Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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10.12.2019

Für welche Ernte danken wir?
Gedanken zum Erntedank

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Seit etwa 200 Jahren hat das Erntedankfest seinen bestimmten Platz im kirchlichen Festkalender: jeweils am Sonntag nach dem Michaelstag (29.9.) wird im Gottesdienst mit der Darbringung von Erntefrüchten für die geernteten Erträge und die Lebensmittel des Jahres gedankt.

Einen ähnlichen Brauch kannten schon die alten Israeliten, die jährlich an einem festgesetzten Tag die Erstlingsgarbe der Gerstenernte Gott zum Opfer brachten. Wer Gott für die Ernte und die Nahrung zum täglichen Leben dankt, macht damit deutlich, dass er zwar Mühe und Arbeit in den Gewinn und die Produktion der Nahrung investieren kann, dass er Wachsen und Gedeihen aber dennoch nicht in der Hand hat und somit letztendlich sein Leben nicht sich selber, sondern Gott verdankt.

Sinn und Ursprung des Erntedankfestes allerdings sind vielen Menschen heute, zumal dort, wo kein unmittelbarer Kontakt zu Acker und Boden vorhanden ist, problematisch geworden: auf der einen Seite erleben die wenigsten Großstädter Säen und Ernten noch aus eigener Anschauung; Treibhäuser und Düngemittel lassen die Obst- und Gemüseerträge von ungünstiger Witterung unabhängiger werden, und durch das reiche Angebot an Importwaren genießen wir, was andere Menschen gesät und geerntet haben und was ihnen selbst vorenthalten bleibt. Hinzu kommt, daß in immer problematischerer Weise der Mensch in Naturabläufe eingreift, um Produktivität und Ertrag der Ernte zu steigern und somit gleichzeitig der Eindruck sich vermehrt, alle Ernte sei das Ergebnis menschlicher Schöpfungsfähigkeit, die beliebig manipuliert und gesteigert werden könne.
Und auf der anderen Seite wird uns aber auch immer deutlicher bewusst, dass unser Umgang mit der Natur das Wachsen und Gedeihen von Ernteerträgen und Nahrungsmitteln nicht fördert, sondern gefährdet und verhindert.

Bleibt also die Frage: Ist das Erntedankfest für uns heute noch ein sinnvolles Fest? Für welche Ernte danken wir? Und lässt es sich feiern als kirchliches Fest, als Fest einer christlichen Gemeinde, die sich nach wie vor jeden Sonntag im Gottesdienst zu "Gott, dem Schöpfer" bekennt?

Wenn man den Statistiken vertrauen darf, dann hat das Erntedankfest in der Beliebtheit nicht nur Pfingsten den Rang abgelaufen, sondern auch Ostern und Karfreitag.

Sicher kann dies Hinweis für einen Bewusstseinswandel im Umgang mit der Natur und unseren natürlichen Lebensgrundlagen sein. Aber, so sei kritisch gefragt, kann diese zunehmende Beliebtheit des Erntedankfestes aus christlicher Perspektive nicht auch als ein Rückschritt in Richtung eines allgemeinen Fruchtbarkeits- und Erntefestes gesehen werden, an dem der "Mutter Erde" für ihre Gaben gedankt wird, Gott und Christus aber in den Hintergrund treten?

Das traditionelle Erntedankfest hat der Theologe Manfred Josuttis einmal ein "unmögliches" Fest genannt, denn es reibt sich nur allzu schnell mit unserer Wirklichkeitserfahrung. Ist eine gute Ernte hierzulande ein Segen, oder vermehrt sie nur die Absatzsorgen der Bauern, die an der Stillegung von Ackerflächen oft mehr verdienen als an deren Bewirtschaftung. Ja, ist dank einer staatlichen Subventionspolitik eine magere Ernte unter Umständen einträglicher? Und manchmal reibt sich das Erntedankfest, wie wir es in unseren Kirchen feiern, wo sich neben Blumen und Früchten, auch Mehltüten, Kompottgläser und Konserven finden, mit den biblischen Texten. Denn diese reden statt von einer reichen Ernte sehr viel häufiger davon, wie wir reich sein können "bei Gott".

Wenn wir also in diesem Jahr wieder Erntedank feiern, dann tun wir gut daran unser Denken und Handeln darauf zu richten, wie wir uns an der Bewahrung der Schöpfung und der Erhaltung des Lebens beteiligen können und dadurch Gott dem Schöpfer danken.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich

Ihr Michael Busch

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