Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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14.12.2019

Kraft zum Kleben
Teurer Werbefeldzug für ein Evangelisten-Buch in Deutschland

von Lutz Poetter

Was haben drei Sportskanonen, ein Schlagersänger und ein Preußenprinz gemeinsam? Sie kleben zur Zeit alle miteinander unübersehbar auf großen Plakatwänden. Sie gelten als prominent, und sie werben für ein blaues Buch eines amerikanischen Predigers.

"Kraft zum Leben" – so der Titel – will Menschen den Weg zur Bekehrung, zum bewussten christlichen Glauben an Jesus Christus in vier einfachen Schritten aufzeigen. Bei Millionen Lesern soll das schon gewirkt haben – "eine einfache Botschaft in einer komplexen Welt soll nun auch in Deutschland bei vielen Menschen eine persönliche Beziehung zu Gott starten." Das Buch gibt es kostenlos, man braucht bloß eine Telefonnummer zu wählen oder eine Postkarte abzuschicken, dann kommt das Buch – irgendwann nach ein paar Wochen. Finanzielle Interessen sollen nicht hinter dieser Kampagne stecken. Keine Spenden diesmal, vielmehr lässt sich die Arthur S. De Moss Foundation in Florida die Sache geschätzte 5 Millionen Euro kosten.

Very important persons

Wer blickt uns da von großformatigen Werbeplakaten Aufmerksamkeit heischend an? Die prominenten Köpfe gehören VIPs – very important persons, mehr oder weniger.
Haupteinsatzort des weltweiten Werbefeldzuges ist in diesem Jahr Deutschland. Bernhard Langer ist Deutschlands bekanntester Golf-Profi und bekennt werbewirksam: "Die Botschaft in diesem Gratis-Buch hat mir den inneren Frieden und Lebensfreude geschenkt. Ihnen kann es genauso gehen." Dass das Buch gratis war, dürfte für den preisgekrönten Spitzengolfer allerdings nebensächlich sein – das ein oder andere Buch sollte er sich leisten können...

Paulo Sergio ist Fußballstar und wurde 1969 in Brasilien geboren. Zur Zeit verdient der brasilianische Nationalspieler sein Geld im Sturm des FC Bayern München, den er als torgefährlicher Ballkünstler mit zur Weltspitze führte. Er siegt mit Gott – und endlich verstehen wir, weshalb der Stürmer sich nach jedem geschossenen Tor kniefällig bekreuzigt, hielten wir es doch bisher bloß für eine südamerikanische Marotte des Multimillionärs.

Bei der Geburt des Fußballers stand der Schlagersänger Cliff Richard schon seit einem guten Jahrzehnt auf der Bühne. Der 1940 in Indien geborene Brite war seit den späten 50er Jahren der Inbegriff des anständigen Soft-rockers ohne Affären und Skandale, der sich immer zu seinem christlichen Glauben bekannte. Wem die Beatles zu verhascht und die Rolling Stones zu provokant waren, der begeisterte sich für den adretten Richard und seine weichgespülten Rocksongs. Die Queen erhob Sir Cliff in der Adelstand. Mit "Wanted" hat der alternde Rockstar gerade sein – hoffentlich – letztes Album präsentiert, auf dem er große Rockballaden berühmter Kollegen nachsingt – leider mit der ihm eigenen dünnen Stimme. Seine Fans werden es ihm nicht übel nehmen. Auch der Kritiker des Musikmagazins Bloom urteilt nachsichtig: "Er muss sich ja auf seine alten Tage auch noch seinen Lebensunterhalt sichern." Der Rockoldie wird etwas Promotion deshalb gut gebrauchen können.

Brita Baldus ist Kunstspringerin. Sie springt ganz allein, also ohne Pferd, aber nicht über den Ochser, sondern vom Turm ins Wasserbecken. Dabei hat sie es wohl zu einiger Kunstfertigkeit gebracht.

Philip ist Prinz von Preußen und offensichtlich etwas weniger bekannt als Welfenprinz Ernst August. Der schlagkräftige Gemahl der Caroline von Monaco erfreut sich überall reger Anteilnahme wissbegieriger Journalisten, doch keiner weiß so richtig, wie und womit Philip sich eigentlich durchschlägt. Vielleicht reicht es ja auch, einfach Prinz zu sein – und Kaiser Wilhelm II. als Ururgroßvater zu haben.

Bei soviel werbender Prominenz fragt man sich: Was steht denn nun Lebenskräftiges drin im blauen Gratis-Buch?

Kraft im Buch?

Das Buch will den Leser zum christlichen Glauben einladen – in einer konservativ-evangelikalen Ausprägung. Es geht um den persönlichen Glauben, die persönliche Beziehung zu Gott. In mehreren Kapiteln werden in Form einer Anleitung zum Glauben vier geistliche Gesetze entfaltet – in der Sprache fundamentalistischer Frömmigkeit: 1. Gott liebt dich. 2. Der Mensch ist ein Sünder. 3. Christus rettet den Menschen. 4. Jeder muss Christus persönlich annehmen. So einfach geht das mit der Bekehrung. Danach ist noch geistliche Nahrung nötig: In zwei Kapiteln finden sich Anregungen zum Bibellesen. Das war's. Nichts wirklich Neues. Kommt einem alles bekannt vor. Althergebrachter Evangelistenstil. Verdutzt fragt sich der Leser: Wofür soviel Aufwand?

