ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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20.1.2019

'Fronleichnam'
Annäherungen an ein katholisches Fest

von Torsten Lüdtke

"Happy Cadaver!" Oft habe ich schon – von anderen im Übermut oder aus Unkenntnis gesagt – diese Umschreibung für 'Fronleichnam' gehört; doch mit einem "Frohen Leichnam" hat der katholische Feiertag nichts zu tun.

So wie die meisten Kirchenfeste aus dem Mittelalter stammen, stammt auch das Fest 'Fronleichnam' aus dem Mittelalter, und so enthält das Wort zwei mittelhochdeutsche Begriffe: das Adjektiv vrôn und das Substantiv lîch(n)ame. Vrôn benennt Dinge, die zum (geistlichen oder weltlichen) Herren gehören, und lîch(n)ame , ist nicht mit "Leichnam", sondern mit "Körper, Leib" wiederzugeben. 'Fronleichnam' bedeutet also "Des Herren Leib"; mit dieser Worterklärung erschliesst sich der Sinn des Festes, das der feierlichen Zurschaustellung der in den "Leib des Herren" verwandelten, geweihten Abendmahlsoblate (Hostie) in einem Schaugefäß, der sogenannten Monstranz, dient und die einer am zweiten Donnerstag nach Pfingsten stattfindenden Prozession vorangetragen wird.

Im Jahr 1264 führt Papst Urban IV. das ursprünglich auf die Visionen der Nonne Juliana von Lüttich zurückgehende, regional auf Lüttich und die Niederlande beschränkte Fest duch die Bulle "Transiturus" für die ganze Kirche verbidlich ein. Als Grundlage des Festes dient die Einsetzung der Eucharistie (des Abendmahls) durch Christus am Gründonnerstag; daraus erklärt sich auch die Stellung im Festkalender der katholischen Kirche, die im Donnerstag nach der Passionszeit die symbolische Entsprechung des Gründonnerstages sieht. Mit der theologischen Begründung des Festes und der Ausgestaltung der Messe im dazugehörigen Festoffizium, wird der – auch mit Inquisitionsprozessen gegen Ketzer betraute – Dominikaner Thomas von Aquin beauftragt.

Das Fronleichnamsfest ist daher immer auch als Machtdemonstration und als Triumphzug der katholischen Kirche nach dem im 13. Jahrhundert siegreich verlaufenen Kampf gegen die Ketzer – Katharer und Albiginenser, die blutig verfolgt wurden – zu verstehen. Im 16. und 17. Jahrhundert, der Zeit der Reformation und Gegenreformation verstärken sich die prunkhaften und ständischen Merkmale der Fronleichnamsprozession; jetzt werden in den Prozessionen prachtvoll gestickte Banner oder mit Heiligenfiguren gekrönte Prozessionsstangen mitgeführt, die sich auch gegen die Bilderfeindlichkeit der evangelischen Kirche richten. Die Prozession zu Fronleichnam blieb auch lange Zeit das Instrument, "die Herrlichkeit der katholischen Kirche auch vor den Augen der Gegner zu offenbaren und deren Seelen zu erschüttern und zu gewinnen".

Den Prozessionen folgen traditionell noch immer viele Katholiken; in Süddeutschland werden dabei bisweilen noch die althergebrachten, prächtig gestickten Fahnen der Gilden und Zünfte oder die holzgeschnitzten Heiligenfiguren der christlichen Bruderschaften mitgeführt. Der Zug der katholischen Gläubigen bewegt sich langsam – vielfach noch immer ständisch geordnet – von der Pfarrkirche aus durch das (Wohn-) Gebiet der Gemeinde, in ländlichen Gebieten führt die Prozession an den Grenzen der gemeindlichen Feldflur entlang und hält an vier geschmückten Bildstöcken oder Altären, wo die Anfangs- verse der Evangelien gelesen werden. Die Volksfrömmigkeit glaubte, durch diese Umgangsprozessionen den Segen Gottes auf die Feldflur und auf die sich darauf befindlichen Feldfrüchte herabflehen zu können.

'Fronleichnam' ist heute ein Bestandteil des katholischen Kirchenjahres, der sich vor allem durch Traditionen- wie der Prozession oder dem Further Drachenstich festmachen läßt; die gegenreformatorische Bedeutung dürfte jedoch auch der Tradition gewichen sein.