Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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21.11.2019

Das Glaubensbekenntnis – aktuell oder altmodisch?

von E-Mail

Ich glaube an Gott.
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
 
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durche den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
 
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
 
Amen.

Das Glaubensbekenntnis ist bis heute fester Bestandteil unserer Liturgie, aber zugleich auch ein ganz altes Stück Traditionsgut. Wie bei allen alten Traditionen stellt man sich ab und zu die Frage, ob sie eigentlich noch einen Sinn haben oder aus reiner Pietät mitgeschleift werden. Mit dem Sprechen des Glaubensbekenntnises ist es also so ähnlich wie mit dem Gottesdienstbesuch zu Heilig Abend oder wenn man seine Kinder taufen und konfirmieren lässt, auch wenn man sonst mit der Kirche eigentlich nichts am Hut hat. Zeigt sich darin so etwas wie ein Minimalkonsens, die Bestätigung, dass es einem ja eben doch noch etwas bedeutet? Oder macht man die Sache nur aus Konformität mit, sozusagen dem Gruppendruck folgend? Oder sieht man es als ein Stück Tradition, das man eben deshalb pflegt, weil es Tradition ist, ohne von ihm tieferen Sinn zu erwarten?
Beim Glaubensbekenntnis stellt sich diese Frage mit besonderer Brisanz, weil es eine Reihe von Aussagen vereinigt, bei denen es dem modernen Christen, dem evangelischen zumal, in der Regel nicht unbedingt möglich ist, sie spontan, freudig und rückhaltlos zu bejahen. Manches mutet dort verdammt katholisch an, auch wenn schon zu Luthers Zeiten bei der Übersetzung aus der "heiligen katholischen Kirche" eine "heilige christliche Kirche" wurde. Aber wie halten wir es eigentlich mit der Jungfrau Maria oder den Heiligen, an die wir irgendwie auch glauben sollen? Oder erinnern Formulierungen wie "er sitzt zur Rechten Gottes, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten" nicht sehr an einen naiven Kinderglauben an einen alten Mann mit Bart auf einer Wolke, an den wir heute eigentlich doch nicht mehr glauben wollen, jedenfalls nicht, wenn wir uns für theologisch korrekt gebildet halten?

Die Frage ist also: Kann man das glauben? Was kann man davon noch glauben? Wie kann man es glauben, so dass man es glauben kann?

Diesen Fragen möchte ich in den nächsten Ausgaben des "Schlüssel" nachgehen, wo ich den einzelnen Aussagen des Glaubensbekenntnises etwas auf den Zahn fühlen möchte. Dieses Verfahren ist nun ganz sicher altmodisch, von Theologen deshalb schon mehrfach als überholt zu Grabe getragen, aber komischerweise immer wieder neu entdeckt worden. Vielleicht ist so eine Betrachtung ja so etwas wie Grundlagenforschung der Theologie: Der unmittelbare praktische Nutzen ist strittig, trotzdem kommt man immer wieder darauf zurück, weil es eben um die Grundlagen geht, um das, worauf vieles andere ruht und worüber man sich immer versichern muss, für sich selbst und untereinander.

Bevor wir an die einzelnen Stücke gehen, muss es erstmal ums Ganze gehen. Worüber wollen wir eigentlich reden, wenn es um das Glaubensbekenntnis geht?
Zumeist sprechen wir von dem Glaubensbekenntnis, meinen aber genaugenommen ein ganz bestimmtes, nämlich das sogenannte Apostolische Glaubensbekenntnis. "Apostolisch" heißt es deswegen, weil man in der Antike und im Mittelalter davon ausging, dass der Text so bereits von den Aposteln formuliert worden sei. Dabei soll jeder der zwölf Apostel einen Absatz geliefert haben, weshalb man das Apostolische Glaubensbekenntnis im Mittelalter üblicherweise als "Die 12 Artikel" bezeichnete.

