ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juli/August 2002

22.5.2019

Viele Wege führen nach Rom
Reiseeindrücke und Gedanken aus der 'Ewigen Stadt'

von Torsten Lüdtke

Sommerzeit! – Ferienzeit! Wieder einmal geht es in den sonnigen Süden, nach Italien. Die schroffen Alpengipfel und die sanften Hügel der Toscana hinter sich lassend, erreicht der Reisende die 'Ewige Stadt' mit ihren antiken Ruinen und zahllosen Kirchen, mit blühendem Oleander und rauschenden Brunnen.

Bewundernd und staunend geht man, vom Reiseführer geleitet über Straßen und Plätze, sieht prächtige Marmorsäulen und bunte Hausfassaden. Mit dem Anspruch, alles sehen zu müssen, erreicht man an der Via del Corso ein Haus, an dem eine Marmortafel dem Rombesucher mitteilt, dass Goethe im Herbst des Jahres 1786 hier wohnte. – Die Stadt Rom ist in vielerlei Hinsicht vielschichtig; Kunst und Kultur, aber auch Archäologie und Christentum ziehen jedes Jahr Millionen von Besuchern in die 'Ewige Stadt'. 'Roma aeterna' hat damit auch für katholische Christen eine heilsgeschichtlich zu betrachtende Dimension, indem Rom neben Jerusalem noch immer das wichtigste Wallfahrts- und Pilgerziel darstellt.

Für evangelische Christen ist die Bedeutung als Wallfahrtsziel nur schwer zu verstehen; doch lassen sich in Rom auch für die Geschichte der Reformation bedeutende Besuchsziele finden, die uns in das Jahr 1510 zurückführen.

Weder das Rom Goethes noch die moderne Großstadt sind vergleichbar mit dem pulsierenden Leben in der Renaissancezeit, als sich die Macht der Päpste und der großen italienischen Familien zur höchsten Höhe erhob – und in der versucht wurde, in Denken und Handeln an die antike Größe Roms anzuknüpfen. Dem Besucher bot sich noch nicht der als harmonisch und geschlossen empfundene Anblick der Stadt, und auch die Peterskirche, das Werk Michelangelos und Bramantes, stand noch als gewaltiger, unfertiger Torso am Rande des Vatikanischen Hügels. Die Stadt wimmelt von Fremden: Pilger und Gläubige suchen Zutritt zu den Reliquien und versuchen so, Sündenablass zu erhalten, während Gesandte und Botschafter Einlass bei den päpstlichen Behörden suchen. In dieses Gewimmel kommt um die Jahreswende 1510/11 ein deutscher Augustiner-eremitenmönch im Auftrage seines Erfurter Klosters und an ein persönliches Gelübde gebunden nach Rom.

Am Ende der jetzigen Via del Corso ist die Piazza del Popolo gelegen, ein kreisrunder, heute von barocken und klassizistischen Bauten umstandener Platz, an dessen Nordseite sich die alte Kirche Santa Maria del Popolo erhebt; in den an die Kirche anschließenden Klostergebäuden erhält der deutsche Mönch – kein anderer als Martin Luther – eine Unterkunft. Eine weite, anstrengende Reise ohne genaue Karte, bald zu Fuß, bald auf einem Esel liegt hinter ihm, doch die weitaus anstrengendsten Ziele, die Besorgung seines Auftrages an der römische Kurie und die Erfüllung seines Gelübdes liegen noch vor ihm. Bei den Angehörigen der Kurie wie auch in den Pilgerkirchen muss Luther immer wieder erfahren, dass er ohne die Aufwendung kleinerer oder größerer Geldsummen seine Ziele wohl nicht erreichen wird. Doch auch die weltliche Hofhaltung des Papstes und die ins Unermeßliche gesteigerten Bauprojekte stoßen ihn ebenso ab wie das Verhalten der hohen geistlichen Würdenträger und der Höflinge des Papstes. Viele andere Zeitgenossen Luthers haben ähnliche oder gleiche Eindrücke gesammelt. Die antirömische Tendenz der Schriften Ulrichs von Hutten ist ebenso dafür Zeugnis wie die Schriften Luthers, in denen er immer wieder die Entfernung der Kirche vom Evangelium kritisiert.

Doch nun zu Luthers Pilgerfahrt: Das Pilgerwesen geht zurück bis in die Urkirche. Über den Märtyrergräbern oder den Orten ihres Martyriums erhoben sich bereits in frühchristlicher Zeit Kapellen, die mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion weiter ausgebaut und dann – nach und nach – immer mehr ausgeschmückt und prächtiger ausgestattet wurden. Bereits im hohen Mittelalter gibt es schriftliche Pilgerführer, die dem heutigen 'Baedecker' ähnlich, kleine Beschreibungen zu den meisten der römischen Pilgerzielen,aber auch zu antiken Monumenten bieten. Aus erhaltenen Aufzeichnungen Luthers wissen wir, dass auch er einen dieser 'antiken' Reiseführer nutzte und dass er sehr gewissenhaft über die ausgeführten Bußübungen Buch führte.

Heute, 485 Jahre nach dem Beginn der Reformation, ist Rom zwar noch immer Residenz des Papstes und Hauptort der katholischen Christenheit; doch hat die politische Macht des Papstes seitdem immer mehr nachgelassen, so dass Rom heute vor allem als Hauptstadt Italiens und europäische Kulturmetropole zu sehen ist. Die im 18. Jahrhundert begonnenen, planmäßigen Ausgrabungen der antiken Ruinen haben im 19. Jahrhundert zur Ausbildung des Klassizismus geführt und sind sicher auch Grund dafür, dass zunehmend Reisende in Rom sich 'nur' mit den Relikten der Antike befassen; doch sind sich alle in einem Urteil einig:

" O wie fühl' ich mich in Rom so froh! Gedenk ich der Zeiten,
da mich ein graulicher Tag hinten im Norden umfing"!