Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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12.11.2019

" ...und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn"
Das Glaubensbekenntnis – Teil 3

von E-Mail

Als Kind hatte ich mit dem "eingeboren" immer meine Schwierigkeiten, und das aus gutem Grund. Die Vorsilbe "ein" kennen wir von vielen Verben. Man kann eingehen, einstimmen, eintreten. Aber immer hat das "ein" hier die Bedeutung "hinein". Auch die "Eingeborenen" kannte ich, aber die hießen ja auch so, weil sie in ein bestimmtes Land hinein geboren waren. Deshalb fragte ich mich lange und sehr erfolglos, wo hinein dieser Jesus denn nun geboren war. Da er als eingeborener Sohn Gottes bezeichnet wird, wäre die logischste Antwort "in Gott hinein" gewesen, aber das fand ich auch schon damals wenig einleuchtend. Ich weiß nicht genau, wann und warum mir irgendwann aufging, dass das "ein" in "eingeboren" nichts mit "hinein" zu tun hat, aber dafür sehr viel mit "eins". Auch in dieser Bedeutung verwenden wir die Vorsilbe "ein". Es gibt einhändige Schwerter und in Folge einhändige Menschen, eingleisige Bahnstrecken oder auch eingleisiges Denken. Aber nie sonst findet sich die Vorsilbe "ein" in der Bedeutung "einzig" bei einem Verb. So gesehen ist das Wort "eingeboren" ein echtes Unikum der deutschen Sprache.

Dabei steht das "eingeboren" eigentlich noch nicht einmal im Originaltext des apostolischen Glaubensbekenntnises. Da ist Jesus ganz einfach der einzige Sohn seines Vaters. Vielleicht ist das ein Beleg dafür, wie alt das apostolische Glaubensbekenntnis zumindest teilweise wirklich ist, denn erst relativ spät gibt es im Lateinischen ein eigenes Wort für "eingeboren". Das ist dann eine Übersetzung aus dem Griechischen, wo es dieses Wort schon früher gibt. Dass bereits Johannes es auf den Sohn Gottes anwendet, dürfte dazu geführt haben, dass es von dort übernommen und dann auch in andere Sprachen übersetzt wurde. Zuerst ins Lateinische, später dann ins Deutsche. Im Gegensatz zu dem einheimischen "einzig" hatte es den Vorteil, dass es unmißverständlich die Einzigartigkeit Christi zum Ausdruck brachte und so die Verwechslung mit irgendwelchen ganz profanen Einzelkindern verhinderte. Deshalb steht es wohl auch heute noch im Glaubensbekenntnis, auch wenn es im Originaltext eigentlich gar nicht vorkommt.

Aber auch, wenn klar ist, was das Wort heißt, ist noch lange nicht klar, was es bedeutet. Gott Vater hat also genau einen, einen einzigen Sohn. Aber warum ist das wichtig? Zunächst ist es ein schönes Bild für die große Nähe zwischen Gott und Jesus. Wer könnte einem näher stehen als das eigene Kind? Und was könnte man mehr lieben als dieses Kind, vor allem wenn es das einzige ist? Diese nach menschlichem Maßstab größtmögliche Liebe wird zum Maßstab der Liebe Gottes, die über dieses menschliche Maß hinausgeht: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab" (Joh. 3, 16). Wenn also Jesus Christus als das einzige Kind Gottes bezeichnet wird, wird damit nicht nur gesagt, wie nahe Jesus Gott stand, sondern auch, wie sehr Gott diese Welt geliebt hat, nämlich mehr als irgendein Mensch sein einziges Kind lieben würde, ja das Gottes Liebe zur Welkt sogar größer ist, als die Liebe irgendeines Menschen jemals sein kann.

Darüber hinaus ist die Formulierung "Gottes einziger Sohn" aber mehr als eine blumige Metapher für Gottes große Liebe. Es steckt noch mehr in diesem "einzig". Würde es denn die Bedeutung Jesu Christi herabsetzen, wenn es Gott in seiner Weisheit gefallen hätte, mehr als nur einen Sohn zu haben? Wohl kaum. Es geht bei dem "einzig" nicht so sehr darum, dass Jesus als Sohn Gottes keine Geschwister hatte, auch wenn es genug Bibelstellen gibt, die betonen, dass es einen wie ihn eben nur einmal gegeben hat (z.B.: "Keiner kommt zum Vater denn durch mich" - Joh. 14, 6). Worauf es viel mehr ankommt, ist, dass er einzig gegenüber der gesamten restlichen Schöpfung ist. Er allein kommt von Gott in diese Welt, und ist doch nicht wie die übrige Welt Schöpfung Gottes. Er ist nicht wie sie ihm gegenübergestellt und von ihm unterschieden. Weil Jesus der Sohn Gottes ist, gibt es keinen Qualitätsunterschied zwischen ihm und Gott Vater, während es sehr wohl einen Qualitätsunterschied gibt zwischen Gott und der Welt, die er geschaffen hat. Jesus, der Sohn Gottes, ist also nicht anders und nicht weniger göttlich als Gott Vater selbst.

