Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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12.11.2019

Meine Erinnerungen an Lichterfelde-Ost
Teil 3

von Eva Laucks

Lichterfelde-Ost vor 55 Jahren

Liebe Schlüsselredaktion,
mit viel Freude habe ich wieder den "Schlüssel" gelesen und mich besonders an den Schilderungen von Frau Laucks erfreut. Ich bin ein ähnlicher Jahrgang und habe Ähnliches erlebt, es war schon eine aufregende Zeit!

Aben nun zu dem "Bilderrätsel" auf Seite 7:
Es ist ein Bild von der Guthschen Gärtnerei in der Lorenzstraße. Im Hintergrund liegt die Langestraße mit dem Friedhof. Heute stehen dort 2 schöne neue Mietshäuser mit sehr geschmackvollen Balkonen – Nr. 48 und 49.

Wir sind als Kinder dort viel Roller gefahren. Ich wohnte Lorenzstraße 53 Ecke Parallelstraße im Haus von Zahnarzt Jordan, der damals eine "stadtbekannte" Persönlichkeit war, im gleichen Haus wie Regine Jung, mit der ich zusammen aufgewachsen bin. Eingesegnet von Pfr. Baltzer. Ja, es ist alles lange her. Heute bin ich Lankwitzerin und kenne Pfrn. Peters-Streu aus der Zeit als sie noch bei uns war "in Bonhoeffer".

Herzliche Grüße

Ihre Helga Lehmann

Lorenzstrasse heute

In den großen Ferien, ich war damals etwa 13 Jahre alt, half ich im Lebensmittelladen Dahnke am Pfarracker. Ich belieferte die Kunden mit dem Fahrrad, meistens in der Siedlung Salzunger Pfad bis Hasselfelder Weg. Diese Kunden waren fast alle etwas begütert, hatten oft ein "Mädchen" und ließen sich die Ware ins Haus bringen, die sie dann monatlich bezahlten.

Manchmal durfte ich auch mal ein Pfund Zucker abwiegen, in blauen Tüten, und die Kunden bedienen. Frau Dahnke trank am Nachmittag vorne im Garten unter der Fliederhecke ihren Kaffee mit reiner Sahne, was mir sehr üppig vorkam. In dieser Zeit durfte sie nicht gestört werden, aber ich musste ihr den Kaffee bringen.
In diesem Geschäftshaushalt waren mehrere Angestellte und zwei nette Töchter. Es gab immer sehr viel zu lachen, und da die Töchter Gretel und Else im heiratsfährigen Alter waren, ereignete sich auch immer etwas Außergewöhnliches.

Im Anbau auf dem Hof gab es eine große Wäscherolle. Diese lief auf zwei Holzrollen und war auch schon elektrisch. Die Wäsche wurde in ein Rolltuch aufgerollt, ich besitze noch heute einige von diesen Tüchern, und unter den schweren Kasten gelegt, der immer nach einer Seite kippte, damit man die Rollen unterlegen konnte. Ich habe nie erfahren, was eigentlich in diesem schweren Kasten war, habe mir aber oft vorgestellt, daß meine Mutter mal eine Rolle vergißt unterzulegen und der große Kasten absaust. Zum Glück ist es nie passiert.

Für meine Hilfe im Hause Dahnke bekam ich täglich 0,50 Pfennige und eine Cremeschnitte. Da ich schon immer sehr vernascht war, wurde dieses Geld dann wieder beim Bäcker Polenz am Oberhofer Weg umgesetzt, in eine Tüte Kuchenkrümel für 5 Pfennige. Wie herrlich, wenn dann noch ein vermanschtes Stück Cremetorte dazwischen lag. Lag mal eine Wespe dazwischen, so störte das keineswegs. Und dann der herrliche "Warschauer" für 5 Pfennige ein Riesenstück! Für die Unwissenden: es waren alle Kuchenabfälle zusammen gebacken und darüber sehr viel Puderzucker gestreut.

