Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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14.12.2019

On the road again
Vom Reiz des Unterwegsseins

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Es ist 3 Uhr morgens, der Bus gleitet schon seit Stunden über die Autobahn, während draußen die Nacht vorbeizieht. Ein Zug aus der Klimaanlage oder eine ruckartige Bewegung hat einen aufschrecken lassen aus diesem Zustand zwischen Wachen und Schlafen. Wer Glück hat, hat eine Decke, die er höher unter das Kinn ziehen kann, sonst tut es der Mantel. Und wieder nickt man ein, für eine halbe, vielleicht aber auch für zwei Stunden.

Nirgends lässt sich so gut spüren, was es eigentlich heißt, unterwegs zu sein, wie auf solchen Nachtfahrten, am besten auf der Straße oder Schiene, und wenn möglich nicht allzu bequem. Man ist nicht mehr da, wo man herkommt, aber auch noch nicht dort, wo man hin will. Man ist abgereist, aber noch nicht wieder angekommen. In diesem Zwischenzustand zwischen hier und dort, gehüllt in konturlose Dunkelheit kommt es ganz von allein, das Gefühl der Losgelöstheit, das am besten erklärt, warum Reisen so viel mit Freiheit zu tun hat.

Der Antritt einer Reise ist häufig mit viel Geschäftigkeit und Nervosität verbunden. Eine schwer verständliche Mischung aus Angst und Unruhe befällt uns gerne zu solchen Anlässen. Die Anzeichen sind vielfältig. Am Vorabend einer Reise möchte ich für gewöhnlich nur eines: zu Hause bleiben. Vom Moment des Kofferpackens arbeite ich im Kopf wieder und wieder eine Liste ab. Habe ich alles dabei? Habe ich alles erledigt, was vorher noch getan werden musste? Wo sind meine Reisedokumente? Wissen alle Bescheid, die über meine Abwesenheit informiert werden mussten? Schon Tage vor einer Reise beginnt der Stress.

Und dann sitzt man im Bus, im Zug, im Flugzeug, und das alles fällt von einem ab. Jetzt ist es sowieso zu spät, egal ob das Küchenfenster noch offen ist oder wir unsere Zahnbürste vergessen haben: Wir erfahren es ja doch nicht mehr, oder werden es früh genug bei unserer Ankunft am Zielort bemerken. Und zu ändern ist es sowieso nicht. Also vergessen wir unsere Sorgen und Ängste, zunächst einfach aus Resignation, aber nach einer Weile bemerken wir, dass wir uns plötzlich angenehm frei fühlen, aus tiefstem Herzen frei. War das alles wirklich so wichtig? Wozu haben wir uns eigentlich so aufgeregt? Zahnbürsten gibt es schließlich fast überall auf der Welt zu kaufen. Und wenn einmal nicht, dann sind bisher auch keine Fälle bekannt, in denen jemand an mangelndem Zähneputzen gestorben sein soll, unangenehm wie es sein mag, plötzlich auf eine alltägliche Gewohnheit verzichten zu müssen.

Nun sind Zahnbürsten ein triviales Beispiel, aber Reisen stellen uns immer wieder vor die Situation, die Dinge nicht mehr um uns zu haben, ohne die wir uns unser Leben nicht vorstellen können, ohne die wir zu Hause keinen Tag aushalten würden – oder von denen wir dies doch zumindest glauben. Im konkreten Fall können das sehr unterschiedliche Dinge sein: das Auto, der Fernseher, der Computer oder der Terminkalender, aber auch liebe Menschen und Gewohnheiten.
Herausgerufen aus unseren täglichen Bindungen, dem Alltag entflohen, können wir plötzlich feststellen, dass wir diese Dinge alle gar nicht brauchen, jedenfalls nicht so, wie wir es immer geglaubt haben. Was wir zunächst als Verlust oder Einschränkung wahrgenommen und vielleicht sogar gefürchtet haben, entpuppt sich als Befreiung und uns dämmert, dass jede Bindung auch eine Fessel ist. Im Alltag haben wir dies kaum bemerkt. Kein Wunder, denn man erzieht uns dazu, unsere Fesseln zu lieben. Wir lernen von Klein auf, dass Sichsorgen die richtige Geisteshaltung für einen verantwortungsbewussten Menschen ist. Verantwortungslos nennen wir demgegenüber Menschen, die einfach in den Tag hineinleben. Wie kann man nur! Und wenn alle das täten!

Es ist also wenig verwunderlich, wenn uns Angst befällt, sobald wir im Begriff sind, das, was uns gefangen, aber auch geborgen hält, einmal abzustreifen. Aber nur, wenn wir dies ab und zu tun, bekommen wir die Chance, uns und unsere Umwelt neu wahrzunehmen und zu erleben, dass wir freier sind als wir glauben, wenn wir nur den Mut dazu haben.

Wir alle kennen sehr gut das Bild eines jungen Mannes aus Galiläa, der durch die Lande zieht, die Leute auffordert, alles stehen und liegen zu lassen und ihnen nette Geschichten über Blumen und Vögel erzählt, die auch nicht sorgen und arbeiten und doch existieren können. Man ist meistens so an dieses Bild gewöhnt, dass man sich gar nicht mehr nach dem Sinn dieses Hippiedaseins fragt.

Vielleicht sind wir mit dem Thema Reisen ganz nah herangekommen. Jesus fordert uns durch sein Beispiel auf, die Dinge einmal loszulassen, die uns gefangen halten. Er verspricht uns dafür die Erfahrung, dass wir entgegen unseren Ängsten bestehen können und nicht untergehen, weil unsere Existenz in Gott fester gegründet ist als auf Besitz, Verdienst oder Macht. Wer sich in Gott so geborgen fühlen kann, wie er es tat, braucht solche dinglichen Absicherungen nicht. Wenn wir ihm folgen, werden wir mit der Erkenntnis belohnt, dass Unfreiheit nur ein schlechter Ersatz für Geborgenheit ist und dass wir weit mehr sind als die Summe unseres Besitzes, unserer Tätigkeiten oder unserer Beziehungen.
Diese Erfahrung kann uns stark machen. Stark genug, um zu neuen Ufern aufzubrechen und uns für neue Erfahrungen zu öffnen. Aber auch stark genug, um den Herausforderungen des Alltags zu begegnen, hoffentlich ohne uns in heillose Abhängigkeiten zu verstricken.

Es ist 3 Uhr nachts, draußen zieht die Nacht vorbei. Wozu braucht der Mensch eigentlich eine Zahnbürste?

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