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22.3.2019

Kirchliches Leben in Amerika

von Pfr. Bill Downey

Wie sieht kirchliches Leben in U.S.-Amerika aus? Kann man es verstehen an Hand des Werbefeldzuges "Kraft Zum Leben", den Herr Pfarrer Poetter in der E-Mail Februar Ausgabe des Schlüssels beschrieb und kommentierte? Am Ende jenes Artikels sah Pfarrer Poetter die Notwendigkeit, mehr über kirchliches Leben in Amerika zu berichten. Da ich aus Amerika komme und in Amerika und Berlin als Pfarrer gearbeitet habe, gab er mir die Möglichkeit, diesen weiteren Bericht zu schreiben. Ich tue es gerne.

Ich fange mit der Beobachtung an: Man weiß viel über eine Person in Amerika, wenn man weiß, zu welcher Ortsgemeinde er oder sie gehört. Meine Tochter Rebecca, die seit fünf Jahren im tiefsten Süden Amerikas wohnt, berichtet, dass im Süden die erste Frage beim Kennenlernen, lautet: "Zu welcher Gemeinde gehören Sie?"

Dies ist wichtig, weil sich das Leben von vielen Amerikanern hauptsächlich in der Kirchengemeinde abspielt. Viel mehr evangelische Christen in Amerika gehen regelmäßig zum Gottesdienst als in Deutschland, circa 40 Prozent an einem Sonntag. Und in vielen Gemeinden geht man nicht nur in den Hauptgottesdienst Sonntag vormittags, sondern auch zu einer Bibelstunde vor oder nach dem Gottesdienst. In einigen Gemeinden, besonders in den Südstaaten, gibt es am Sonntagabend auch einen Gottesdienst und vielleicht eine Bibelstunde während der Woche. Die herkömmlichen Frauen und Männergruppen sind nicht mehr so aktiv wie in früheren Zeiten, aber die Gemeinden finden neue Wege, ihre Mitglieder zu aktivieren. Zum Beispiel haben in den letzten Jahren viele grössere Gemeinden ihre eigenen "Fitness Studios" gegründet, nicht als ein Dienst für die Stadt, sondern um ihre Mitglieder in der Gemeinde zu halten. Es gibt etwas Sektenhaftes am Gemeindeleben in Amerika!

Die Ortsgemeinde spielt zum Teil eine so wichtige Rolle im Leben U.S. amerikanischer Christen, weil sie der Ort der christlichen Sozialisation der Kinder ist. Mit wenigen Ausnahmen haben Kinder in Amerika keinen Religionsunterricht in den Schulen. Der Kindergottesdienst, dort Sonntagschule, "Sunday School", genannt, unterrichtet Kinder und Jugendliche in Religion. Darum bringen Eltern ihre Kinder in die Gemeinde, damit sie lernen, Christen zu sein. Die Sonntagschule hat ihre Stärken und ihre Schwächen. Einerseits wachsen die Kinder als ein Teil des Gemeindelebens auf. Gewöhnlich nehmen sie mit ihren Eltern vor oder nach dem Sontagschulunterricht am Gemeindegottesdienst teil. Da die Eltern meistens ihre Kinder mit einem Auto zur Sonntagschule bringen müssen und also zur Sonntagsschulzeit im Gemeindehaus sind, nehmen sie an einer Sonntagsschulgruppe für junge Erwachsene teil. Man gewöhnt sich daran, am Sonntagvormittag in den Gottesdienst zu gehen ,und diese Gewohnheit bleibt oft lebenslang. Da die Sonntagschullehrer und -lehrerinnen keine ausgebildeten Pädagog(inn )en sind sondern Laien, die ehrenamtlich unterrichten, ist der Dienst selbst ein Zeugnis für ihren christlichen Glauben. All dies ist positiv. Andereseits fehlen diesen Lehrer(inne)n, Laien, oft nicht nur pädagogische Fähigkeiten ,sondern auch bibliche und theologische Kenntnisse. Diese Menschen geben weiter, was sie gelernt haben, und oft ist es ein etwas kindlicher christlicher Glaube. Dies erklärt zum Teil die einfache christliche Kenntnis vieler Menschen in Amerika, die in ihrem Beruf und im Allgemeinwissen besser ausgebildet sind.

