ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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17.7.2019

Vertreibung der Wolgadeutschen
vor 60 Jahren

von Lutz Poetter

Der 28. August 1941 ist ein häufig vergessenes Datum deutscher Geschichte. An diesem Tag erließ der Oberste Sowjet ein Dekret zur Zwangsumsiedlung der Wolga-Deutschen ins ferne Kasachstan und nach Sibirien. Die Zarin Katharina die Große hatte Deutsche als friedliche Siedler ins russische Großreich geholt, auch an der Wolga lebten seit dieser Zeit Deutsche, die in der neuen Heimat zum Wohle Russlands lebten und arbeiteten, dabei jedoch ihre deutsche Sprache, Kultur und Religiosität bewahrten.

Mit dem Einmarsch der deutschen Soldaten in Russland änderte sich das Schicksal der Wolga-Deutschen schlagartig. Stalin erklärte sie pauschal zu Spionen und Diversanten, folglich zu Feinden des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht und ordnete Strafmaßnahmen gegenüber der gesamten deutschen Wolga-Bevölkerung an.
"Sie trieben uns raus wie obdachlose Hunde. Man hat uns Wolga-Deutschen alles geraubt – die Häuser, das Land, das Vieh, das Geld, die Heimat, die Rechte..." – so eine Überlebende.
Familien wurden auseinander gerissen und Tausende verloren ihr Leben – auch später im Frondienst der Arbeitsarmee.

Die Überlebenden hatten es schwer in Kasachstan und in Sibirien, denn sie galten durch die deutsche Herkunft ihrer Vorfahren als eine feindliche Minderheit, die in jeder erdenklichen Weise gedemütigt und unterdrückt wurde. Alles was an ihre ursprünglich deutsche Herkunft erinnerte, wurde geächtet und verboten: Die deutsche Sprache durfte weder gesprochen noch gelehrt werden, deutsche Bücher und Lieder waren bei Strafe verboten. Gerade auch die Religionsausübung in der überlieferten deutschen Form galt als staatsfeindlich: Die Bibel in der Übersetzung Martin Luthers und das Kirchengesangbuch mit den Liedern in deutscher Sprache waren verboten. Aber auch nachdem man die ehemals wolga-deutsche Bevölkerung von allen Resten ihrer deutschen Kultur getrennt hatte, blieben sie die benachteiligte Minderheit innerhalb der mehrheitlich russischen Bevölkerung.

Viele entschlossen sich nach Öffnung der Grenzen zur späten Aussiedlung nach Deutschland, in das Land ihrer Ahnen, ihrer Sprache und ihrer Kultur, die ihnen zwangsweise fremd geworden waren. Ironie des Schicksals: Waren sie in Kasachstan und Sibirien als "Deutsche" geächtet, so werden sie nun bei uns oft abschätzig "Russen" genannt.

Die großen christlichen Kirchen rufen aus Anlass der Vertreibung der Wolga-Deutschen vor 60 Jahren zur Erinnerung an dieses schreckliche Geschehen und zur Fürbitte und tätigen Hilfe für alle Menschen, die davon betroffen sind.
"Die aussiedelnden Deutschen und ihre Angehörigen verstehen sich in der überwiegenden Mehrzahl als Christen. Wir rufen die Mitchristen in unseren Gemeinde auf, das schwere Schicksal der Russland-Deutschen, das noch Generationen nachwirkt, nicht zu vergessen und bitten in ihrem Namen um freundliche Aufnahme, wenn sie zu uns in ihre alte, neue Heimat aussiedeln."

Was das Schönste sei hier bei uns in Lichterfelde... Frau M. verriet es mir: Anders als in Kasachstan darf man hier überall frei Deutsch sprechen – auf der Straße, im Bus, im Gottesdienst.
Seit sie mit ihrer Familie bei uns lebt, ist ihr ein schwerer Stein vom Herzen gefallen.