ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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21.9.2017

Am Ende

von E-Mail

"Ich bin am Ende!" Den Satz kennen wir alle, vielleicht haben wir ihn auch selbst schon gebraucht. Manchmal meint er nicht mehr als: "Ich bin völlig erschöpft." Aber in seiner dramatischsten Form geht seine Bedeutung tiefer. Auf die eine oder andere Weise sieht sich der Mensch dann Auge in Auge mit dem Ende, von dem wir zumeist verdrängen, dass es uns allen bevorsteht.

In dem Augenblick, in dem wir uns selbst eingestehen, am Ende zu sein, kommt es manchmal zu einer überraschenden Ver-änderung. Das Gesicht des Todes verändert sich, und statt einer grimmigen Fratze, vor der wir uns angstvoll abwenden wollen, erscheint uns ein einladendes Lächeln.

Dieser Augenblick kann zur angemessenen Zeit kommen; wie gesagt, steht uns allen irgendwann der Augenblick bevor, an dem wir den eigenen Tod als unser Schicksal akzeptieren müssen. Er kann aber auch zur Unzeit kommen, lange bevor es an der Zeit ist, uns vom Leben ab und dem Tod zuzuwenden. Und manchmal liegt beides sehr nahe beinander. Für viele alte oder schwer kranke Menschen ist die Erkenntniss, dass es nicht mehr bergauf, sondern bergab geht, dass die Krankheiten allenfalls schlimmer, aber nicht mehr besser werden, unerträglich, und der Wunsch, davon erlöst zu sein, kann sehr stark werden. Die Diskussion um Strebehilfe ist die laute, medienwirksame Äußerung dieser inneren Notlage. Die Statistiken, die uns darüber belehren, dass Depression, oft mit dem Selbstmord als letzter Konsequenz, gerade im höheren Lebensalter nicht selten ist, sprechen leiser, aber nicht weniger beredt.

Es ist eine einfache, aber auch psychologisch untermauerbare Erkenntnis, dass hinter fast jedem Selbstmord und Selbstmordversuch nicht eigentlich der Wunsch steht, nicht mehr zu leben, sondern der Wunsch so nicht mehr zu leben. Daraus ergibt sich, dass unser Ehrgeiz darauf gerichtet sein muss, Menschen aus dieser Notlage zu befreien, in dem wir ihnen helfen, ihr Leben wieder als sinnvoll und lebenswert zu empfinden. Der Ruf nach Sterbehilfe, die klaglose Akzeptanz des Selbstmords, ist insofern eine Kapitulation vor einer wichtigen Aufgabe, die uns als Gesellschaft wie als Einzelnen gegeben ist: Allen Menschen, auch Alten und Kranken, ein Leben zu ermöglichen, dass wir bis zum Schluss genießen können, das uns aber zugleich mit der Tatsache des Todes versöhnt. Diese Aufgabe ist nicht leicht, aber wir sollten sie uns auch nicht leicht machen.

Zugleich müssen wir allerdings akzeptieren, dass es immer Menschen geben wird, denen wir mit allen unseren Bemühungen Lebenssinn und -freude nicht zurückgeben können. Bietet Selbstmord oder Sterbehilfe hier eine Lösung? Traditionell haben die christlichen Kirchen den Selbstmord verurteilt, aber haben sie ein Recht dazu? Haben wir ein Recht darauf, Menschen, denen wir mit unseren Mitteln nicht mehr helfen können, das Leben aufzwingen?

Die Fähigkeit, über das eigene Leben weitestgehend selbst zu bestimmen, bis hin zu der Möglichkeit, das eigene Leben zu beenden, ist dem Menschen eigentümlich. Diese Fähigkeit kommt ihm von Natur aus zu und ihm kann daher das Recht dazu nicht ohne weiteres abgesprochen werden.

Die christliche Ablehnung des Selbstmordes resultiert im wesentlichen aus der Anschauung, dass der Mensch sein Leben weder sich selbst verdankt – und daher auch nicht das Recht hat, es wegzuwerfen – noch die nötige Weisheit und Einsicht hat, selbst über die Sinnlosigkeit oder den Sinngehalt seines Lebens zu befinden.

Trotzdem kann man daraus schlecht ein Verbot des Selbstmordes ableiten, und Bonhoeffer hat sehr richtig beobachtet, dass es ein explizites Verbot des Selbstmordes in der Bibel nicht gibt. Es wäre auch kaum sinnvoll, denn wie Bonhoeffer in seiner "Ethik" schreibt: "Der am Rande des Selbstmordes Stehende hört kein Verbot oder Gebot mehr, er hört nur noch den gnädigen Ruf Gottes zum Glauben, zur Errettung, zur Umkehr. Den Verzweifelten rettet kein Gesetz, das an seine Kraft appelliert, es treibt ihn nur noch hoffnungsloser in Verzweiflung; dem am Leben Verzweifelnden hilft nur die rettende Tat eines anderen, das Angebot eines neuen Lebens, das nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gottes Gnade gelebt wird. Wer nicht mehr leben kann, dem hilft auch der Befehl, dass er leben soll, nicht weiter, sondern allein ein neuer Geist."

Es ist dieses "nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gnade Gottes", das den Knoten durchschlägt, das einen Weg öffnen kann, wo keiner mehr zu sein scheint. Wer von sich sagt "Ich bin am Ende!" zweifelt und verzweifelt nicht nur und nicht zuerst an äußeren Umständen, sondern an sich selbst. Er ist am Ende seiner Kraft, seiner Weisheit, seiner Leidensfähigkeit. Aber er kann sich gesagt sein lassen, dass er damit noch nicht das Ende der Kraft, der Weisheit und der Liebe Gottes erreicht hat. Kraft, die ihn tragen kann, wohin er es aus eigener Kraft nicht zu gehen vermag, Weisheit, die ihm Wege zeigen kann, für die die eigenen Augen blind sind, Liebe, die ihn lieben und annehmen kann, wenn er selbst es nicht mehr kann.

Wenn diese Zusage den Menschen in seiner Verzweiflung erreicht, ist dies immer ein Akt der Gnade. Kein Prediger mit "Menschen und Engelszungen" bietet Gewähr dafür, dass der Ruf gehört wird. Aber wir dürfen auf diese Gnade Gottes hoffen. Sie kann uns stärken, wenn wir selbst in Verzweiflung geraten sind, und sie kann uns die Angst nehmen und die Kraft geben, auszuharren, wenn wir einem Verzweifelten in seiner Not beistehen.