Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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15.11.2019

Gedanken zum Osterfest

von Pfr. Dr. Peter Neumann

Glauben Sie an die österliche Botschaft der Bibel, an die Auferstehung Jesu aus der Welt des Todes und an die Konsequenzen, die das Geschehen für unser Leben haben könnte? Oder prägt Sie eher die Unsicherheit und Angst vor dem, was an der Schwelle zum Tod folgt?

Ich glaube, für nicht wenige Menschen ist das Leben ein Weg, ein Kampf zwischen beiden Perspektiven. – Daneben gibt es viele unter uns, die ein beziehungsloses, ein eintöniges Leben führen. Sie erwarten die große persönliche Erfüllung, aber die Zeit verfliegt. Das Älterwerden wird als Bedrohung empfunden. In ihrer Beziehungslosigkeit und ihrem Alleinsein klammern sich viele an das, was sie haben und besitzen, äußerliche Werte und Symbole. Für ihr Leben ist der Tod beängstigend. Freilich, niemand will sterben. Das ist natürlich. Aber diese Todesangst, wie sie sich heute offen oder versteckt zeigt, ist eine gesellschaftliche Krankheit. Es ist die Krankheit von Menschen, deren Leben atomisiert wurde, die für sich arbeiten, für sich konsumieren, für sich leben, die nicht teilen und teilnehmen können, die immer mehr bringen müssen, und denen dabei das Leben unter der Hand zerrinnt.

Und es gibt andere Beispiele. Mir wurde vor einiger Zeit von einem Film berichtet, der den provozierenden Titel hatte: Auf`s Sterben freu ich mich. Er handelt von einer dänischen Frau, die an Krebs erkrankt war und ein halbes Jahr nach den Dreharbeiten gestorben ist. Tytte Botfeldt war eine besondere Frau. Vor gut 40 Jahren hatte sie begonnen, unerwünschte deutsche "Mischlingskinder" der Besatzungszeit in dänischen Familien adoptieren zu lassen. Später waren es Kinder aus Korea und Vietnam, vor allem solche, die krank, behindert oder geistig zurückgeblieben waren, und die niemand haben wollte. Sie hatte selbst mehrere dieser Kinder adoptiert. Ihre letzte Lebenszeit verbrachte sie im Kreise dieser Kinder, an ihrer Sache arbeitend bis zum Schluß. – Was war ihr Geheimnis? Niemand ist aus sich selbst so stark. Kraft wächst uns zu. Sie war keine besonders gläubige Frau und doch sehr stark angesichts ihres kurz bevorstehenden Todes. Wieso hatte sie keine Angst? Ich denke, das lag daran, dass sie ein Projekt hatte, einen Lebensinhalt, in den sie ihr kleines Leben ganz eingebracht hat, mit dem sie über sich hinausgewachsen war. Sie war nicht auf sich allein gestellt. Die Gemeinschaft, in der sie lebte, die Menschen, mit denen sie ihr Projekt gemeinsam betreute, gaben ihr die Gewissheit, dass das, worauf sie ihre ganze Liebeskraft verwandte, von ihrem Tod nicht überwunden würde. Deshalb konnte sie gelassener sein und sagen:" Auf`s Sterben freu ich mich."

Und ich denke an Agnes Kunze, die 37 Jahre bis zu ihrem Tod in Dehra Dun/Indien bei Leprakranken lebte. Sie kam aus München und war Sozialarbeiterin. Dank ihrer Initiative wurden aus Bettlern selbstbewusste Menschen, die durch Arbeit ihre Würde wiederfanden. Mit ihrem Projekt sind 300 stabile Arbeitsplätze für Frauen und Männer entstanden. Sie alle spinnen, färben, zwirnen, spulen und weben verschiedenste Tücher und Decken von gediegener Qualität, die in Dutzenden von Welt-Läden und Gemeinden hier in Deutschland und einigen anderen Ländern verkauft werden. Trotz vieler tagtäglicher Arbeit konnte Agnes Kunze Zeit finden für Meditation und Gebet. Eins lautet "Die neue Erde". Hier schreibt sie:
Kein Zaun ist zu sehen, keine Mauer ums eingebildete Eigentum... drüben am anderen Ufer seh ich den Frieden und die Freude der Freiheit.
Erlöse uns, Herr, von den Fesseln, die wir uns selbst und einander anlegen, von den Stacheldrähten und Zäunen um`s zu beschützende Eigentum, erlöse uns, o Herr!
Von der Furcht voreinander befreie uns Vom bitteren Kelch liebloser Worte und vom grimmigen Blick, vom eingefrorenen Kapital und der Mauer ums Herz befreie uns – nicht erst da drüben: Befreie uns heute und hier!

