Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.9.2019

Von Pontius zu Pilatus – Maße und Gewichte in der Bibel
Eine biblische Glosse

von Lutz Poetter

Früher oder später landet man beim Bibellesen ganz hinten. Ich meine nicht die Offenbarung, dieses letzte Buch des Neuen Testaments. Dahinter nämlich kommt noch was: Der Anhang! Also verständnisfördernde Sach- und Worterklärungen zu biblischen Personen und Begriffen, Zeittafeln zur biblischen Geschichte und zur Überlieferung der Bibel, ein Stichwortverzeichnis, ein Ortsregister, mehrere Landkarten. Außerdem finden wir eine Übersicht über die in biblischer Zeit gebräuchlichen Maße und Gewichte.
Wir lesen nun im Neuen Testament.

Armut macht sorglos

Irdischen Reichtum besaß Jesus von Nazareth nie – er warnte seine Nachfolger vielmehr vor den Gefahren materiellen Besitzes: "Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel!" Den Himmel und den von dort waltenden Vater im Blick warnte Jesus vor irdischen Sorgen um den Lebensunterhalt und vor der Zukunftsangst: "Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater." Die Lilien auf dem Felde, das Gras auf der Erde sind Sinnbilder der göttlichen Gnade, die reich macht bei aller sichtbaren Armut. "Geht ein durch die enge Pforte, die zum Leben führt!" Jesus war besitzlos. Er hatte nicht einmal das Geld für die Tempelsteuer und musste Petrus zum Angeln schicken: Der erste Fisch, der anbeißt, würde einen Silberling im Maul haben, nachzulesen bei Matthäus 17.

Mit Gottvertrauen ist man ganz ohne Geld in der Tasche reich. Wirklich arm hingegen sind Menschen wie der reiche Jüngling, der in die Nachfolge treten möchte. Vorher sollte er sich allerdings von seinem Reichtum trennen zu Gunsten der Armen. Aber das brachte er dann doch nicht über das Herz und ging traurig weg von Jesus. "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme." Leider lässt uns die Bibel über die exakten Maße im Ungewissen. Welchen Durchmesser hatte eigentlich so ein Nadelöhr? Und die enge Pforte – wie breit sollen wir uns die vorstellen in Ellen und Spannen?

Aber auch in diesem Fall gilt: Es nützt nichts sich Sorgen zu machen! "Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?"
Wie bitte? Eine Spanne? Das ist eine halbe Elle, also 23 Zentimeter! Aber seit wann wird unser Leben in Zentimetern gemessen? Kriechen wir etwa wie Schnecken auf unserer Lebensbahn? Wir rechnen doch in Zeiteinheiten – Jahren, Monaten und Tagen. Jesus hätte also sagen müssen: "Wer ist unter euch, der seines Lebenslänge 23 Minuten zusetzen könnte..." Aber es gab zur Zeit Jesu in Israel keine exakte Zeitrechnung, keine Uhr tickte im präzisen Zeitmaß. Die Stunden zwischen Sonnenaufgang und –untergang wurden grob geschätzt. Andere Völker unternahmen staunenswerte astronomische Berechnungen zum Jahreslauf, den Juden genügte ein ungefährer Kalender. Sie brauchten nicht einmal Namen für die Wochentage – der 7. Tag hieß Sabbat, das genügte.

Die Schulden im Eimer

Diese sorglose Genügsamkeit begegnet uns jedoch nicht durchgängig im Neuen Testament. Wir wollen das Licht unserer vier Evangelisten keineswegs unter den Scheffel stellen!
Apropos Scheffel: Der kleine Eimer heißt auf Griechisch modios und fasst etwa 10 Liter. Der große Eimer heißt batos und fasst ansehnliche 40 Liter. Beim Fälschen der Quittungen durch den unehrlichen Verwalter – dieses Gleichnis Jesu überliefert Lukas im 16. Kapitel – werden mal eben 2000 Liter Olovenöl unterschlagen. Der korrupte Angestellte hatte 50 der geschuldeten Eimer einfach unter den Tisch fallen lassen – und sich damit auch noch ein dickes Lob seines Chefs über diesen außergewöhnlichen Schuldenerlass eingeheimst.

Talente en gros

In der glaubensgewissen Nacherzählung des Erdenweges unseres Herrn Jesus bewiesen die biblischen Schrift steller ihre jeweiligen Talente. Uns heutigen Lesern fallen folgende Synonyme zu "Talent" ein: Begabung, Fähigkeit, Tüchtigkeit. In der Bibel hingegen ist das Talent eine gebräuchliche Gewichtseinheit und entspricht etwa unserem Zentner. Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten rechnet der Firmeninhaber demnach mit seinen drei Angestellten über das verliehene Kapital ab: Der erste hat die ursprünglichen fünf Zentner Silber glatt verdoppelt, dem zweiten ist es mit seinen zwei Zentnern ebenso geglückt. Nur der dritte hat komplett versagt und das ihm anvertraute Talent in der Erde verbuddelt. Dafür wird er hinausgeworfen in die Finsternis; "da wird sein Heulen und Zähneklappe(r)n."

