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16.7.2018

Ein Jahr danach
Rückschau und Ausblick auf künftige Aktivitäten der Initiative "KZ-Außenlager Lichterfelde"

von Klaus Leutner

Heute, fast ein Jahr nach den Feierlichkeiten, klingt manches wie selbstverständlich oder normal.

Damals, seit Anfang des Jahres 2001 war manches nicht normal und selbstverständlich. Es trafen zwar, befördert durch Zeitungsartikel, durch aktives Mithandeln der christlichen Gemeinden in Steglitz und aufmerksame Ortsgruppen von Parteien Gelder auf dem Spendenkonto ein, aber wussten wir, ob all das, was wir angedacht hatten, gelingen würde? Es gelang! Die Gäste aus der Ukraine trafen nach 2-tägiger Busfahrt endlich in Berlin ein, die polnischen Gäste hatten einen etwas kürzeren Reiseweg und die Holländer vielleicht sogar den bequemeren. Alle ehemaligen Häftlinge kamen. Sie wollten ihren Leidensort zum ersten Mal nach ihrer Befreiung 1945 wieder sehen. Pünktlich am 6.5.2001 um 18 Uhr begann der von der Petrus-Giesensdorfer Gemeinde ausgerichtete  Begrüßungsabend.
Was dort von engagierten Mitmenschen an kultureller Vielfalt auf die Beine gestellt wurde, beeindruckte jeden, der den Weg zu den Häftlingen in die Kirche gefunden hatte. Allen sei an dieser Stelle noch einmal sehr, sehr herzlich gedankt. Dies war ein Erlebnis, von dem die Häftlinge ganz sicher in ihren Heimatländern erzählt haben. Uns, die wir weitestgehend auch nur Zuschauer dieser Veranstaltung waren, haben die Häftlinge ein wenig über ihre Gefühle erzählt. Es waren Gefühle der Freundschaft, nicht des Hasses!

Dann kam der 8. Mai heran. Es ist insbesondere, ohne Wenn und Aber, ihr Befreiungstag. Wir Deutschen haben zu ihrer Befreiung wohl nichts beigetragen. Um so mehr freuten wir uns alle, dass Hass oder Anklage nicht aus ihren Worten oder Gesten sprach. "Als Sklaven mussten wir nach Steglitz kommen, ihr habt mit den Spenden und Eurer Einladung gezeigt, dass wir Freunde sein können."

Der 8. Mai 2001. Morgens regnete es. Na, das kann ja heiter werden. Um 10 Uhr schien die Sonne! Viele junge Menschen, meist Schüler der Schulen im Bezirk Steglitz, viele ältere Mitbürger, Angehörige von Botschaften und Vertreter der Wohnungsbaugesellschaft, eine besonders honorige Geste, hatten sich zum Rundgang durch das inzwischen bebaute Gelände zusammengefunden. Ganz so still wurde der Rundgang nicht, da an bestimmten Punkten doch Erklärungen nötig waren. Was mag in den Köpfen und den Herzen der ehemaligen Häftlinge vorgegangen sein, als wir mit ihnen gemeinsam den Rundgang absolvierten? An der Todesstelle ihres Kameraden Wilhelm Nowak legten sie still ihre Rose nieder. Viele der anwesenden Häftlinge haben seine Hinrichtung mit ansehen müssen. Dass dies nicht wieder passiert, das ist der sehnlichste Wunsch aller Häftlinge. Dem sollten wir uns verpflichtet fühlen. Das ist deutsche Ehre!

Foto: Reiner Kolodziej
Franz-Josef Fischer bei der Einweihung der Gedenksäule. Foto: Reiner Kolodziej

Um 11 Uhr begann dann die Feierstunde. Beeindruckend aber auch nachdenklich stimmend die Redebeiträge, allen voran, die von der Schülerin Monika Hewelke und  Pfarrer Poetter. Als Vertreter des Bezirksamtes sprach der stellv. Bezirksbürgermeister Herr Kopp.

Der ehem. Sachsenhausener KZ-Häftling Wolfgang Szepansky sang trotz seiner 90 Jahre KZ-Lieder, um jene Kameraden zu ehren, die die Befreiung 1945 nicht mehr erleben konnten. Zum Abschluss richtete  Franz-Josef Fischer, auch Häftling in Lichterfelde, das Wort an die Anwesenden und es waren nicht wenige. Er appellierte an die Jugend, eine Wiederholung solchen Terrors und der Unmenschlichkeit nicht zuzulassen. Anwesende Teilnehmer der Veranstaltung hatten Blumengebinde am Denkmal niedergelegt. Ein Zeichen von Achtung aber auch demokratischer Gesinnung. Treffen mit Schülerinnen und Schülern in den Schulen waren in den nächsten Tagen das Programm für unsere Gäste. Jede Schule hat den Besuch eines Häftlings als Gewinn im pädagogischen Kampf gegen den Rechtsradikalismus angesehen. Ein Empfang durch den Protokollchef des Senats von Berlin im Roten Rathaus rundete das Programm ab.