Es ist wichtig zu wissen, dass es in jedem Ort oder Stadtteil in U.S.-Amerika viele Kirchengemeinden gibt. Beim Verabreden eines Treffens in einem unbekannten Dorf in Amerika sagte eine deutsche Bekannte mir: "Wir treffen uns bei der Kirche." Meine Antwort war: "Geht nicht. Es gibt sicher drei oder vier Kirchen dort." In der Tat gab es sechs! Die Kirchengemeinden sind meistens klein, bei meiner eigenen Kiche, "the United Church of Christ," durchschnittlich 200 Mitglieder. Eine Kirche mit 1.000 Mitgliedern ist gross. Es gibt Ausnahmen, aber sie sind rar. Die Kirchen (in Amerika denominations genannt), die in Deutschland gross sind – lutherische, reformierte, unierte – , sind in Amerika kleiner, und die Kirchen, die hier klein sind, besonders die Methodisten und Baptisten und Pfingstler, sind gross. Dreissig Million Amerikaner sind Baptisten, dreizehn Million Methodisten und zehn Million Pfingstler – und diese Gruppen zählen Kinder nicht als Mitglieder. Das erhöht die Zahlen um ein Viertel. Es gibt sieben Million getaufte Lutheraner , vier Million getaufte Reformierte and zwei Million getaufte unierte Christen.

In Amerika gehören der Sozialstatus und die entsprechende Gemeindeangehörigkeit eng zusammen. In jedem Ortsteil haben ein paar Gemeinden den Ruf , die Gemeinden der "right people" zu sein, d.h. zu ihnen gehören die Leute mit dem höchsten Sozialstatus. Meistens handelt es sich dabei um eine episcopalistische Gemeinde (der amerikanische Zweig der "Church of England"). Die anderen "right people"- Gemeinden sind verschieden je nach der Region: in den Südstaaten sind es Methodisten; in Neu England die United Church of Christ; im Mittelwesten die Lutherische Kiche; in Neubaugebieten in Kalifornien sind es sogar Pfingstler. Obwohl es reiche Baptisten gibt – z.B. die Kraft-Familie (Käse), die Rockefeller-Familie (Esso) – sind die baptistischen Gemeinden oft die Gemeinden der Arbeiterklasse. Es ist wichtig zu betonen, dass – anders als in Europa – die Arbeiterklasse in Amerika nicht von der Kirche entfremdet und verfeindet ist, sondern ihre eigenen Gemeinden gegründet hat. Eine faszinierende Beobachtung, die sowohl Theologen als auch Soziologen gemacht haben, ist die Tendenz der Arbeiterklasse, eine neue Gemeinde zu gründen, wenn ihre bisherige sozial aufgestiegen und bürgerlich geworden ist. Fast alle meine Verwandten in Amerika waren Baptisten in ihr Kindheit und Jugend, fast alle sind jetzt Episcopalistisch. Meine Familie ist sozial gestiegen!

Noch eine letze Bemerkung über die Reklameschilder, die diese zwei Artikel hervorgerufen haben. Mit einer Ausnahme sind alle Menschen, die dort für den christlichen Glauben geworben haben, Sportlerinnen. Ich denke, dass viel mehr als in Deutschland, Sportlerinnen in Amerika die Volkshelden sind. Menchen in Amerika sind häufig mehr an Sport interessiert als an Politik. Meine Tochter schickte uns einmal ein witziges Quiz: "Wie kann man wissen, dass man ein echter Südstaatler ist?" Eine Antwort lautet: "Man ist ein echter Südstaatler, wenn die Zeitung acht Seiten Sport enthält , Welt- und nationale Nachrichten aber nur auf einer Seite erscheinen." Leider sieht es fast überall in den Lokalzeitungen Amerikas genauso aus. Wenn ein Sportler sagt, "Ich bin Christ," macht das Eindruck in Amerika.

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