Noch übler treibt es nur der Schalks-knecht im Gleichnis Matthäus 18.
Er hat Schulden, und zwar nicht zu knapp. Sein König sollte von ihm zehntausend Talente reines Silber zurück erhalten, aber unser Schuldner ist zahlungsunfähig. Wir wissen nicht, wie er dieses hübsche Sümmchen verbraten hat. Wir ahnen auch, dass die Rückerstattung der 440 Tonnen Silber einigen logistischen Aufwand erfordert hätte. In unserem hochtechnisierten 21. Jahrhundert wäre dieser Transport auch nur mit elf geräumigen Tiefladern zu bewerkstelligen...

Aber unser Schuldner ist pleite, ihm und seiner Familie blüht nun der Verkauf in die Sklaverei. Der Schuldner bittet den König um Gnade und Verschonung, und der lässt Gnade vor Recht ergehen: Unser Schuldner kommt frei. Kaum aber in die unverdiente Freiheit entlassen, trifft er einen Kollegen, der ihm die vergleichsweise geringe Summe von 100 Silbergroschen – vergleichbar unseren Markstücken – schuldet. Den nun würgt er, besteht auf sofortiger Tilgung des Darlehens und lässt ihn ins Gefängnis werfen – ungerührt von allen Bitten um Aufschub und Geduld. Das wiederum erregt den Zorn des milden Königs: "Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?" Wir ahnen schon wie die Geschichte ausgeht: Finsternis, Heulen und Zähnekl......

Brotkrumen – satt

Auch bei den Wunderberichten begegnen wir der Fülle. Sie überbietet den Mangel, in der Gegenwart des Heilandes wird jede Not besiegt und jeder Mangel gestillt. So auch bei der Speisung der 5000. Jesus befiehlt seinen Jüngern ihnen zu essen zu geben. Diese verteilen alles, was sie haben: Fünf Brote und zwei Fische. Die Menschen essen und sättigen sich. Danach bleiben vom Brot die Krumen übrig. Die Jünger sammeln sie ein – 12 Körbe voll. Leider waren diese Körbe nicht genormt in ihrem Fassungsvermögen, so dass wir ihren Inhalt nicht in die gebräuchlichen Hohlmaße Sack, Eimer oder Scheffel umrechnen können.

Sechs Hektoliter Hochzeitswein

Als Inbegriff einer sachdienlichen Mengenangabe im Neuen Testament erscheint mir die Hochzeit zu Kana. Bekanntlich war bei dieser Vermählung bald Ebbe im Weinschlauch und die Feier drohte vorzeitig zu enden. Was tun? Sicherlich hatten die Läden alle schon geschlossen. Sollte man etwa hektisch von Pontius zu Pilatus rennen, um noch irgendwo ein paar Weinflaschen zu ergattern, die ohnehin nicht ausreichen würden? Zum Glück war Jesus Gast bei dieser Hochzeit. Und als seine Stunde gekommen war, verwandelte er die sechs frisch gefüllten Wasserkrüge a´100 Liter in exzellenten Hochzeitswein. Das Fest konnte also fröhlich weitergehen, und selbst der Kellermeister zeigte sich beeindruckt.

Pontius Pilatus

Lässt es sich klären, wie weit es nun genau von Pontius zu Pilatus ist? Die römischen Herrscher rechneten in Stadien oder Meilen. Die römische Meile hatte rund 1500 Meter. Und es konnte einem als Juden schon mal passieren, dass man zwangsweise zu einem Dienstweg verpflichtet wurde. Jesus begegnete dieser Schmach gelassen: Er riet seinen Nachfolgern, auch noch die andere Wange hinzuhalten, beziehungsweise unaufgefordert eine zweite Meile mitzugehen. Diese Angabe hilft uns allerdings nicht weiter.

Die Bibel zeigt uns Pontius Pilatus als unbewegten und unbeweglichen römischen Statthalter, der lieber nichts entschied und seine Hände in Unschuld wusch. Vielleicht steckt ja in diesem Weiterschieben der Verantwortung der Ursprung unserer nachbiblischen Redewendung: Von Pontius zu Pilatus geschickt zu werden, heißt immer wieder vergeblich in die Irre zu laufen. An sich ist ja die Angabe selbst schon irreführend, da es sich um ein und dieselbe Person handelt. Insofern kann man ja gar nicht von "Pontius" zu "Pilatus"...!

Sollte diese Redensart etwas mit der Entstehung von Ämtern und Behörden zu tun haben? Bei genauem Hinsehen gibt es doch einen Weg, ein Hin und Her: Jesus muss nämlich nach dem Bericht des Lukas zweimal vor den Statthalter treten. Zuerst befragte Pilatus den "König der Juden", dann schickte er ihn zu Herodes in dessen Palast. Bedeckt mit Spott und einem weißen Gewand schickt Herodes ihn wieder zurück zu Pilatus.
Sozusagen von Pontius zu Pilatus.

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