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18.7.2019

Die Rolle des Spiels für die Selbstentwicklung des Kindes

von Gilka Rohlfs-Haupt

Frau Prof. Dr. Papousek hat in den letzten 10 Jahren über 2000 Kleinkinder mit chronischer Unruhe untersucht. Im Mittelpunkt der Forschung steht das kindliche Spiel, das Alleinspiel, das Zwiegespräch und das Spiel mit den Eltern. Dabei hat sich immer deutlicher ein Syndrom herauskristallisiert: Spielunlust und Nicht-Spielen-Können, gepaart mit chronischer Unruhe und Unzufriedenheit. Die verloren gegangene Fähigkeit zu spielen wird als eine bedeutsame Ursache für die Entstehung von frühen Verhaltens- und Beziehungsstörungen benannt.

Was geschieht denn nun im Spiel des Kindes? Das Spiel wurzelt in dem Bedürfnis des Kindes, sich mit seiner sozialen und materiellen Umwelt vertraut zu machen, sie zu begreifen und auf sie einzuwirken. Die treibenden Kräfte sind seine Neugier und Eigenaktivität. Das frühkindliche Spiel ist selbstgesteuertes Lernen, selbstbestimmtes Aufnehmen von Erfahrungen. Das Spiel erlaubt dem Kind, neue Fertigkeiten zu erproben, Lösungen für immer komplexere Probleme zu finden und schließlich auch emotionale Konflikte zu bewältigen. Die Freude am Spiel speist sich aus inneren Motivationen zum Entdecken von Regeln und Zusammenhängen, das Kind erlebt seine Selbstwirksamkeit und Urheberschaft an Abläufen. Das Spiel wird für das Kind zu einer unersetzlichen Quelle von Zufriedenheit, Selbstsicherheit und positivem Selbstwertgefühl und trägt entscheidend zur Entwicklung eines autonomen Selbst bei. Beim selbstinitiierten Lernen folgt das Kind dem inneren Entwicklungsplan seines Gehirns. Eltern und Erzieher können diese Entwicklung nicht forcieren. Von allen Förderprogrammen sollten Erziehende Abstand nehmen, sie gefährden sogar die kindliche Entwicklung.

Von entscheidender Bedeutung ist es jedoch, dass Kinder Geborgenheit erfahren in einer sicheren Beziehung zum Erwachsenen, dass man sich Zeit nimmt, viel Zeit und Muße. Das Spiel bietet Eltern eine unersetzbare Chance, sich auf das Tempo des Kindes einzulassen, sich im Zwiegespräch mit dem Kind in seine Erfahrungswelt hineinnehmen zu lassen und sich dabei von ihm leiten zu lassen. Die Aufgabe der Erziehenden liegt vor allem darin, Kinder vor einer Überflutung mit Reizen abzuschirmen. Das fällt Eltern schwer. Vielen gelingt es selbst nicht mehr, zur Ruhe zu kommen. Das Kind nimmt sich Auszeiten, allzu oft wird das jedoch von Erziehenden als Zeichen von Langeweile fehlgedeutet und mit neuen Spielzeugangeboten beantwortet. Das Kind sucht sich aus der Vielzahl möglicher Erfahrungen in seiner Umwelt diejenigen heraus, die seinem Entwicklungsstand entsprechen. Alle Fördermaßnahmen von außen laufen Gefahr, die kindliche Lust am Spiel zu blockieren, solange sie nicht an den Eigenaktivitäten des Kindes orientiert sind. Statt Förderaktivitäten sollten die Erziehenden mit dem Kind kommunizieren, sich im gemeinsamen Spiel mit dem Kind verständigen. Stattdessen heißt es "keine Zeit", das Kind wird ins Kinderzimmer abgeschoben und mit Spielsachen regelrecht abgespeist.

Kinder, die keine ausreichende Geborgenheit erleben, wenig positive Gegenseitigkeit mit Erwachsenen, die sich auf das kindliche Tempo einlassen, wenig Muße haben, werden in ihrer gesunden Entwicklung sehr stark beeinträchtigt: Ihr Spiel wird blockiert, es entsteht im Kind ein gefährlicher Reizhunger nach permanentem Wechsel immer neuer reizintensiver Stimulationen. Die Wahrnehmungsverarbeitung bleibt oberflächlich und konsumptiv. Die Ausdauer dieser Kinder ist gering, die Aufmerksamssteuerung ebenfalls. Diese Kinder sind motorisch unruhig und stagnieren in der Sprachentwicklung.

Frau Prof. Papousek empfiehlt, um Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität zu vermeiden, für Kinder ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Eltern und Erzieher auf die Faszination der kindlichen Erfahrungswelt im Spiel und damit auf Kommunikation und Beziehung mit dem Kind einlassen können.

(Statements entnommen einem Vortrag auf einer Fachtagung der " Deutschen Liga für das Kind" )

P.S. Statt den Personalspiegel in Kitas anzuheben, damit Erzieher Raum haben, in Ruhe mit den Kindern zu kommunizieren, wird weiter reduziert, die Betreuung geschwächt. Die Gesellschaft verlässt ihre Kinder.

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