Irgendwann musste Abschied genommen werden. Ein Wiederkommen wurde schon damals von den meisten Häftlingen in Aussicht gestellt. Mittlerweile sind noch zwei Überlebende dieses Lager ausfindig gemacht worden. Es ist ein ukrainischer und ein französischer Staatsbürger. In der intensiven Beschäftigung mit der Lagergeschichte konnten wir wieder Fakten erarbeiten, die so in der ganzen Breite nicht bekannt waren. Wir luden zum 4. Zeitzeugengespräch über den "Engel des KZ Lichterfelde" ein. Zeitungen und das Stadtradio 88,8 würdigten das Leben und Wirken von Liselotte Welskopf-Henrich, die unerschrocken die Häftlinge unter Einsatz ihres Lebens durch Päckchen mit Lebensmitteln, Büchern oder was noch viel wichtiger war, mit Medikamenten, das Leben rettete und einem Häftling, nämlich Rudolf Welskopf, die Flucht aus dem KZ 1944 ermöglichte und ihn bis zur Befreiung bei sich versteckt hielt. Die Heirat der beiden besiegelte einen Bund, der bis zum Tode hielt. Der Sohn berichtete über all diese Dinge.

Die Forschung über dieses Lager erhielt wieder einen wichtigen Impuls. Es war der Restaurierungswerkstatt der Staatsbibliothek gelungen, eine durch Bauarbeiter geborgene Akte des SS-Bauhofes in einem aufwendigen Verfahren zu retten und die Fragmente sichtbar zu machen. Viele bisher nicht bekannte Arbeitskommandos, SS-Dienststellen, Namen von SS-Leuten und Materialscheinen, die einen Eindruck von den in der Wismarer Straße gelagerten Baumaterialien vermitteln, wurden entdeckt. Auch die Liste der bisher bekannten Häftlingsnamen konnte dank der Auskunft des ITS Bad Arolsen erweitert werden. So haben wir namentliche Kenntnis von 400 Häftlingen dieses Lagers. Bedenkt man aber, dass ca. 2000 Häftlinge dieses Lager durchlaufen haben, so stehen wir erst am Anfang der Nachforschungen.

Die Zahl der noch lebenden Häftlinge in ganz Europa ist auf 19 angestiegen. Jede Geschichte dieser Häftlinge ist eine ganz individuelle. Jede bedeutet viel Leid, ein ganzes Leben lang. Damit dieses Leid nicht in Vergessenheit gerät, haben wir im OSZ am 18. Februar die Ausstellung KZ-Außenlager Lichterfelde bis 18. Mai 2002 eingerichtet und Herr Schulsenator Böger hat diese dann eröffnet. Eine Woche später war der polnische Botschafter Besucher derselben. Viele Schülergruppen aber auch Einzelbesucher aus ganz Berlin besuchen diese Ausstellung.

Das eine ist erledigt, da wartet schon die nächste Aufgabe. Das 5. Zeitzeugengespräch, traditionell im Alten Lichterfelder Rathaus, widmet sich diesmal dem christlichen, speziell dem katholischen Widerstand auch in unserem Bezirk.

Der nächste 8. Mai rückt unaufhaltsam heran. Die ehemaligen Häftlinge, mit denen uns mittlerweile eine enge, herzliche Freundschaft verbindet, wollen wieder in unserem Kreis unter nunmehr Steglitz/Zehlendorfer Bürgern sein, mit Schülern sprechen. Wir brauchen Geld um die Einladung zu finanzieren und auch freiwillige Helfer z.B. als Autofahrer, Dolmetscher oder um einfach zu betreuen. Wer kann uns helfen? Sie alle! Helfen Sie mit, dass unsere Manifestation anlässlich des Tages der Befreiung am 8. Mai und alle dazugehörigen Veranstaltungen ein großer Erfolg werden. Nur so werden wir als Demokraten wahrgenommen und als glaubwürdig eingestuft.

Termine:

6.5., 19.00 Uhr   Begrüßungsabend für die Häftlinge
Ort: Petruskirche
8.5. 11.00 Uhr   Feierstunde an der Gedenksäule
Ort: Petruskirche
8.5. 19.30 Uhr   Verabschiedung der Häftlinge
Ort: Heilige Familie

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