Business as usual

Tatsächlich schrieb der christliche Prediger James William Buckingham "Kraft zum Leben" bereits vor 20 Jahren. Ein 1985 dem Magazin "Reader's Digest" beigelegter Auszug soll Zehntausende zum christlichen Glauben bekehrt haben.

Das Ganze ist sicherlich noch viel älter. Ich erinnere mich an meine Jugend: Der amerikanische Evangelist Billy Graham – "das Maschinengewehr Gottes" – füllte die Hallen und Säle im Wirtschaftswunderland und rief donnernd zur Entscheidung für Christus. Glühende Glaubenszeugnisse, Massenbekehrungen, sogar Krankenheilungen standen auf der Tagesordnung. Nach etlichen Salven reiste Mr. Graham wieder ab – er hatte sein Magazin wohl leergeschossen.

Ende der 6oer Jahre schwappte die Jesus-Bewegung aus den USA nach Deutschland. Einige Studenten aus Georgia tauchten an meiner Schule auf und wollten uns missionieren. Sie sangen "Amen" und verteilten Zigaretten der Marke "LORD". Und mit vielfachem "Praise the Lord" predigten sie auf dem Schulhof von den "Four Spiritual Laws": 1. God loves you. 2. Man is a sinner.... Sie verteilten auch kleine Traktate in englischer Sprache an die Schüler. Da war von einem Kreuzzug berichtet: Campus Crusade for Christ. Außerdem warnten sie uns vor den Gottesfeinden, den Kommunisten hinter dem Eisernen Vorhang. Wir kriegten allerdings schnell raus, dass sie gar keine Kommunisten kannten, unsere begeisterten, kurzgeschorenen Ami-Missionare.

Die Stiftung des konservativen Versicherungsmaklers

Wer steckt nun hinter der neuerlichen Verbreitung von Buckinghams blauer Lebenskraft? Was bezweckt die Arthur S. DeMoss Foundation mit dem Einsatz ihrer Stiftungsmillionen? Gründer Arthur hatte mit seinem Versicherungskonzern ein Vermögen von 500 Millionen Dollar verdient und in eine Stiftung eingebracht, um christliche Werte praktisch und theoretisch auszubreiten. Seit seinem Tod 1979 führten seine Ehefrau und zahlreiche Kinder die Stiftung fort – ganz im Sinne des politisch erzkonservativen und theologisch evangelikalen Gründervaters. Freunde hat und unterstützt die Stiftung deshalb im rechten Spektrum der Law and Order – Politiker und Verfechter der Verbalinspiration: Jedes Wort der Bibel ist von Gott diktiert.

Erklärte Gegner sind die Anhänger von Darwins Evolutionstheorie – der paradiesische Adam darf unmöglich die gleichen Vorfahren haben wie unsere Schimpansen. Aber auch gegenüber der Abtreibung, vorehelichem Sex, Homosexualität und Nacktbildern gibt es in der DeMoss Foundation kein Pardon.

Der blaue Flop

Wie kommt das alles bei uns an im nüchternen Deutschland? Ich habe da so meine Vermutung: Trotz der aufwändigen Werbestrategie und der nachträglichen Unterstützung hiesiger evangelikaler Kreise wird das blaue Buch bei uns ein Flop werden. Viele werden es bestellen und dann auch interessiert reinschauen. Aber dann werden sie es enttäuscht wieder weg legen, denn es hält nicht, was es verspricht. Entgegen den Beteuerungen der prominenten Zeitgenossen hat das Buch mit dem wirklichen Leben und den Herausforderungen des Christseins in unserer Zeit wenig zu tun. Schade um das viele Geld und die Kraft, die für dieses Projekt vertan wird.

God's own country?

Mit einer Mischung aus Verwunderung und Unverständnis schaue ich – sicherlich nicht allein – auf manches, was aus den USA kommt. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist auch ein Paradies für alle möglichen Glaubensgemeinschaften, Sekten, Kulte, religiös getarnte Großunternehmen beim spirituellen und finanziellen Abzocken. Das beeinflusst auch stark die Existenz der christlichen Kirchen und Gemeinden. Anscheinend kann man in den Vereinigten Staaten so ziemlich alles behaupten und vermarkten, was irgendwann irgendwo von irgendwem mal als Heilsweg offenbart wurde. Es kann sich dabei um den dümmsten, nutzlosesten und gefährlichsten Schwachsinn handeln – es funktioniert leider.

Keine Sekte, die sich in God's own country nicht gründen ließe – wenn es sie nicht schon längst gäbe...Welche Gottheit auch immer – und sei es selbst das liebe Geld – kann Mittelpunkt eines Kultes werden, man muss sie nur laut genug predigen. Fanatiker, Scharlatane und Seelenfänger aus aller Welt finden in den USA ihre Anhänger und starten von hier aus weltweite Glaubenskampagnen. Und selbst der armseligste Guru kriegt so noch seinen Rolls Royce zusammen. Die Freiheit dieses großen und reichen Landes produziert anscheinend einen Drang zur geistigen Selbstverstümmelung ihrer Nutznießer.

Wie das nun wiederum möglich ist und warum und wie der religiöse Fanatismus funktioniert ist ein eigenes Thema für den nächsten SCHLÜSSEL. Amerika ist ein faszinierender Kontinent. Ich mag Kalifornien. Aber ich bin froh, Pfarrer der Evangelischen Kirche im vernünftigen Deutschland zu sein. Zu vernünftig für solche blauen Bücher.

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