ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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20.7.2019

Den Vorhang zu!
Einblicke in den Religionsunterricht

von Dirk Kroll

Zeichnung von Dirk Kroll

"Langsam fuhren die Vorhänge im Physiksaal herunter und der Raum verdunkelte sich. Nebelschwaden durchzogen die Luft und Pontius Pilatus stand als düstere Gestalt inmitten des Raumes den nur noch einzelne Kerzen erhellten, um Gericht über Jesus aus Nazareth zu halten. Petrus beobachtet mit all seiner Angst und spürt wie ihm förmlich die Luft zum Atmen geraubt wird. Wie gerne würde er seine Stimme erheben, doch nicht ein Laut kommt über seine Lippen und das Urteil zerreißt ihm sein Herz.
Wenig später am Berg Golgatha vor den Toren Jerusalems, die Situation spitzt sich zu. Nur noch einer der Jünger, der Jesus bis zu diesem Ort gefolgt ist. Das Klopfen des Hammers durchbricht die Stille, Stöhnen und Geschrei vermischen sich, das Licht schwindet, Blitze durchzucken den Raum und der Donner grollt. Erkennbar nur die Umrisse des Kreuzes, hörbar eindringliche Worte und dann ein letzter, das Mark erschütternder Schrei.
Absolute Dunkelheit, das Ende aller Hoffnung, es ist still und die Zeit scheint stehengelieben zu sein. Und dann doch ein erster Lichtstrahl der durch die lautlos hochfahrenden Vorhänge die Dunkelheit und die Nebelschwaden durchbricht, Musik und Worte der Hoffnung..."

Dieser ist ein kleine Ausschnitt aus einer meiner Religionsstunden, in denen ich in verschiedenen Rollen den Leidensweg Jesu nachzeichnete, ohne ihn selbst darzustellen. Zum einen diente es dazu über den Tod und die Auferstehung Jesu ins Gespräch zu kommen und zum anderen war diese Vorführung im Physiksaal dazu geeignet die Entstehungsgeschichte der Evangelien zu beleuchten, da alle SchülerInnen das von ihnen Gesehene aufschrieben und sich gegenseitig vorstellten.

Fast vier Jahre war ich so im Lande Brandenburg als Religionslehrer tätig. Gleich nach meinem 1. Theologischen Examen wurde ich an mehrere Schulen geschickt, um dort den Religionsunterricht von Grund auf wieder neu aufzubauen. Es war eine sehr schöne Zeit, in der ich von den zahlreichen SchülerInnen, die nach meinen Werbungen in den Klassen und auf den Elternabenden freiwillig zum Unterricht erschienen, viel lernen konnte. Besonders der Umgang mit kirchendistanzierten Menschen kam mir dabei in den Blick. Denn die meisten SchülerInnen kannten Geschichten, die Menschen mit Gott erlebten, wie die von Abraham und Sarah nicht, hatten noch nie eine Bibel in der Hand gehalten und auch mit Jesus Christus konnten sie nur wenig anfangen. Und bei den Eltern sah es nicht viel anders aus.

Nach einem halben Jahr musste ich die erste Schule schon wieder abgeben, nach einem Jahr die zweite, weil ich die vielen SchülerInnen nicht mehr alleine unterrichten konnte, doch an meine Stelle als Lehrer rückten andere nach.
Die SchülerInnen erfuhren im Religionsunterricht etwas über fremde Kulturen und Religionen und hatten vor allem auch die Möglichkeit durch biblische Geschichten über persönliche Dinge ins Gespräch zu kommen. So ging es im Religionsunterricht im Wesentlichen um das Leben und die Frage, worin der Sinn des Lebens liegt.

Dies mit all seiner Vielschichtigkeit ins Gespräch zu bringen war für mich die Aufgabe des Religionsunterrichtes, der auf Grundlage von vertret- und nachvollziehbaren Standpunkten von mir gehalten wurde. Diese Standpunkte gründen sich auf das biblische Zeugnis, die Bekenntnisse der Kirche und meine eigenen Versuche, dies in meinem Leben umzusetzen. So waren die am häufigsten gestellten Fragen der SchülerInnen: "Glaubst du das?" und "Wie siehst du das, wie gehst du damit in deinem Leben um, was meinst du dazu?"

Damit war die Möglichkeit gegeben nicht nur über Lehrinhalte, sondern auch über Lebensinhalte ins Gespräch zu kommen. Gut war in diesem Zusammenhang, dass es keine Noten gab, und die Teilnahme am Religionsunterricht freiwillig war, zumindest bei den SchülerInnen ab 14 Jahren, bei den Jüngeren bestimmten dies noch die Eltern. So war jede und jeder, der zum Religionsunterricht kam für mich ein Grund zur Freude und es war schön mitzuerleben, dass es immer mehr wurden, weil die SchülerInnen anfingen für den Unterricht zu werben. Am Ende meiner Tätigkeit hatte ich so vier Nachfolger, die für mich den Dienst übernahmen, so dass ich ohne schlechtes Gewissen nach vier Jahren Wartezeit ins Vikariat nach Steglitz wechseln konnte.

Für das Gemeindeleben würde ich mir auch wünschen, dass junge Theologen dorthin geschickt werden, wo es zwar kein Sollstellenplan zulassen würde, aber wo Kirche wieder neu aufgebaut werden könnte, wenn von Menschen für Menschen erzählt wird, welch "Frohe Botschaft" wir zu verkündigen haben.