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20.7.2019

Von der Abgründigkeit des menschlichen Herzens

von E-Mail

In seiner Ansprache im Gottesdienst, der von den großen Kirchen gemeinsam aus Erschütterung über die Terroranschläge der letzten Woche spontan veranstaltet wurde, sagte Bischof Huber: "Um Menschenleben klagen wir, mit Hinterbliebenen trauern wir, aber vor Gott bringen wir auch unsere Klage über die Abgründigkeit des menschlichen Herzens, das so Böses ersinnen kann."

Wir sind bestürzt, dass Menschen solches Grauen, den Tod Tausender Unschuldiger erdenken, planen und mit grausiger Entschlossenheit inszenieren können. Aber ebenso entsetzt uns, dass diese Menschen auch ihren eigenen Tod mit in die Rechnung eingesetzt haben. Je mehr Details über die Attentäter bekannt werden, desto deutlicher wird, dass diese Taten nicht von Psychopathen, verleiteten Jugendlichen begangen wurden oder von Menschen, die nicht mehr viel zu verlieren hatten. Diese Männer hatten eine Ausbildung, einen Beruf, Familie. Sie haben sich zumindestens monate-, vielleicht sogar jahrelang auf ihren Einsatz vorbereitet. Ihre Tat war kein Ausdruck von spontan aufflammendem Hass oder Verzweiflung. Sie lebten unter uns, angepasst, unauffällig. Aber in ihrem Inneren muss es etwas gegeben haben, das niemand sehen konnte: eine grausige Bereitschaft alles, ihr ganzes Leben, wegzuwerfen, um Tausende von Unschuldigen mit in den Tod zu reißen. Die Bilder aus New York, die grausigen Attentate sind schrecklich, aber noch tiefer erschreckend ist die Ahnung, dass hinter diesen Taten eine Geisteshaltung, eine Weltanschauung und – soweit es die Attentäter betrifft – eine persönliche Überzeugung steht, in der das menschliche Leben – das eigene wie das fremde – nicht als höchster Wert geschätzt und geschützt wird.

Daher ist dies tatsächlich ein Krieg der Kulturen. Nicht ein Krieg der christlichen gegen die muslimische, nicht der westlichen gegen die orientalische Kultur, sondern der Krieg einer Kultur des Tötens und der Gewalt gegen eine Kultur, die ich leider nicht als eine Kultur der Liebe und der Gewaltfreiheit bezeichnen kann, aber immerhin doch als eine Kultur der Offenheit, der Freiheit und der Menschenwürde.

Und doch – Krieg? Dieses Wort macht uns Angst. Angst vor dem, was jetzt kommen könnte, Angst vor neuer Gewalt, vor der Eskalation. Gerne wird die Geschichte zitiert. In Deutschland denkt man vor allem an Sarajevo 1914, als Deutschland mit seiner betonten Bündnistreue dabei half, den 1. Weltkrieg zu entfachen. In Amerika erinnert man sich eher an Pearl Harbour, das für die USA den aktiven Eintritt in den 2. Weltkrieg bedeutete.
Aber wiederholt sich Geschichte? Und wenn ja, welches Kapitel wird gerade gespielt? Auch die Geschichte der Friedfertigkeit hat ihre schwarzen Tage. Könnten vielleicht Millionen von Opfern des Nationalsozialismus, vielleicht sogar Millionen von Gefallenen noch leben, wenn Lord Chamberlain weniger Wert darauf gelegt hätte, durch einen Gewaltverzicht gegenüber Hitler als Friedensbringer für seine Zeit gefeiert zu werden?

Dies ist nicht Sarajevo 1914 oder Pearl Harbour 1941, aber auch nicht München 1938. Dies ist New York 2001. In zwanzig Jahren werden wir besser wissen, was wir hätten tun sollen. Aber handeln müssen wir jetzt. Ob wir tun oder lassen, es gibt keine Gewissheit, am Ende auf der richtigen Seite zu stehen. Es ist eine Illusion zu glauben, es gäbe diese "richtige Seite", auf die man sich nur zu stellen braucht, und dann ist alles gut und vor allem einfach.
Ist der, der dem Mörder nicht in den Arm fällt, nicht auch schuldig? Aber ist der, der den Mörder tötet, um weiteres Unheil zu verhindern, damit schon hinreichend entschuldigt?

Gewaltanwendung ist schlecht, immer und überall, aber gerade da, wo es nicht um das eigene Leben, die eigene Freiheit, die eigenen Rechte geht, sondern um die anderer Menschen, gerät der Ruf zum Gewaltverzicht in die Gefahr, den rein egoistischen Wunsch nach Selbstheiligung zu verdecken. Hauptsache nicht die eigenen Hände schmutzig machen!

Von dem ebenfalls egoistischen, aber auch sehr verständlichen Wunsch, selbst von Schaden verschont zu bleiben, will ich an dieser Stelle gar nicht erst reden.
Wie kann man also der Gewalt – oder sagen wir sogar ruhig einmal: dem Bösen – Einhalt gebieten, ohne ihm selbst zu verfallen?

Die Wahrheit kann jeder nur in der Tiefe seines eigenen Herzens erkennen. Nur wenn wir ehrlich mit uns selber sind, können wir der Versuchung widerstehen. Nur so können wir erkennen und hoffentlich auch verhindern, dass wir unseren Durst nach Rache "Gerechtigkeit" und unsere Feigheit "Pazifismus" nennen. Ehrlichkeit, Offenheit und Mut sind die Eigenschaften die uns in einer Situation wie dieser helfen können. Ehrlichkeit mit uns selbst, Offenheit für den anderen, ob er unsere Einstellung teilt oder nicht, und Mut, um durch unsere Entscheidung Verantwortung und vielleicht sogar Schuld auf uns zu nehmen. Wenn wir in diesem Geiste handeln, werden wir nicht so leicht dem Glauben verfallen, schon automatisch auf der richtigen Seite zu stehen. Kein ganz schlechter erster Schritt im Kampf gegen das Böse.

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