An der Herkunft von den Aposteln ließ man sich auch nicht dadurch irritieren, dass es sich bei diesem Bekenntniss – wie bereits die Spätantike und das Mittelalter wussten – um eine eigene Tradition der römischen Gemeinde handelt und etwa die gesamte Ostkirche von einem Apostolischen Glaubensbekenntnis nichts weiß. Man war sich ja schon lange sicher, dass gerade Rom eine ganz eigene – und natürlich engere – Beziehung zu Jesus und den 12 Aposteln gehabt hatte als der Rest der Welt und ging also davon aus, dass das authentische Wort der Apostel ausgerechnet hier bewahrt wurde, während es überall sonst in Vergessenheit geriet.

Wie man sich die Entstehung des Glaubensbekenntnises vorstellte, schildert Pirmin, bei dem das Apostolische Glaubensbekenntnis erstmals im Wortlaut belegt ist. Er schildert, wie die Apostel zu Pfingsten beisammen sind, der Heilige Geist auf sie herabkommt und sie dann der Reihe nach zu sprechen beginnen: "Petrus: Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Johannes: Und an Jesus Christus, seinen einzigen Sohn, unseren Herrn. Jakobus sagte: Dieser ist vom Heiligen Geist empfangen und von der Jungfrau Maria geboren worden. Andreas sagte: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Philippus sagte: Er ist hinabgestiegen in die Unterwelt. Thomas sagte: Am dritten Tag erstand er von den Toten. Bartholomäus sagte: Er ist zum Himmel aufgestiegen und setzte sich zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Matthäus sagte: Von dort wird er kommen, die Lebenden und Toten zu richten. Jakobus, der Sohn des Alfeus, sagte: Ich glaube an den Heiligen Geist. Simon der Zelot sagte: Und die heilige katholische Kirche. Judas, der Sohn des Jakobus sagte: an die Gemeinschaft des/der Heiligen und die Vergebung der Sünden. Ebenso sagte Thomas: An die Wiederauferstehung des Fleisches und das ewige Leben."

Da gibt es noch kleine Abweichungen von späteren kanonischen Text, etwa wenn Jesus am dritten Tage von den Toten aufersteht (surrexit), wo er später wieder aufersteht (resurrexit). Manche dieser kleinen Abweichung dürften allerdings von dem etwas holprigen Latein Pirmin´s herrühren. Wir sind im 8. Jahrhundert, und die Zeiten sind finster. Die Reihenfolge der Apostel folgt exakt der Reihenfolge in Kapitel 1, 13 der Apostelgeschichte. Nur der ungläubige Thomas, dem man oben schon geschickt Jesu Auferstehung von den Toten zugeschoben hat, muss am Schluss noch mal ran. Da man noch keinen Ersatz für den Verräter Judas gefunden hat, muss einer der Apostel sozusagen Doppelschicht schieben. Und wer könnte die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben besser bezeugen als er?

Interessant ist, dass dieser Wortlaut fast identisch ist mit dem ungefähr vierhundert Jahre älteren sogenannten altrömischen Bekenntniss (Romanum). Wenn wir also heute wissen, dass der Anspruch des Apostolischen Glaubensbekenntnises, von den Aposteln selbst herzustammen und somit eben auch das älteste Glaubensbekenntnis der Christenheit zu sein, historisch nicht haltbar ist, so ist es in seinen Wurzeln doch zumindest so alt, wie das andere wichtige Glaubensbekenntnis der Christenheit, nämlich das auf der Synode von Nicäa (325) formulierte und später auf der Synode von Konstantinopel (381) präzisierte Nicäum (modern auch Nicäo-Konstantinopolitanum genannt).

Wie wir schon daran sehen können, war die weitgehende Monopolstellung, die das Apostolische Glaubensbekenntnis heute in der evangelischen Kirche besitzt, durchaus nicht immer selbstverständlich. Bereits erwähnt wurden das vorausgehende altrömische Bekenntnis (Romanum) und das in der evangelischen Kirche gleichermaßen geltende, aber in der Liturgie weniger präsente Nicäum. Daneben spielte aber zum Beispiel auch das sogenannte athanasische Glaubensbekenntnis (Athanasianum) lange eine große Rolle, das znoch bei der Formulierung des Augsburger Bekenntnisses (confessio Augustana) im Hintergrund stand, auch dort, wo dieser Bezug nicht direkt erwähnt wird.

