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16.7.2018

Rede am 8. Mai 2001
am Gedenkstein Wismarer Straße

von Pfarrer E-Mail

Foto: mediaray Liebe Versammelte,
gerade hier am Teltowkanal zeigt sich unser Lichterfelde von seiner freundlichsten Seite: Sattes Grün, Spazierwege, Gärten und Spielplätze – Leben am Stadtrand. Beinahe idyllisch – eine bevorzugte Lage in Berlin, Familien haben es gut hier, Kinder können fröhlich aufwachsen. Ich selbst lebe und arbeite gerne als Gemeindepfarrer in Lichterfelde.

Man kann es sich kaum vorstellen, dass eben hier an dieser Stelle ein Zwangsarbeiterlager errichtet war, dass hier Menschen gefangen gehalten, ausgebeutet, gequält und zur Vernichtung bestimmt wurden: Damals in den 12 dunklen Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Aber beim Rundgang durch das ehemalige Lagergelände sind die Schreckensbilder vor Euren inneren Augen aufgetaucht, Euch als ehemaligen Lagerhäftlingen gellen sie noch in den Ohren – die Schreie der Vergangenheit.

Der Stein mit der eisernen Kette und der erklärenden Inschrift in der Bodenplatte erinnert an Leid, dass hier unschuldigen Menschen zugefügt wurde, an Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben.
Unrecht lässt sich nicht ungeschehen machen, nicht wiedergutmachen – auch wenn wir das gerne so hätten. Der Schaden an Leib und Seele der Opfer bleibt für immer und lässt sich nicht wirklich entschädigen, zumal die große Mehrheit der Geschädigten längst nicht mehr lebt.

Auch mit der Entschuldigung ist es nicht so einfach, wie die Worte es nahelegen: Man kann sich nämlich nicht selbst entschuldigen. Trotzdem hat das Sich-Entschuldigen derzeit Konjunktur:

Der Papst entschuldigte sich für die kirchliche Inquisition, Politiker der USA entschuldigten sich für die Versklavung schwarzer Afrikaner. Indianer in Nordamerika, Aboriginees in Australien warten wie viele andere Opfer weltweit auf ein Wort nachträglichen Bedauerns.

"Entschuldigung!" Immerhin ist es das Eingeständnis, dass es nicht in Ordnung war so. Aber damit ist man die Schuld nicht los. Entschuldigung und Vergebung kann nur erbeten werden von Gott und den Opfern der bösen Taten. Gerade Christen wissen, dass wir uns Vergebung und Entschuldigung nicht selber gewähren können.
Was können wir also tun an diesem Gedenktag?

Erstens: Verstehen, erinnern was war damals, und nichts beschönigen und verdrängen um der Wahrheit und der Würde der Opfer willen. Und zweitens versprechen, dass es nie wieder so sein darf bei uns wie damals.
Dankbar sehen wir auch – es ist heute nicht mehr so: Das Deutschland der Gegenwart unterscheidet sich von Nazi-Deutschland. Gemeinsam können wir die schreckliche Vergangenheit vergangen sein lassen.

Wir Deutsche haben es besser in unserm Land heute. Das ist nicht unser Verdienst – gerade am 8. Mai ist dies deutlich – Deutschland wurde befreit vom Nationalsozialismus, weil es sich aus eigener Kraft nicht befreien konnte. Die Drecksarbeit der Befreiung haben Soldaten der Alliierten gemacht – allen voran die Soldaten der Roten Armee. Heute ist Deutschland ein freies, demokratisches und wohlhabendes Land in der Gemeinschaft der Länder Europas. Und das ist nicht einfach unser Verdienst. Um es klar zu sagen: Wir sind nicht besser als die Deutschen damals, aber es geht uns besser.

Wir sind dankbar für die Zeichen der Versöhnung. Euer Besuch als ehemalige Lagerhäftlinge hier in Lichterfelde ist ein deutliches Zeichen der Versöhnung. Damals muss Lichterfelde gleichbedeutend mit Schreckensort gewesen sein. Ihr habt einen weiten Weg auf Euch genommen und seid wieder hier. Nehmt von Eurem Besuch ein neues, friedliches Bild von Lichterfelde mit nach Hause!

Es darf bei uns nie wieder so werden, wie Ihr es schrecklich erleben musstet. Das versprechen wir.

Und noch ein Wort zur sogenannten Entschädigung: Der vorenthaltene Lohn für die geleistete Zwangsarbeit sollte endlich gezahlt werden.

Ich danke allen für die Aufmerksamkeit.

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