ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juni 2001

16.7.2018

Referat am 8. Mai 2001
am Gedenkstein Wismarer Straße

von Franz-Josef Fischer

Foto: mediaray
Schweigemarsch durch das Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers

Foto: mediaray
An dieser Stelle wurde ein KZ-Häftling gefoltert und ermordet

Foto: mediaray
Ein Häftlingslied wird gesungen

Foto: mediaray
Ein Geschenk der Schüler des Fichteberg-Gymnasiums

Foto: mediaray

Einen schönen guten Tag wünschen wir allen anwesenden überlebenden Häftlingen des KZ-Zwangsarbeiterlagers von Lichterfelde, die heute nach 56 Jahren zu diesem Versöhnungstag gekommen sind. Heute, am 8. Mai 2001, zum Gedenk- und Befreiungstag, reicht Euch bitte alle die Hände für Einsicht und Versöhnung.

Die heutige deutsche Generation ist nicht dafür verantwortlich, was in der 12jährigen Nazi-Diktatur in der Zeit von 1933 bis 1945 geschah. Doch die jetzige Generation darf heute auf keinen Fall durch Gleichgültig dem Treiben des Neonazismus zu- oder wegschauen.

Wir, als Überlebende des Hitler-Faschismus, können die sadistisch-brutalen Greueltaten und das tägliche Morden nicht vergessen.
Und wir danken den Historikern, die sich bemühen, die 12jährige Nazi-Diktatur mit und für die jetzige Generation aufzuarbeiten und nicht umzuschreiben.
Zur Erinnerung: Hitler erklärte öffentlich gleich nach der Machtübemahme am 30.01.1933: "Ich kenne ab sofort keine Partei mehr, ich kenne nur noch Gefangene".

Dazu paßt die "Neujahrsbotschaft 1934" des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler: "Eine der dringendsten Aufgaben, die wir vor uns haben, ist die, alle offenen und verborgenen Feinde des Führers und der nationalsozialistischen Bewegung ausfindig zu machen, sie zu bekämpfen und zu vernichten!"

Alles, was in den ersten Jahren von der SA in den Moorlagern praktiziert wurde, war in Himmlers Augen noch immer nicht das "durchorganisierte" kalte System der Massenvernichtung.
Diese Leistung wurde erst ab 1935 von den Totenkopfverbänden der SS vollbracht. Sie schufen mit deutscher Perfektion Einrichtungen, die sie von vornherein auf Dauer berechnet hatten. SS-Kasernen, SS-Siedlungen und KZ-Schutzhaftlager wurden als untrennbare Einheiten geplant und von den KZ-Schutzhäftlingen aufgebaut. Zuerst im Reichsgebiet, 1938 in Österreich und Sudetenland.
Wie die so genannten "Blitzkriege" der Deutschen Wehrmacht, die die Besetzung der Länder durchführten, erfolgten die gewünschten Massenverhaftungen und die KZ-Vorrichtungslager.

In den faschistischen KZ-Schutzhaftlagern und in den Massen-KZ-Vernichtungslagern wurden von 1933-1945 im Namen des Deutschen Volkes 18 Millionen Häftlinge, darunter auch Kinder, festgehalten, Davon wurden 11 Millionen Häftlinge von den SS-Totenkopf-Verbänden auf die brutalste, sadistischste Weise ermordet.

Am 26. Juni 1942 wurde hier am Teltowkanal zu Lichterfelde auf 31.580 m2 vom Schutzhaft-KZ-Lager Sachsenhausen eines der 75 KZ-Zwangsarbeitslager erstellt. Hier wurde öffentliche Zwangsarbeit unter den Augen der Steglitzer Bürger geleistet.

Meine Erfahrungen, die ich jahrelang durch Besuche von KZ-Schutzhaftlagern und KZ-Zwangsarbeitslagern gemacht hatte, haben die Bürger nach 1945, was während der Nazi-Diktatur geschah, verdrängt. Nicht nur hier in Steglitz, sondern überall, wo KZ-Schutzhaftlager und KZ-Arbeitslager standen.

Vor der bedingungslosen Kapitulation, als Deutschland und alle besetzten Staaten in Schutt und Asche lagen, hat der Kriegsheld Adolf Hitler am 30. April 1945 um 15:30 Uhr in seinem Bunker unter der Neuen Reichskanzlei mit einem Pistolenschuß sein wahnsinniges Leben selbst beendet.
Auch SS-Reichsführer Himmler war der Tagesbefehl am 8. Mai 1945 tabu: KZ-Häftlingen den Geist zerstören, den Körper brechen, den Rest des Häftlings zermürben, vernichten!!!

77% der Deutschen haben gern für Hitler gekämpft. Nach dem Zusammenbruch des "braunen" Terror-Staates wollte niemand wissen, was alles in den 12 Jahren an Brutalität und Sadismus geschah.
Vom General, Reichsführer, bis zum kleinsten Parteigenossen der NSDAP, sind bis heute wenig ehemalige Anhänger der Parole "wir werden hinter Hitler stehn und sollte es durch die Hölle gehn" treu geblieben, weil, ja weil sie entweder Christen (CDU/CSU) oder Rosa-Rote wurden.

Und heute, am 8. Mai 2001, stehen wir hier, als eine Gruppe von internationalen Überlebenden vom Zwangsarbeitslager Lichterfelde. Dies zu verdanken haben wir vor allem dem ehrenamtlichen Historiker und meinem neu gewonnen Freund Klaus Leutner. Denn ohne seine unermüdlichen Forschungstätigkeiten wäre dieses Kapitel KZ-Zwangsarbeitslager Lichterfelde für dis Zukunft ungeschrieben geblieben.

Ein Dankeschön möchte ich, auch im Namen aller Überlebenden, dem mutigen Bürger von Lichterfelde Reinhart Crüger aussprechen, der seine Erlebnisse mit und von den Zwangsarbeitern des KZ-Lagers Lichterfelde damals beobachtete und am 29.01.2001 als Zeitzeuge im Alten Rathaus Lichterfelde schilderte.

Der 8. Mai 1945 ist für uns Überlebenden, die im Widerstand gegen den Hitler-Faschismus kämpften, ein Ehrentag der Befreiung.
Er soll auch ein Ehrentag der heutigen Generation bleiben und der jungen Nachfolge-Generation übermittelt werden.
Der 8. Mai 1945 brachte die Verwirklichung der Hauptziele aller internationalen Widerstandskämpfer: Den Sturz des Nazi-Regimes und einen vorläufigen Frieden.
Der 8. Mai soll und darf auch der heutigen Generation und Jugend nicht in Vergessen geraten. Wir überlebenden Häftlinge wünschen, daß alle Jahre am 8. Mai, hier an diesem Mahnmal, die Bevölkerung beiträgt, gegen das Vergessen mitzuwirken, die mit Leid und Qual von Millionen Menschen Opfer wurden, von Rassenwahn, Militarismus und Kriegsverbrechen.

Lernt aus der Vergangenheit, die Gegenwart zu meistern, ohne in der Zukunft einer kadavergehorsamen Politik Folge zu leisten. Die Jugend, nach allen Begebenheiten, soll und muß freier Denker sein und den kadavergehorsamen Machtpolitikern Widerstand leisten.

Ich schließe meine Ansprache an Sie mit den Worten: Der Schoß ist fruchtbar noch ...
Dieser Ausspruch Bertolt Brechts hat nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil. Neonazistische und faschistische Umtriebe gehören schon wieder zum Alltag in der Bundesrepublik – vielfach geduldet.

Danke für Eure liebevolle Aufmerksamkeit

Euer Franz-Josef

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch: