Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.9.2019

"... geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben..."
Das Glaubensbekenntnis – Teil 4

von E-Mail

Bisher haben wir Jesus Christus vor allem von seiner Gottheit her kennengelernt, als Teil der Trinität, wesensgleich mit Gottvater und dem Heiligen Geist. Was jetzt kommt, betrifft den Menschen Jesus, sein Leben, Leiden und Sterben auf dieser Erde. Nach den ewig-großen Wahrheiten geht es jetzt um das Historisch-Konkrete. Die Aufzählung beginnt, wie es sich für jeden Lebenslauf gehört, mit der Geburt: "... geboren von der Jungfrau Maria".

Man kann über die Jungfrau Maria heutzutage nicht mehr reden, ohne über Evangelisch und Katholisch zu reden. Grund dafür ist, dass die katholische Kirche – was Maria angeht – eine solche Verfügungsmacht für sich reklamiert hat, dass evangelischerseits eine unbefangene Annäherung an das Thema kaum noch möglich ist. Dabei bedeutet diese Verfügungsmacht nicht nur, dass Maria, vor allem in der Zusammenstellung "Jungfrau Maria", fast schon als Markenzeichen des Konzerns katholische Kirche empfunden wird, sondern auch darauf, dass durch die katholische Lesart eine bestimmte Sicht der Person Marias festgeschrieben wurde.

Dabei hat besonders die Fixiertheit, mit der über Jahrhunderte die Jungfräulichkeit Marias zum Dogma aufgebaut wurde, viel Schaden angerichtet. Sie ist mittlerweile nicht nur einer der Punkte, in denen sich Katholiken und Evangelische heute fremder denn je gegenüberstehen, sondern es hat auch dazu geführt, dass das Verständnis dieser Aussage in eine unerfreuliche Richtung gedrängt wird, nämlich so, als würde es hier in erster Linie um einen sexuellen, ja gynäkologischen Tatbestand gehen, womit sich Viele zu einem Spagat zwischen Vernunft und Glauben gedrängt sehen, den sie nicht leisten können oder wollen.
Wenn man das ganze weniger gynäkologisch als theologisch betrachtet, dann deutet der Titel "Jungfrau" bei Maria darauf hin, dass diese Geburt etwas ganz Besonderes war, und das gleich in doppelter Hinsicht.

Zum einen steckt sie voller Verheißungen. Direkt wird Bezug genommen auf eine Stelle bei Jesaja, wo es heißt, eine junge Frau werde ein Kind gebären (Jes. 7, 14). Und wo ist jetzt die Jungfrau geblieben? In dem weit weniger pathetischen "junge Frau". Egal ob man das ganze hebräisch, griechisch oder lateinisch betrachtet, das Wort für "Jungfrau" ist eben zunächst mal auch das Wort für "junge Frau", das heißt eine Frau in noch jungem Alter, die noch nicht verheiratet ist und kein Kind geboren hat. In der altertümlichen Anrede "Jungfer", dem Vorläufer des (mittlerweile teilweise auch als altmodisch empfundenen) "Fräuleins" haben wir diesen Doppelcharakter von "Jungfrau" auch noch erhalten. Da Frauen in der Antike meist sehr jung, mit Eintritt der Geschlechtsreife, verheiratet wurden und dann bald auch Kinder bekamen, hatte der Begriff noch nicht den Geschmack von sexueller Enthaltsamkeit angenommen, den wir ihm zumeist beilegen. Lebenslang enthaltsam blieben im allgemeinen nur Ausnahmeerscheinungen wie bestimmte Göttinnen (Athene oder Artemis) oder bestimmte Priesterinnen, wie die Vestalinnen in Rom. Jungfräulichkeit nicht als (sehr kurzfristiges) Lebensalter, nämlich von der Zeit vom Beginn der Geschlechtsreife bis zur Verheiratung, sondern als lebenslanger Zustand entstand als Massenphänomen erst mit der Ausbreitung des Christentums. Und erst damit konnte sich der Bedeutungsgehalt "sexuell unerfahren" in den Vordergrund drängen.