Mit Beginn des Krieges 1939 änderte sich schlagartig alles.
Es wurden Lebensmittelkarten eingeführt. Textilien und Schuhe gab es nur noch auf Bezugschein, die Verdunkelung wurde eingeführt und die Straßenbeleuchtungen erloschen für mehrere Jahre. Dafür wurden alle Bäume mit Phosphorfarbe angestrichen, so dass im Dunkeln noch etwas leuchtete. Die Autos, soweit sie nicht gleich beschlagnahmt waren, hatten vor den Scheinwerfern nur noch kleine Lichtschlitze. Als die erste Splitterbombe am Wienroder Pfad fiel, war es noch ein Ereignis, zu dem viele Menschen pilgerten, um sich den Trichter anzusehen.
Auf unserer schönen Spielwiese wurde zunächst ein Acker gepflügt und ein Kornfeld entstand. Jede Nutzfläche wurde ausgewertet. Und weiter danach wurde ein großer Bunker gebaut, in dem wir nun bei jedem Fliegeralarm Schutz suchten. Manchmal liefen wir dreimal in einer Nacht mit unseren Koffern dorthin. Mütter mit ihren Kindern aus der Umgebung hatten dort feste Schlafplätze. Etagenbetten mit karierter Bettwäsche waren vorhanden. Und nach dem Zusammenbruch, jeder hatte Organisationstalent, liefen viele Mädchen und Frauen in karierten Kleidern umher, woher wohl?

Inzwischen war ich im Beruf und trotz der nächtlichen Unterbrechungen mussten wir immer pünktlich im Büro erscheinen. Das Wort "Stress" gab es noch nicht.
Der Bunker hat standgehalten und vier Tage vor Kriegsende, im April 1945, fiel noch eine Luftmine in das Mietshaus am Brauerplatz Nr.1. Dieses Haus, dreistöckig, fiel total in sich zusammen und alle umliegenden kleinen Häuser erlitten so schwere Beschädigungen, dass man glaubte, alles abreißen zu müssen. Unsere Ecke glich einer ausgestorbenen Siedlung.

"Organisieren" hat man sofort gelernt und wer irgend etwas entdeckt hatte, gab es an die anderen weiter. Die Not war groß und es half wirklich einer dem anderen.

So entdeckte irgend ein schlauer Mensch auf dem Güterbahnhof Lichterfelde Ost einen Tankwagen mit Speiseöl. Wo der herkam oder hinsollte, wusste keiner. Wie ein Lauffeuer ging das herum und wir zogen los, mit Wassereimer und holten uns das kostbare Öl. Da die Russen immer noch in den Häusern und Gärten Kontrollen machten, mit Stangen in den Gärten umherstocherten, um vergrabene Schätze zu entdecken, vergruben wir einfach das Öl in abgefüllte Flaschen auf Grundstücken, die zur Zeit nicht bewohnt waren.

Der Rasen in unserem Garten wurde umgegraben und Gemüse angepflanzt. Die Obstbäume trugen auch etwas und mein Vater führte Buch über alle Erträge. In seinen Aufzeichnungen fand ich "Der Obstbaum Boskop – alle Äpfel geklaut", das war 1946. Wir haben alle geheult! Der kalte Winter 1947/48 wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es gab in diesem Winter nur einen Viertel Zentner Steinkohle auf Zuteilung. Man kann sich denken, wie wir gefroren haben. Zum Glück fuhren die Kohlenzüge bei uns vorbei. Sie mussten immer am Signal halten und manch einer von damals wird sich auch daran gut erinnern, wie schnell diese Züge gestürmt wurden und die Kohlen nur so den Bahndamm runter geworfen wurden. Nur so kamen wir einigermaßen über die Runden, aber geheizt wurde im ganzen Haus nur ein einziger Raum, wo sich dann alle Personen aufhielten.

Der Bunker wurde gesprengt und es gab wieder Pläne für die Bebauung dieser Fläche. Zur Debatte standen Wohnhäuser, Sportstätten oder Lauben. Zum Glück setzte sich der damalige Rektor Hinze dafür ein, dass die Fläche grün blieb und ein Laubengelände entstand. Damals noch mit Obst und Gemüse bepflanzt, heute Erholung für viele junge Familien mit Kindern.

Seit Oktober 1998 fährt nun wieder die S-Bahn bis Lichterfelde Süd und mit den Spaziergängen auf dem Bahndamm ist es vorbei. Doch es wird nicht mehr lange dauern, dann wird die Verbindung bis Teltow wieder hergestellt sein.

Die ganze Gegend um mich herum hat sich verjüngt und ich gehöre nun zu den Senioren am Pfarracker. Die gute Nachbarschaft und Gemeinschaft hat sich bis heute erhalten und ich bin glücklich, immer noch in meinem Elternhaus leben zu können.

Ihre Eva Laucks geb. Lienig

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