Wenn wir uns so klar machen, dass Jesus Christus damit mehr ist, als nur eine vorbildliche historische Persönlichkeit, dann erscheint es uns schon weniger verwunderlich, dass ihm gleich darauf der Titel "Herr" beigelegt wird. Trotzdem hat dieser Titel etwas merkwürdig Unzeitgemäßes. Unzeitgemäß ist dabei die Forderung nach Gehorsam, womöglich noch nach fraglosem und bedingungslosem Gehorsam, die durch diesen Titel impliziert wird. Beunruhigend ist die Ahnung von Willkür, die in ihm mitschwingt.
Es ist so leicht, dieses Unbehagen wegzuwischen mit dem Hinweis, dies seien eben traditionelle Formen, die noch aus einer Zeit stammen, als man es noch normal fand, einem Herren zu unterstehen, und damit gegebenenfalls auch seiner Willkür. Oder dass Gott der einzige sei, den man getrost als Herren anerkennen dürfe, schließlich sei er ja grundsätzlich gerecht und gut und nicht mit den kleinlichen Schwächen irdischer Herren behaftet. Beide Argumente sind gut gemeint, aber sie treffen nicht, weil sie uns einzureden versuchen, dass der anstößige Titel an dieser Stelle doch eigentlich belanglos und unsere Bedenken damit grundlos sind. Wenn dem so wäre, wäre es höchste Zeit, ihn als unnötigen Zopf abzuschneiden und in die Mottenkammer zu verbannen.

Wie bei Gottes Allmacht geht es bei dem Titel "Herr" in erster Linie um die Nichtverfügbarkeit Gottes. Nicht wir, sondern er, nicht unser Wille, sondern seiner. Darauf kommt es an. Trotzdem bleibt eine belastende Spannung. Dabei verstört nicht nur der Einbruch absolutistischer Denkformen in unsere mehrheitlich demokratische Welt. Mehr noch muss verstören, dass der Thron, vor dem wir uns symbolisch verneigen, auf den ersten Blick ganz eindeutig leer ist.

Sobald wir eingestehen, dass wir bereit sind, uns dem Willen Gottes zu unterwerfen, muss sich zwangsläufig die Frage regen, was der Wille Gottes ist, wie er sich äußert, wie wir ihn erkennen können. Auch auf diese schwierigen Fragen gibt es einfache Antworten, die uns trotz ihrer Richtigkeit kaum weiterhelfen. Gott hat sich uns offenbar in der Heiligen Schrift und in Jesus Christus. Nur lässt sich auch daraus der Wille Gottes kaum eindeutig ablesen, wenn wir von relativ allgemeinen Feststellungen absehen.

Selbstverständlich will Gott etwa, dass wir unseren Nächsten lieben, aber was heißt das in jeder der vielen konkreten Situationen, in die wir im Laufe unseres Lebens geraten? Alles was uns in die Hand gegeben ist, ist ein Maßstab, an dem wir uns selbst messen können und sollen, aber ob wir bei diesem Messen immer zum richtigen Ergebnis kommen, muss offen bleiben. Unser Herr ist also offensichtlich einer, der nicht im landläufig-weltlichen Sinne herrscht. Er nimmt uns die Entscheidung nicht ab, indem er sie für uns trifft. Er entmündigt uns nicht, er erlaubt uns aber auch nicht den bequemen Auswegen des blinden Gehorsams.

Und doch steckt in dem Herrsein Christi eine unendliche Entlastung für uns Menschen, steckt darin doch auch die Zusage, dass er, soweit wir als seine getreuen Knechte und Mägde handeln, die Verantwortung für unser Handeln trägt, auch dort, wo wir mit unseren Bemühungen fehl gehen.
Das Herrsein Christi versteht sich also von den Grenzen der menschlichen Möglichkeiten her. Wenn wir Jesus als unseren Herren anerkennen, geben wir zu erkennen, dass wir wissen, dass wir in unserem Leben mehr tun und entscheiden müssen als wir mit unseren menschlichen Mitteln verantworten können. Es drückt aber auch aus, dass Gott, der darum weiß, in seinem Sohn Jesus Christus bei uns ist und uns dabei nicht allein lässt.

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