Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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20.11.2019

Zum Monatsspruch September

von Lutz Poetter

Liebe Gemeinde,
Habakuk war kein glücklicher Prophet: Was er mit ansehen musste an Leid und Unrecht ließ ihn schreien vor Verzweiflung. Gottes Gesetz schien ihm ohnmächtig, die rechte Sache hatte keine Chance zu gewinnen gegen Bosheit, Raub und Gewalt. Es herrschte Krieg gegen Israel zu seiner Zeit, Gott schien sich verborgen zu halten und den Feinden seines Volkes freie Hand zu lassen.

Habakuk fragt Gott: "Warum siehst du den Räubern zu und schweigst, wenn der Gottlose den verschlingt, der gerechter ist als er?" Dann besteigt der Prophet einen Turm und wartet geduldig auf Gottes Antwort.

Geduld ist allerdings keine verbreitete Fähigkeit. Gott danken, ihn loben? Wir zucken ratlos mit den Achseln: Wofür eigentlich?
Wenn es brennt, dann sieht die Sache schon anders aus. Viele von uns senden dann ein Stoßgebet zum Himmel: "Hilf mir, Gott!" Üblich ist eine Art von Feuermelderbeziehung zu ihm, sei es im Krieg, vor Operationen, Prüfungen, Klassenarbeiten: "Hilfe!" Not lehrt beten, sagt man. Und wenn die Not vorbei ist?

Dankbarkeit ist eine seltene menschliche Tugend. Auch Jesus wunderte sich darüber. Gerade hatte er im Namen Gottes zehn Kranke vom Aussatz befreit und sie zur Bestätigung ihrer Reinheit zum Tempel geschickt. Nur ein einziger fand den Weg zurück zu Jesus, um ihm zu danken. "Wo sind die anderen neun"?

Wofür sollten wir dankbar auch sein in dieser verkorksten Welt? Anscheinend sind wir blind für das Gute, das Gott uns schenkt. Alles Gute erscheint uns selbstverständlich und normal. Kein Grund zum Danken. Es ist eben so. Wehe aber, es fehlt uns etwas. Dann müssen wir laut klagen. Denn dazu haben wir allen Grund. Gott enthält uns etwas vor, das uns eigentlich zusteht. Beten als Gang zum himmlischen Sozialamt.

Das Loben scheint uns noch weniger Sinn zu machen. Bedanken könnte man sich ja eigentlich für eine empfangene Wohltat, quasi als höfliche Empfangsbestätigung. Was soll nun aber Loben? Wofür denn?

Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen. In seiner Schöpfung sollte einer sein, der nicht nur auf sich selbst blickt, sondern über das Werk hinaus den Schöpfer erkennt – und ihn lobt in seiner Größe und Güte. Wir müssen wohl einräumen, dass Gott sich in dieser Hinsicht getäuscht hat in Adam und Eva – und ihren Nachkommen. Die finden nichts zu danken, geschweige denn zu loben.

Habakuk auf seinem Turm erhielt Antwort von Gott. Der Heilige Israels würde dafür sorgen, dass der Gerechte durch seinen Glauben lebt und der Tyrann seine Strafe bekommt. Diese Aussicht ließ den Propheten ein Loblied singen. Er gab sich Mühe. Er wollte jubeln und sich freuen, um sich schon einmal einzustellen auf Gottes Handeln. Der Jubel überkam ihn nicht, die Freude fiel nicht einfach vom Himmel. Klagen funktioniert von alleine. Freuen aber und Jubeln müssen gewollt sein.

Lutz Poetter

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