Man kann sich leicht wundern, wie in einer Kirche verschiedene Bekenntnisformeln in Geltung sein können. Wir sollten uns aber eigentlich genauso wundern, warum es überhaupt den Zwang zu einer einheitlichen Bekenntnissformel geben soll. Das früheste Christentum kannte sie noch nicht. So sehr schon bei Paulus die Freude am und die Aufforderung zum Bekenntniss erkennbar ist, so hatten die ersten Christen offenbar kaum das Bedürfnis, sich auf feststehende Formeln für dieses Bekenntnis zu einigen. Bestimmte Wendungen tauchen immer wieder auf. Sie wurden wohl auch im Gottesdienst immer wieder verwendet. Dabei steht zu Anfang das Bekenntnis zu Christus, dem Herrn, der von den Toten auferstanden ist, im Mittelpunkt. Alles andere ist zunächst noch Nebensache. Oder man kann auch sagen: War zunächst noch nicht strittig, denn das Bedürfnis nach festen Formeln entsteht da, wo es strittig wird, wo Abgrenzungen getroffen werden müssen zwischen denen, die dazu gehören, und denen, die es nicht tun. So sind es immer auch kirchenpolitische oder dogmatische Fragen, die die Kirche an den Rand des Schismas oder der Häresie drängen, die das Glaubensbekenntnis in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit drängen. In der Spätantike waren es die heftigen dogmatischen Streitigkeiten, die zur Formulierung gleich mehrere Glaubensbekenntnise führten. In der Reformationszeit entstanden neue Bekenntnissschriften wie das Augsburger Bekenntniss. Und auch dass das Apostolische Glaubensbekenntnis (Apostolikum) in den Evangelischen Kirchen heute eine so unumstrittene Monopolstellung behauptet, verdankt es letztendlich den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts. Luther hatte das Apostolische Glaubensbekenntnis immerhin als sogenanntes zweites Hauptstück in seinen Heidelberger Katechismus aufgenommen, und so schien es geeignet, als Minimalkonsens für die Einigung der Kirchen unter staatlicher Regie im 19. Jahrhundert zu dienen. Allerdings sahen das nicht alle Kirchen und Geistlichen so, so dass es des Glaubensbekenntnises wegen zum sogenannten Apostolikumsstreit kam. Auch wenn es uns heute vielelicht befremdlich vorkommt: Es gab damals Pfarrer, die ihres Amtes enthoben wurden, weil sie es aus Gewissensgründen ablehnten, das Apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Und natürlich gab es auch eine Gegenbewegung: Pfarrer und Kirchenmitglieder, die das Glaubensbekenntnis gegen diese hyperkritischen Pfarrer zu verteidigen suchten, indem sie ihm nun und jetzt erst recht einen prominenten Platz in der Liturgie zuwiesen. Erst zu dieser Zeit wurde es üblich, das Glaubensbekenntnis gemeinsam im Gottesdienst zu sprechen, zunächst als Akt des Protestes und Kirchenkampfes. Ironischerweise hätte also ohne seine Gegner das Apostolische Glaubensbekenntnis also vermutlich kaum die Stellung bekommen, die es heute hat.

Heute verbindet das Apostolische Glaubensbekenntnis Kirchen über konfessionelle Grenzen hinweg, evangelische Christen sprechen es ebenso wie katholische. Die aktuelle Textfassung wurde 1971 von einer ökumenischen Kommission verabschiedet. Damit bekommt das Apostolische Glaubensbekenntnis, dieser alte Zopf, im Dialog der Kirchen eine ganz neue, aktuelle Rolle, ist es doch als gemeinsames Bekenntniss verschiedener Kirchen ein Unterpfand der Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit, nicht nur in christlicher Liebe und Verbundenheit, nicht nur in der praktischen Arbeit, sondern auch im Bekenntniss und damit in einem Bereich, indem man sich ja häufig genug noch schwer tut. Es bietet uns eine Plattform an, auf der wir uns als eine Kirche fühlen dürfen, wenn wir es auch in anderen Bereichen (noch?) nicht können. Damit hat das Apostolische Glaubensbekenntnis zumindest schon mal einen Punkt in Aktualität gut gemacht.

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