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22.7.2019

Furchtlos und mit aufrechtem Gang
Zum 100. Geburtstag von Kurt Scharf

von Heinrich Albertz

Es ist für mich nicht leicht, diesen Nachruf auf Kurt Scharf zu schreiben. Zu nah war er mir über Jahrzehnte, ein Vater, ein Bruder, ein Freund, ein Seelsorger. Ja, er hat das, was die Leute "politische Diakonie" nennen, auch so verstanden: die Männer und Frauen in der politischen Verantwortung nicht allein zu lassen, wenn es für sie kritisch wurde, wenn sie Fehler machten, wenn ihr Amt sie übermütig werden ließ.

Ein Nachruf? Ach, was ist zu rufen? Und wer wird nun alles rufen? Auch viele, die ihm sein Leben schwergemacht haben. Für die er nur ein Unbequemer war, bestenfalls ein Träumer, einer, der sogar sagte, was er dachte und glaubte, und schlimmer noch, der tat, was er sagte. Ja, er war häufig sehr allein. Am schlimmsten nach seinem Gefängnisbesuch 1974 bei Ulrike Meinhof. Bei der Trauerfeier für den ermordeten Kammergerichtspräsidenten von Drenkmann ließen die feinen Herren der Stadt ihn allein stehen. Ein leerer Raum war um ihn in der dichtgedrängten Menge. Es gibt ein Bild von dieser Szene. Da steht er unbeugsam. Seiner Sache sicher.

Behütet worden ist er sein Leben lang von seinem Herrn Jesus Christus, an den er glaubte, auf den er sich verließ und der ihn nicht verlassen hat.
So altmodisch und deutlich muß man es aussprechen. In diesem allerchristlichsten Land war er wirklich ein Christ. Einer, der sich eingelassen hatte auf die evangelische Freiheit, die ihm jede Furcht nahm vor den kleinen und großen Herren und Göttern dieser Welt. Diese Wahrheit ist der Schlüssel zu seinem Leben, zu seinem Widerstand unter wechselnden Tyrannen, zu seiner unerschöpflichen Liebe zu den Menschen, zu seiner Phantasie und seiner Fröhlichkeit.

So hat er alles ausgestanden und ausgehalten, die Jahre, als Verbrecher unser Land regierten, als einer der konsequentesten, mutigsten Vormänner der Bekennenden Kirche. Die Jahre des Neuanfangs, schon früh versandet in halben und ganzen Lügen. Seine hohen kirchlichen Ämter, die er immer nur als synodalen Auftrag in der Tradition der Bruderräte empfand, gar nicht als Bischof, und eben gerade darum von einer selbstverständlichen Autorität.

Kurt Scharf war ein Bürger der DDR, die ihn auf böse Weise gleich nach dem Bau der Mauer hinausgeworfen hat. Ich sehe ihn noch vor mir sitzen im Rathaus Schöneberg. "Ich möchte meinen Paß behalten. Ich möchte keinen Westberliner Ausweis haben. Aber ich muß ja reisen. Ich will nicht immer fliehen. Können Sie mir helfen?" Er erhielt dann ein alliiertes Ausweispapier. Kurt Scharf hatte Tränen in den Augen, als die organisatorische Trennung der evangelischen Kirche in Ost und West unausweichlich wurde, er auch darum nicht mehr Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bleiben konnte und wollte und als die Kirche von Berlin-Brandenburg auseinander ging. Er wurde dann Bischof im Westteil von Berlin, wurde nach Jahren auch wieder in die DDR hineingelassen. Er ist seitdem unermüdlich im anderen deutschen Staate unterwegs gewesen, hat die Gemeinden besucht, die Pfarrer ermutigt und getröstet. Wenn es die stille Revolution von 1989 gegeben hat, war er ihr stiller Helfer und Vater.

Weil er so traurig und wahrhaftig war, ist er dann auch so geliebt worden, vor allem von den jungen Menschen. Er wurde ganz in der Nähe von Rudi Dutschke auf dem Dahlemer Dorffriedhof begraben. Ich erinnere mich an jene Nacht im Februar 1968, als wir gemeinsam, schließlich mit Hilfe eines mutigen Verwaltungsrichters, das Verbot des Senats gegen eine internationale Vietnam-Demonstration überwanden, die Führer der Studentenrebellion, Kurt Scharf, Günter Grass und ich. Aus diesen Erfahrungen ist das Vertrauen gewachsen, das ihn bis zu seinem Tode bei den jungen Leuten trug in den sich wandelnden Jahren, in der Friedensbewegung, als Mentor von "Aktion Sühnezeichen" besonders bei ihrer Arbeit in Polen, der Sowjetunion und Israel. Und in unzähligen Interventionen, die er zugunsten von Diffamierten, von Gefangenen und Asylanten unternahm. Die Behörden werden es nun einfach haben, weil er nicht mehr stört.

Er war einer von den wenigen Deutschen mit internationalem ökumenischen Weltrang. Einer, der uns zusammenhielt, tröstete, ermutigte durch seinen nüchternen Verstand, durch sein Beispiel karger Bescheidenheit und durch seinen Willen zur Versöhnung. Unsere Kirche verdankt Kurt Scharf ihre Glaubwürdigkeit, unser Land ein Stück neue Ehre nach so viel Schmach, die DDR Hoffnung auf einen neuen Anfang. Nun müssen wir ohne ihn seinem großen Glauben und seiner Hoffnung treu bleiben.

Der Verfasser war Pfarrer und Mitglied der Bekennenden Kirche, (1965-66 Innensenator und 1966-67 Regierender Bürgermeister von West-Berlin. Er starb vor einigen Jahren in Bremen.

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