ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Januar 2002

23.7.2019

Zur Jahreslosung für 2002

von Lutz Poetter

Liebe Gemeinde,

Schneeflocke

Ich laufe im Schnee, über den Schnee, über Schneeflocken. Erstarrte Wassertropfen unter meinen Füßen. Ich spüre ihre Abwehr, ihre Kraft durch dicke Schuhsohlen hindurch. Aber sie kommen gegen mein Körpergewicht nicht an. Sie rücken zusammen, verdichten sich zu einer festen Masse, erstarken und leisten mir erbitterten Widerstand. Ich gehe in die Knie, greife in den Schnee und nehme eine Schneeflocke zwischen die Finger. Ich glaube, dass es eine Flocke ist.
 
Sollte Gott auch die Schneeflocken gezählt haben, wie die Haare auf meinem Kopf? Unglaublich. Aber unmöglich ist es nicht. Man muss Gott bewundern, dass ihm dies wichtig ist.

Pfr. Abba Schah Mohammedi

pünktlich zum neuen Jahr begegnet uns die Jahreslosung – ein biblischer Leitspruch, ein christliches Lebensmotto für die nächsten 12 Monate. Und sicherlich wird uns dieser Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja öfter ins Auge springen. Dafür sorgen schon die Grafikdesigner der christlichen Verlage: Die Jahreslosung auf Kalendern und Wandbehängen gedruckt, auf Postkarten zum Verschenken und Hochglanzplakaten für den Schaukasten mit idyllischen Naturfotografien und den unvermeidlichen Sonnenuntergängen... Um die Spannung zu erhöhen könnte die Jahreslosung diesmal aktuell über den rauchenden Trümmern des zerstörten World Trade Centers erscheinen. Natürlich wird die Jahreslosung auch 2002 wieder in der Petruskirche hängen – am angestammten Platz hinter dem Altar unter dem Kreuz.

Trotz dieser unübersehbaren Präsentation hat es die Jahreslosung schwer, wirklich in unser Bewusstsein vorzudringen. Sie erweckt den Anschein frommer Richtigkeit und zeitloser Gültigkeit. Sie schwimmt vermeintlich bloß träge mit im breiten Fluss kirchlicher Verkündigung: "Gott" ist gut für alle Fälle und "vertrauen" kann auch nicht schaden, man weiß ja nie, was das Jahr so bringt. Ein Spruch aus meiner Kindheit fällt mir ein: "Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie." Kann man vorwärts und rückwärts lesen – stimmt immer. Nur heute müsste es "Schwarzer" heißen...Oder Erbauliches aus dem Poesiealbum: "Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht, Gott ist dein Begleiter, er verlässt dich nicht!"

Warum bloß wurde der Prophet Jesaja so gehasst und verfolgt? Und zwar sowohl vom König wie von den Priestern? Nur mit harmlosen Sätzchen und netten Selbstverständlichkeiten bringt man seine Obrigkeit ja nicht in Rage.

Jesaja macht prophetische Opposition im Namen Gottes. Er schreit, mahnt und warnt vor der Katastrophe, die unabwendbar vor seinen hellsichtigen Augen aufscheint. Die nördliche Großmacht Assyrien bedroht Israel, erst soll das Nordreich und dann auch das Südreich Assurs Beute werden. Der Skandal ist, dass Jesaja Gott selbst am Werk sieht: Das Volk Gottes wird durch Jahwe selbst zornig gerichtet, der äußere Feind Assyrien ist nur der ausführende Arm dieses göttlichen Strafgerichts. Dies hat Israel selbst heraufbeschworen durch Ungehorsam und Ungerechtigkeit. Gott selbst bestraft sein Volk – so lautet die Botschaft des Propheten. Können wir uns vorstellen, dass seine Zeitgenossen wütend auf ihn waren? Dass sie ihn für einen gefährlichen Spinner und notorischen Schwarzmaler hielten, ihn lieber tot – zumindest mundtot – machen wollten?

