Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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19.9.2019

Weimar
Eine Zeitreise in die Vergangenheit mit Badekur

von Dr. Werner Wagner

Am 01.11.2001 setzten sich 39 reiselustige Gemeindeglieder unter der Führung von Pfr. Dr. Neumann und dem Ehepaar Leitmeier nach Thüringen in Bewegung. In knapp vier Tagen sollten sie die geschichtsträchtigen Orte Auerstädt, Weimar, Tiefurt, Naumburg und Schloss Neuenstein bei Freyburg aufsuchen. Das Reisedomizil war die Bade- und Kurklinik im romantisch gelegenen Bad Sulza.

Der erste Berührungspunkt mit der Geschichte war das verschlafen wirkende Auerstädt, wo die Preußen gegen die Franzosen eine vernichtende Niederlage einstecken mussten. Im dortigen Museumshof, dem damaligen Hauptquartier der Preußen, zeugen viele authentische Zeitdokumente davon. In den umliegenden Stallungen befindet sich heute eine umfangreiche Sammlung alter Kutschen, landwirtschaftlicher Maschinen, Küchen- und Wohneinrichtungen und Gebrauchsgegenstände, die bis ins frühe 20.Jahrhundert Verwendung fanden. Einige ältere Teilnehmer erinnerten sich noch lebhaft an die Verwendung dieser Dinge. Leider verkam dieser Museumshof vor der Wende, sodass noch viel gebaut und renoviert werden muss, um die Spuren des Verfalls endgültig zu beseitigen.

Am nächsten Tag folgte der Besuch Weimars. Vorbei an den einstigen Wohn- und Wirkungsstätten von Goethe, Schiller, Herder und Wieland sahen sie das Deutsche Nationaltheater, die Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul und die Jakobskirche.

Weiterhin standen das Rote – und Grüne Schloss, das Bertuchhaus und das Krims-Krackow- Haus auf dem Plan. Munter ging es im Stadtzentrum zwischen den renovierten Baudenkmälern des Barock, der Renaissance und des Klassizismus hin und her. Im nahegelegenen Stadtpark mit Goethes Gartenhaus befindet man sich plötzlich im Grünen. Ein Spaziergang entlang der Ilm führte in die schöne Altstadt zurück. In den Cafes der Fußgängerzone konnte man die Eindrücke bei Französischem Kaffee verdauen. Anschließend fuhr man weiter ins nahegelegene Schlösschen Tiefurt, dem früheren Treffpunkt der feineren Gesellschaft Weimars. Über vieles wurde dort diskutiert oder noch nicht bühnenreife Theaterstücke aufgeführt. Glücklicherweise entging dies versteckte Anwesen der französischen Plünderung, sodass sich dort noch die gesamte Originaleinrichtung der Bauherrin Anna Amalia befindet. Man hat den Eindruck, dass Ihre Herzogliche Hoheit den Besucher sogleich begrüßen wird.

Samstags machten die Reisenden in Naumburg mit dem Besuch des Doms einen Abstecher in die Romanik und Gotik. Er entstand in der Zeit von 1170-1330 an der Stelle einer älteren Kirche. Der Dom beinhaltet viele Zeugnisse früher deutscher Bildhauerkunst, Laubwerkornamente, ein wunderbarer Relieffries zur Kreuzigung Christi und die Stifterfiguren. In ihren Gesichtern und Körpern spiegelt sich eine bis dahin im deutschen Kulturkreis unbekannte Ausdruckskraft wider. Naumburg selbst teilt sich in einen älteren Dombezirk und eine neuere Bürgerstadt.

Diese ist von vielen bunten Handels- und Handwerkshäusern geprägt. In der Mitte befindet sich neben dem Rathaus ein riesiger Marktplatz, von dem für damalige Verhältnisse breite Ausfallstraßen zu den einstigen Stadttoren führen. Von Naumburg aus ging es dann nach Schloss Neuenburg. Bereits von weitem sticht diese Festung der Landgrafen von Thüringen ins Auge. Am Ende eines Bergrückens gelegen war dieses strategisch wichtige Bauwerk so gebaut, dass es lange Zeit als uneinnehmbar galt. Heute sind leider nur die Kapelle und das Hauptgebäude zu besichtigen. Fast unglaublich ist, dass beim Bau der Kapelle Graphitsäulen aus Lothringen mit arabischen Stilelementen verwendet wurden.

Aus allen Führungen kann man zusammenfassen, dass in dem Landstrich der rege Handels- und Wissensaustausch den Nährboden für die Geistesfreiheit der dortigen Bevölkerung bereitete. Dieser Entwicklung konnte sich auch der ansässige Adel nicht entziehen, wollte er nicht im politische Abseits landen. Der Höhepunkt dieses Trends lag in der Regierungszeit von Herzogin Anna Amalia und der ihres Sohnes Herzog Karl August. Beide schafften in ihrem Herzogtum eine bis dato unbekannte Geistesfreiheit, die logischerweise eine hohe Anziehungskraft für Literaten und Poeten bildete, die der dumpfen, tyrannischen Regierungsweise heimatlicher Fürsten entfliehen wollten. Freiwillig kehrte keiner von ihnen mehr zurück.

Nach soviel Geschichte konnten sich die Reiseteilnehmer bei angenehm warmen Temperaturen in den Becken der Toskana Therme innen und außen entspannen. Wer seinem Kreislauf noch mehr Gutes tun wollte, wagte sich in die Sauna. Für das leibliche Wohl sorgten eine reichliche Verpflegung im Hotel und eine Abendliche Weinprobe in einem gepflegten Gasthof der Gegend. Für die geistige Erfrischung sorgte ein Kabarettbesuch, bei dem weibliche Soldaten ihre Probleme bei der Bundeswehr lösten. Gewiss gab es während des Aufenthalts auch mal die eine oder andere kleinere Schwierigkeit, wie sie wohl bei jeder Reise auftreten kann. Sie alle konnten aber immer behoben werden, so dass das ganze Unternehmen "Zeitreise" zu einer runden Sache gedieh. Man freut sich schon auf eine neue Fahrt im nächsten Jahr.

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