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20.5.2019

"Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten"
Das Glaubensbekenntnis – Teil 6

von E-Mail

Wir haben im letzten Teil gesehen, dass die Himmelfahrt Christi Ausdruck seiner vollständigen Einheit mit Gott – auch über sein Sterben hinaus – ist. Auch sein Sitzen zur Rechten Gottes ist zunächst genau dies. Aber es ist noch mehr. In diesem Bild begegnet uns Jesus als der durch Gott Erhöhte, als Herrscher und Richter.

Jede Zeit hat ihre eigenes Lieblingsbild von Jesus kultiviert. Zumeist so, wie es den Menschen der jeweiligen Zeit am meisten erlaubte, sich mit Jesus zu identifizieren. Die Gotik entdeckte den leidenden Christus, und in einigen Darstellungen des Gekreuzigten meint man noch heute, ins Antlitz eines Pestkranken zu schauen. Unsere eigene Zeit hat überwiegend den "Bruder Jesus" für sich entdeckt, Jesus als Mit-Mensch und entsprechend als Vorbild der Mitmenschlichkeit. Die Hochzeit von Christus als Herrscher und Richter brach mit dem Sieg des Christentums über das Heidentum an, als sich byzantinische Kaiser und der im Himmel thronende Christus wie Urbild und Abbild zueinander zu verhalten schienen.

Dieses Bild versinnbildlicht die Freude über den Sieg nach hartem Kampf, aber gibt zugleich auch einer Hoffnung Ausdruck: Dass die Macht des herrschenden Christus über die Welt ebenso wie die Macht des herrschenden Kaisers in der Welt für die Seinen zur Quelle von Sicherheit, Frieden und Recht werden möge. Es ist eine Sichtweise, in der Macht noch nicht grundsätzlich diskreditiert ist, sondern im Gegenteil als potentielle Quelle des Guten aufgewertet wird.
Was kann uns das noch sagen, in einer Zeit, in der wir gelernt haben, Macht grundsätzlich in Frage zu stellen? Und was sollen wir daraus machen, wenn es sich mit der Macht Gottes, wie wir schon einmal festgestellt haben, grundsätzlich anders verhält, als mit menschlicher Macht? Was kann dann Herrschaft Gottes bedeuten und wie kann sie zu einer Quelle des Guten werden?
"Herr, schaffe mir Recht!" schreit schon der Psalmist zum Himmel. Aber was bedeutet überhaupt "Recht", wenn man es nicht rein positivistisch als Gesamtheit der geltenden Gesetze auffasst? "Recht" und "richten" haben auch etwas mit "richtig" zu tun. Durch das Gericht sollen Dinge richtig gestellt werden, sollen sie so werden, wie sie sein sollen oder vielleicht sogar sein müssen. In dem Appell an den göttlichen Richter steckt also immer die Hoffnung, dass Gott etwas, was schief gelaufen ist, wieder richten kann, vor allem dann, wenn wir keine irdische Instanz mehr sehen, von der wir uns dies erhoffen können, vielleicht auch, weil es sich um Dinge handeln mag, die vor keinem irdischen Gericht verhandelbar wären.

Entsprechend können wir auch nicht erwarten, dass Gottes Gericht auf unseren oft sehr irdischen Vorstellungen von Gerechtigkeit beruht. Wie oft können wir unser eigenes Recht nur darin sehen, dass ein anderer endlich seine verdiente, vermeintlich gerechte Strafe bekommt? Aber Gott richtet nicht zwischen uns und anderen. Vor Gottes Gericht steht jeder allein, sei es als Täter oder als Opfer.
Oder vielleicht nicht ganz allein. Denn da ist noch einer: Jesus. Er wird als Richter im Glaubensbekenntnis ausdrücklich benannt, aber er ist noch mehr. Als Vorbild ist er der Maßstab, nach dem wir gerichtet werden. Er ist aber auch der Ankläger. "Was ihr einem der geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Matth. 25, 40) Jeder Tat gegen einen Mitmenschen ist auch eine Tat gegen Jesus und damit eine Tat gegen Gott. Nicht zuletzt ist er aber auch unsere Verteidiger, er, der er uns wieder und wieder die Vergebung Gottes zugesprochen hat, denn die Gerechtigkeit Gottes ist eben auch eine Gerechtigkeit der Gnade. Ziel des Gerichtes ist die Wiederherstellung dessen, was richtig und damit recht ist, nicht die Vernichtung und Verdammung des Täters.

Aber auch ein Freispruch oder eine Amnestie setzen das Gericht und ein Urteil voraus. Insofern ist diese Gnade nicht billig. Es geht nicht um ein halbherziges "Schwamm drüber!" oder um das Ziehen eines längst überfälligen Schlußstrichs. Erst wenn das Unrecht vor Gericht Gehör gefunden hat, kann man nach Möglichkeiten suchen, aus dem Unrecht Recht werden zu lassen. In genau dieser Fähigkeit zeigt sich die größere Macht des göttlichen vor dem irdischen Gericht. Ein irdisches Gericht kann das Unrecht eindämmen, indem es die Verletzung des Rechts ahndet. Aber ob das Unrecht getilgt werden kann, ob an seine Stelle wirkliches Recht treten kann, liegt jenseits menschlicher Macht, sondern erfordert echte Gnade, denn dieser Wandel kann sich nur im Herzen des Menschen vollziehen. Auch irdische Gerichtsurteile können manchmal so tief reichen, aber dann sollte man wohl eher davon sprechen, dass göttliche und menschliche Gerechtigkeit einträchtig Hand in Hand gearbeitet haben.

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