Warum der ganze begriffsgeschichtliche Aufwand? Um den Blick frei zu bekommen auf die ganze Kraft der Verheißung, die in diesem Titel "Jungfrau Maria" auch liegt. Eine junge Frau mit ihrem Kind – kann es ein augenfälligeres, ein überzeugenderes Symbol für Hoffnung und Neuanfang geben? Der Neuanfang eines Lebens, der Neuanfang einer Familie, oder in diesem Falle ein ganz besonderer Neuanfang Gottes mit den Menschen. Wer in der Bezeichnung "Jungfrau" immer nur den Verzicht hört oder hören will, dem entgeht das alles. Man muss sogar fragen, ob es nicht eine Vertauschung des eigentlichen Schwergewichtes ist, denn das heilsgeschichtlich Bedeutsame ereignet sich ja nicht darin, dass Maria enthaltsam war, sondern darin, dass sie ein Kind hatte, nämlich dieses ganz besondere Kind, über das wir uns zusammen mit seiner Mutter freuen dürfen, so wie wir uns mit jeder jungen Mutter über ihr Baby freuen dürfen.

Allerdings ist das tatsächlich noch nicht alles. Es muss zugestanden werden, dass in der Bezeichnung "Jungfrau Maria" tatsächlich auch etwas von Verzicht und Negation steckt, aber dieser Verzicht ist nicht primär sexuell. Es ist vielmehr der Verzicht auf eine menschliche Urheberschaft für die Person Jesu Christi als ganzes. Dieses Kind ist nicht das Werk, das Produkt seiner Eltern. Ja, es hat mit ihm überhaupt keine natürliche Bewandtnis, sondern eine übernatürliche. Wie könnte es auch anders sein, wenn Jesus eben mehr sein soll als ein besonderer Mensch, nämlich der Sohn Gottes, ja Gott selbst? Wie könnten Menschen einen Gott zeugen?

Die ganze Spannung von Jesu wahrem Menschsein und wahrem Gottsein liegt also in diesem einfachen "geboren von der Jungfrau Maria". Wir haben schon im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist vom Gottsein Jesu gehört. Was jetzt kommt, dreht sich um sein Menschsein. Und der Angelpunkt zwischen bei dem ist die Jungfrau Maria, ist jene ganz und gar übernatürliche und zugleich ganz und gar menschliche Geburt.

Jesus wurde geboren wie jeder andere Mensch auch, so wie er danach ein Leben führte, das alle Höhen, vor allem aber Tiefen des Menschseins kannte, eines Menschseins, das da beschrieben wird durch die Worte "geboren, gelitten, gekreuzigt, gestorben und begraben".
Vieles an diesem Leben empfinden wir noch heute als vorbildlich. Wir bewundern Jesu Weisheit, seine Hinwendung zum Nächsten, seinen Gewaltverzicht. Deshalb können auch Menschen, die ihm jede Göttlichkeit absprechen, zu ihm aufsehen. Trotzdem kann der Mensch Jesus immer nur die eine Hälfte des Ganzen sein, nämlich die Hälfte, die so endet, wie jedes menschliche Leben: "gestorben und begraben". Aus, Schluss, vorbei. Gekreuzigt und gestorben – mit, trotz oder vielleicht sogar wegen aller seiner Menschlichkeit, seiner guten Werke und seines Engagements.

Die Geschichte von Jesus als historisch-konkretem Menschen ist immer auch eine Geschichte eines Scheiterns, das so radikal und absolut ist, wie es nur sein kann.
Wir dürfen über die Radikalität dieses Scheiterns nicht hinwegsehen, dürfen an Karfreitag nicht auf Ostern vorgreifen, denn nur dann können wir erkennen, wie weit Gott mit den Menschen geht in seinem Sohn Jesus Christus: Bis ans Kreuz, bis in den Tod, bis in die tiefsten Tiefen, die das Menschsein kennt.

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