Auf die Frage, ob sie bete, hat Agnes Kunze geantwortet: Ich weiß es nicht. Das kann man oft gar nicht so genau sagen, wann man betet und wann man nicht betet. Das geht so miteinander.... Das sind Selbstverständlichkeiten des Lebens, die man nicht voneinander trennen kann. –

Wir erspüren aus diesen zwei Ostergeschichten unserer Tage die Überzeugung: Heute und hier beginnt die Auferstehung für uns, jetzt beginnt das ewige Leben...Gemeinden und Kirchen in der Welt sind ein Ort der Gleichheit aller Menschen, aller Rassen und des Dialogs aller Religionen. Sie reichen allen die Hand zur Versöhnung und feiern mit allen Jesu Mahl als Ruf in die Partizipation aller Menschen an den Gütern und Gaben Gottes. Wir erneuern und verstärken die Vision, dass die Erde ein Ort mit einer gerechteren Welt-Wirtschaftsordnung wird, in der die Lebensgrundlagen aller Menschen berücksichtigt werden.

Ich höre das Gelächter, dass diese Visionen Spinnereien und völlig unrealistisch seien. Aber wir halten an ihnen fest. Es sind Visionen Gottes; er hat sie uns eingegeben. Jesus ist gestorben an der Härte des Widerspruchs gegen diese Visionen. Er ist auferstanden. Und mit ihm diese Lebensvisionen. Wir sehen ihn im Glauben, in den Handlungen vieler Nachfolgerinnen und Nachfolger. Wir können ihnen folgen mit "Herzen, Mund und Händen". Denn die Einlösung dieser Visionen sind uns nicht allein für "später" versprochen, sondern sie beginnen bereits hier und heute trotz all der Karfreitagsgeschehnisse, unter denen die Mehrheit aller Geschöpfe leidet.

Und doch hat Ostern, hat die Botschaft von der Auferstehung noch eine zweite Dimension. In der Bildersprache der Bibel und der Hoffnung ist immer wieder von einem himmlischen Mahl oder von einer Hochzeit die Rede. Es sind Bilder für das Ende von Trennung, für das Ende aller Gegensätze und die Vereinigung aller Dinge in Gott.

Jörg Zink schreibt hierzu: Die Begegnung mit Gott dürfte eine ungeheure, eine atemberaubende Erfahrung sein, ein bewegendes Schauen und ein Eintauchen in einen Strom von Kraft und ein Meer von Licht. Und wenn gilt, dass Gott Liebe ist, und sie der einzige und wirkliche Sinn unseres Lebens ist, dann, so folgert J.Zink, endet Liebe nicht mit dem Tag des Todes, dann werden Begegnungen, unvorstellbare, durchaus nicht nur Hoffnungen oder Wünsche bleiben müssen.
Unser Leben ist keine graue Einbahnstraße mit tiefschwarzem Schlussstrich. Im Gegenteil. Dort, wo wir am Ende sind, kann Gott neu anfangen. Oder, wie J.Zink es ausdrückt: Dort, wo wir die dunkelste Stelle passieren, bricht das Licht auf. Unser Leben ist ein Gehen aus dem Dunkel ins Licht, aus dem Licht ins Dunkel und wieder und wieder von einem ins andere, und am Ende ein Gehen ins Licht. Dort, wo sich der Sinn des Ganzen offenbart, malt die Bibel Bilder aus Licht, aus Feuer, aus Kristall, aus durchsichtigem Gold. "Licht soll in der Finsternis sein. Ein heller Schein soll aufgehen, dass man merkt und sieht und versteht: Hier ist Gottes Herrlichkeit, Gottes Licht und Kraft am Werk" (2.Kor.4,6).

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