Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

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Dass ausgerechnet der Hirt zu einem Leitbild der christlichen Kultur geworden ist, ist eher überraschend. Hirten gibt es in allen bäuerlichen Gesellschaften, aber oft genießen sie einen Ruf, der sie nicht gerade zum Leitbild prädestiniert, denn das Bild des Hirten ist meist nicht das eines Menschen in der Gesellschaft, sondern das eines Menschen am Rande der Gesellschaft. Allein verbringt er seine Zeit mit der Herde in der Einsamkeit, man kann fast sagen: in der Wildnis, denn wo bebautes Land ist, ist nicht der Platz zum Weiden. Der Hirt muss seine Herde verteidigen, gegen wilde Tiere ebenso wie gegen Räuber. Deshalb ist er zugleich auch ein Kämpfer und bewaffnet.
Wir sehen schon: Ein Mann , der bewaffnet in der Wildnis haust – da ist der Weg zum Räuber und Wegelagerer nicht weit, und so hat die Kultur der Sesshaften und Ackerbauern den Hirten häufig gesehen. Die bekannte Geschichte von Kain und Abel erzählt nicht zuletzt auch die Geschichte vom uralten und häufig tödlichem Konflikt zwischen Bauer und Hirte, zwischen Sesshaftem und Nomaden.

Auch andere Kulturen kennen diesen Konflikt und haben ihn in ihrer Mythologie thematisiert. So kennt die ägyptische Mythologie das Brüderpaar Seth und Osiris. Osiris bewohnt das bebaubare Land, während Seth in der Wüste haust. Seth tötet Osiris, der so zum König der Unterwelt wird. Während Osiris immer glühender verehrt wurde und zu einem der ägyptischen Hauptgötter wurde, wurde Seth mehr und mehr zur Verkörperung des Bösen schlechthin.

Ganz anders bei Kain und Abel: Der Bauer Kain tötet den Hirten Abel. Der Hirt ist hier nicht der Täter, der Ruhe und Frieden der bäuerlichen Ordnung zerstört, sondern das Opfer. Diese Parteiname der Bibel für den Hirten, den Nomaden, den am Rande der Gesellschaft Lebenden erklärt sich historisch aus der Herkunft Israels. Sicher ist, dass unterschiedliche Gruppen das spätere Volk Israel bildeten. Es gibt verschiedene Theorien, was für Menschen dies waren, aber immer wieder tauchen dieselben Merkmale auf, die eben für den Hirten genannt wurden. Die Wurzeln des Volkes Israel waren Kleinviehnomaden und sozial Randständige. Da überrascht es dann nicht mehr ganz so, dass ausgerechnet der Hirt zum Leitbild dieser Kultur werden konnte und dabei eine grundlegende Umwertung erfuhr.
Wenn der Hirt in vielen bäuerlichen Gesellschaften eher eine zweifelhafte Randfigur ist, wird er in der jüdisch-christlichen Tradition zum Inbegriff sozialer Verantwortung.

Dies ergibt sich aus einer Änderung des Blickwinkels. Nicht mehr der Hirte im Verhältnis zur menschlichen Gesellschaft wird betrachtet, sondern der Hirt im Verhältnis zu seiner Herde, für die er lebt, arbeitet und sich aufopfert. Noch Jesus gebraucht dieses Bild gern und oft, so etwa Joh 10, 11: "Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben für die Schafe." Dabei kümmert sich der gute Hirte um jedes einzelne seiner Tiere. "Die Herde" ist hier eben nicht die homogene Masse. Deshalb kann man sie nur hegen und pflegen, wenn man sie nicht als Masse, als "großes Ganzes" betrachtet, sondern als Gruppe von einzelnen Tieren mit individuellen Bedürfnissen. Wo diese Hingabe an das Einzelne und den Einzelnen fehlt, geht das Ganze verloren.

Das zeigt sich am Gegenbild des schlechten Hirten, der die Herde nur als seinen Besitz und Vorteil betrachtet. Der Schilderung des guten Hirten geht die des schlechten Hirten bei Hesekiel unmittelbar voraus: "So spricht Gott, der Herr: Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch, nehmt die Wolle für eure Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide. Die schwachen Tiere stärkt ihr nicht, die kranken heilt ihr nicht, die verletzten verbindet ihr nicht, die verscheuchten holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht, und die starken mißhandelt ihr. Und weil sie keine Hirten hatten, zerstreuten sich meine Schafe und wurden eine Beute der wilden Tiere." (Hes. 34, 2-5)

Dabei verhält sich das Gute zum Schlechten wieder einmal wie das Tun zum Unterlassen. Nicht was sie tun, macht die schlechten Hirten schlecht – denn auch der gute Hirt bekommt von seiner Herde Milch, Wolle und Fleisch – sondern das was sie nicht tun. Sie haben nicht an die Herde, sondern nur an sich selbst gedacht, sie haben nicht getan, was sie hätten tun müssen, sie haben sich vor ihrer sozialen Verantwortung gedrückt.

"Bin ich meines Bruders Hüter?", fragt Kain.

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