmen und zu nutzen. Es bleibt die uns anvertraute Zeit, in der wir wirken und leben dürfen, bewegt und getragen von der großen Hoffnung, dass Gott am Ende der Zeit alle Tränen abwischen wird.

Es grüßt sie herzlich

Ihr Michael Busch

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