Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Wieviel Würde hat ein Klon?

von E-Mail

In der aktuellen Diskussion um Nutzen und Risiken der Gentechnologie fällt ein Begriff immer wieder: "Die Würde des Menschen." Meist wird er herangezogen, um für eindeutige und eher restriktive Grenzziehungen zu plädieren. Häufig genug ist der Ton der Debatte dazu noch hitzig, hitzig genug um zu fragen: Was ist so besonders, gerade an der Gentechnologie, daß sie so erregt, so polarisiert und zur Verwendung derart schweren Kalibers ermuntert? Wir führen keine Diskussion darüber, ob Chirugie, Halbleitertechnik oder Kybernetik die Würde des Menschen bedroht. Warum also gerade hier?

Eines kann man mit Sicherheit sagen: Die meisten Hoffnungen, die heute mit der Gentechnologie verbunden werden, sind illusorisch und stützen sich – zumindest zum heutigen Tag – eher auf Wunschdenken als auf medizinisch-technische Möglichkeiten. Aber dasselbe gilt für die meisten Ängste. Die Heftigkeit der Debatte ist also ein Ergebnis dessen, daß hier glühendste Hoffnungen und tiefste Ängste miteinander in Streit liegen. Aber Hoffnung worauf und Angst wovor eigentlich?

Vielleicht macht uns die Gentechnologie so viel Angst, weil sie den aktuellen Konsens über das Menschsein in Frage stellt. Der aktuelle Konsens lautet: Alles, was genetisch ein Mensch ist, hat – unabhängig von sonstigen Umständen – ein Recht darauf, menschenwürdig behandelt zu werden. Damit grenzen wir uns von Funktionsbestimmungen des Menschseins ab, die sich historisch als unzureichend erwiesen haben. Und jetzt stoßen wir an die Grenzen der aktuellen Definition. Wenn alles, was genetisch ein Mensch ist, menschenwürdig behandelt werden muß, wie ist es dann mit genmanipulierten Menschen? Was ist mit Klonen, die nur zu medizinischen Zwecken erzeugt wurden? Und wie ist es zu bewerten, wenn menschliches Erbut in Tiere oder Pflanzen eingebaut wird oder umgekehrt einem Menschen tierisches oder pflanzliches Erbgut?

Werden wir noch radikaler: Warum soll man einen Menschen besonders behandeln? (Denn auf nichts anderes zielt der Begriff der Menschenwürde hier.) Warum soll man den Menschen nicht wie eine Sache oder etwa ein Tier behandeln?

Möglicherweise handelt es sich um so etwas einfaches wie Hochmut der Spezies, vielleicht halten sich auch alle Ameisen für etwas ganz Besonderes und glauben daher, daß Ameisen nicht wie andere Tiere behandelt werden dürfen. Daneben sind es aber auch die ganz eigenen Qualitäten, die den Menschen von Dingen oder Tieren unterscheiden: Sein hochentwickelter Intellekt, seine Fähigkeit, differenziert zu reagieren und diese sogar nach seinen eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Aber eben dies ist eine rein funktionale Bestimmung des Menschseins. Sie ist richtig, kann aber dazu mißbraucht werden, denjenigen das Recht auf eine menschenwürdige Behandlung abzusprechen, die diesen Funktionskriterien nicht mehr oder noch nicht entsprechen, wie zum Beispiel das Ungeborene oder der komatöse Patient.

Die schrillen Töne, die sich in die Diskussion um die Gentechnologie mischen, entspringen der Angst vor dem Dammbruch genau an diesen Stellen. Um Bischof Huber zu zitieren: "Gibt man diesem Denken nach, dann wird auch der noch verbliebene Schutz für den Embryo im Mutterleib zusammenstürzen wie ein Kartenhaus."

Aber macht nicht gerade dieses Beispiel deutlich, daß der Gentechnologie mehr zugeschoben wird, als berechtigt wäre? Daß es häufig nur sehr uneigentlich um Gentechnologie geht? Die Diskussion über die Gentechnologie führt uns genau in Grenzsituationen des Lebens, Entscheidungen um Leben und Tod, Wohl und Wehe.

Es waren schon immer diese Grenzsituationen, die unsere säuberlich durchdachten Definitionen auf die Probe stellten und häufig genug brüchig werden ließen, dazu bedarf es nicht einmal der Gentechnologie. Für viele Menschen dienen solche Definitionen dazu, sich in Sicherheit zu wiegen, sich selbst glauben zu machen, man könne das Leben beherrschen, auch dort, wo man an seine Grenzen stößt. Aber ist es richtig und vor allem menschlich, sich gegenüber einer ungewollt Schwangeren, einem leidenden Todkranken, der die Abhängigkeit von der Apparatemedizin fürchtet, einer Familie, die sich von einem Pflegefall überlastet fühlt, hinter zweifellos richtigen Definitionen zu verschanzen?

Der Wunsch nach einer Abtreibung, der Wunsch nach Sterbehilfe entsteht nicht, weil wir technisch in der Lage sind, eine Schwangerschaft abzubrechen oder weil wir die medizinischen Möglichkeiten haben, einen Menschen zu töten. Der Wunsch entsteht, weil sich die direkt davon betroffenen Menschen von der Anwendung dieser "Technologien" etwas erhoffen, und sei es die Verringerung von Leid.

Somit müssen wir uns fragen: Warum wollen wir die Gentechnologie anwenden, oder warum wollen wir es nicht? Und wir müssen uns auch fragen, ob es auf diese Frage eine allgemeingültige Antwort geben kann, die für alle Verbindlichkeit haben muß. Die Bespiele des Schwangerschaftsabbruchs oder der Sterbehilfe illustrieren, daß allgemeingültige Grenzen nur schwer gesetzt und gerade aus Gründen der Menschlichkeit kaum in jedem Einzelfall verteidigt werden können. So kann ich es ja durchaus für mich persönlich ablehnen, mich klonen zu lassen, was aber noch nicht bedeuten muß, daß es auch jedem anderen verboten werden muß.

Jedenfalls würde ich mich nicht in meiner Würde bedroht sehen – und würde auch sonst die Würde keines anderen Menschen konkret dadurch bedroht sehen -, falls jemand sich entschließen sollte, ein genetisches Duplikat von sich anfertigen zu lassen. Die Würde des Menschen hängt an keiner Technologie. Die Würde des Menschen ist etwas, was ihm nur durch andere Menschen zugestanden – oder eben auch genommen – werden kann. Vielleicht werden wir dies erst realisieren, wenn der erste geklonte Mensch tatsächlich vor uns steht und wir bemerken, daß er ein Mensch ist, wie wir auch, und daß es seiner Würde keineswegs Abbruch tut, "nur" die genetische Kopie eines anderen Menschen zu sein.

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