Jesaja behielt allerdings recht: Das angekündigte Strafgericht Gottes nahte fürchterlich in Gestalt des assyrischen Heeres. Das Unheil brach mit voller Wucht über sein Volk herein. Jetzt war das Wehklagen groß: Wie konnte Gott das nur zulassen? Wo ist er gewesen, der Hüter Israels, als die Not für sein Volk groß war?

Aber anstatt nun mit der Menge ein Klagelied zu singen oder wenigstens taktvoll den Mund zu halten, erhebJesaja abermals die Stimme. Gegen auch bricht, Gott ist dein Begleiter, er verlässt dich nicht!"

Warum bloß wurde der Prophet Jesaja so gehasst und verfolgt? Und zwar sowohl vom König wie von den Priestern? Nur mit harmlosen Sätzchen und netten Selbstverständlichkeiten bringt man seine Obrigkeit ja nicht in Rage.

Jesaja macht prophetische Opposition im Namen Gottes. Er schreit, mahnt und warnt vor der Katastrophe, die unabwendbar vor seinen hellsichtigen Augen aufscheint. Die nördliche Großmacht Assyrien bedroht Israel, erst soll das Nordreich und dann auch das Südreich Assurs Beute werden. Der Skandal ist, dass Jesaja Gott selbst am Werk sieht: Das Volk Gottes wird durch Jahwe selbst zornig gerichtet, der äußere Feind Assyrien ist nur der ausführende Arm dieses göttlichen Strafgerichts. Dies hat Israel selbst heraufbeschworen durch Ungehorsam und Ungerechtigkeit. Gott selbst bestraft sein Volk – so lautet die Botschaft des Propheten. Können wir uns vorstellen, dass seine Zeitgenossen wütend auf ihn waren? Dass sie ihn für einen gefährlichen Spinner und notorischen Schwarzmaler hielten, ihn lieber tot – zumindest mundtot – machen wollten?

Jesaja behielt allerdings recht: Das angekündigte Strafgericht Gottes nahte fürchterlich in Gestalt des assyrischen Heeres. Das Unheil brach mit voller Wucht über sein Volk herein. Jetzt war das Wehklagen groß: Wie konnte Gott das nur zulassen? Wo ist er gewesen, der Hüter Israels, als die Not für sein Volk groß war?

Aber anstatt nun mit der Menge ein Klagelied zu singen oder wenigstens taktvoll den Mund zu halten, erhebJesaja abermals die Stimme. Gegen allen Anschein spricht er vom künftigen Heil, dem kommenden Friedensreich, der nahenden Erlösung für den heiligen Rest, dem künftigen Sohn auf dem Thron Davids... Und wieder macht sich der Prophet unbeliebt. Kennt er die Zeiten nicht, will er denn nicht wahrhaben, was die Stunde geschlagen hat?

Jesaja spricht vom Unheil, von Zorn Gottes, als alle sich wohl und sicher fühlen. Als dann alle am Boden sind, träumt er vom nahenden Heil. Als alles Volk sich von Gott verraten und verlassen fühlt, singt er Loblieder: "Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen!"

Von diesem unbequemen Prophetenwort sollen wir uns ein Jahr lang begleiten lassen. Es sperrt sich offensichtlich gegen unser religiöses Bedürfnis. Geht es uns gut, dann glauben wir gerne an Gott. Solange wir alles haben, preisen wir gerne seine große Güte. Fehlt aber etwas und wir leiden Not, dann neigen wir prompt zum Atheismus: Wenn es einen Gott gäbe, dann würde er das doch gar nicht zulassen. Schon unser Reformator Martin Luther kannte diesen simplen Glaubensmechanismus: "Wer Geld und Gut hat, der dünkt sich in Sicherheit und ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und umgekehrt, wer keins hat, der zweifelt und zagt, als wisse er von keinem Gott. Man wird ja ganz wenige Leute finden, die guten Muts sind und weder trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; das klebt und hängt der Natur an bis ins Grab."

Von Jesaja können wir glauben lernen: Gott bedingungslos ernst zu nehmen. Ernster sogar als unseren religiös verbrämten Egoismus. Ich fürchte allerdings, dass die kommenden 12 Monate dafür nicht reichen werden.

Lutz Poetter